Auf dem Dach der Welt

Das Königreich Bhutan liegt im Himalaya, und zwar hier.

Bhutan - auf dem Dach der Welt

Übersetzt bedeutet der Landesnamen "Land des Donnerdrachens". Wie kommt Bhutan auf die Idee, ein Bruttonationalglück als Staatsziel zu definieren?
Der damalige König hatte den Begriff um das Jahr 1980 geprägt (*). Man wollte die traditionelle Kultur des Landes und das dort herrschende buddhistische Weltbild erhalten – im Einklang mit dem Streben nach höherem wirtschaftlichem Wohlstand.

Einen solchen Satz muss der Leser erst einmal verdauen. Man kann sich nun fragen, was die deutsche, österreichische oder schweizerische traditionelle Kultur der Gegenwart ausmacht. Und dann kommt noch die komplizierte Frage nach dem herrschenden Weltbild in unserem Kulturkreis.

Wachstumshysterie?

Das Volk in Bhutan hat das Nachdenken über diese Zusammenhänge im Hinblick auf wirtschaftliches Handeln nicht gescheut. Bei uns liegen die Dinge recht einfach: die Wirtschaft muss wachsen. Wir haben eine ganze Reihe von Indizes entwickelt. Mit Argusaugen achten unserer Wirtschaftswissenschaftler darauf, dass die Wachstumsraten unter diversen wirtschaftlichen Gesichtspunkten Jahr für Jahr erfüllt werden. Denn sonst, im Falle eines dauerhaft ausbleibenden Wachstums, droht der wirtschaftliche und soziale Abstieg. Armut, Unruhen – ein Schreckens-Szenario tut sich auf.

Haben die Ökonomen in Bhutan ein bisher unbekanntes und überraschend simples Wirtschaftsmodell entdeckt?

(Bild: geralt)

In der Mitte ruhen

"Wirtschaft ist nicht alles", so könnte ein Mitteleuropäer das Denkmodell aus Bhutan skizzieren. Neben der reinen ökonomischen Notwendigkeit erkennen die Menschen in Bhutan noch andere Lebensbereiche als wichtig an.
Diese sind: Kultur und Spiritualität. Glück, oder besser gesagt Bruttonationalglück, definiert sich in Bhutan als ein 4-Säulen-Modell:

  1. Soziale Gerechtigkeit
  2. Bewahrung von Kultur und Tradition
  3. Umweltschutz
  4. Eine "gute" Regierung.

Der Bürger im Westen staunt. Dies liest sich wie das Parteiprogramm jeder Partei bei uns.
Hat es in Bhutan besser funktioniert als bei uns? Und - wer misst die Ergebnisses diverser staatlicher Handlungen, falls dies unternommen wurden?

Das Maß aller Dinge

Mehrere Institute haben sich daran gemacht, diesen Glücksbegriff thematisch festzulegen und Aktivitäten bzw. Ergebnisse daran zu messen.

So hat eine Stiftung mit Sitz in London eine "Happy Planet" Index aufgelegt (*). Was wird gemessen?

  • Die Zufriedenheit des Individuums ("glückliche Lebensjahre").
  • Die Lebenserwartung
  • Ein ökologischer Fußabdruck". Darunter verstehen die Schöpfer dieser Messmethode die Landfläche, die zur Ernährung eines Menschen notwendig ist (*).

(Bild: Unsplash)

Der Leser mag spüren, dass die Definition und die Erhebungsmethoden dieses Verfahrens nicht ohne Kritik bleiben werden. Und es hat reichlich Gegenwind gegeben, zum Beispiel aus der renommierten Universität von Harvard (*).

Dennoch, der Ansatz macht neugierig. Wer spielt denn nun in der Champions League der glücklichsten Nationen ganz oben?

Dänen und Kirgisen

Dänen und Norwegern geht es gut, ebenso den Schweizern und den Menschen in Kirgisistan und - in Bangladesh, je nachdem, wie man die Indizes anwendet. Die Aussagen widersprechen in einigen Fällen den vorgefassten Meinungen, die ein Mensch im Westen von einigen dieser Ländern in sich trägt. Dennoch, die Urheber dieser Bewertungsidee wollen herausgefunden haben, dass Lebenszufriedenheit nicht unbedingt an einen sehr hohen materiellen Wohlstand gebunden sein muss.

Zurück zu Bhutan und dem Begriff vom Bruttonationalglück. Die Bewertung des Begriffes erscheint umso schwieriger, je subjektiver gefärbt das Weltbild des Beobachters ist.
Nicht nur in Bhutan, auch in Bolivien und in Ecuador sucht man nach dem "buen vivir", oder nach pursuit for happiness, wie die Amerikaner den Begriff in ihrer Verfassung verankert haben.
In Deutschland ist ebenfalls eine staatliche Kommission eingesetzt worden. Über sogenannte W3-Indikatoren sollen Maßzahlen von Wohlstand und Fortschritt mit Begriffen wie Lebensqualität und Gesundheit verknüpft werden.

in diesen westlich orientierten Glücks-Indizes bleibt der liebe Gott allerdings weitgehend außen vor. Die Menschen in den Industrienationen halten es mehr mit dem diesseitigem Seligkeit. Im Interview mit dem ehemaligen König von Bhutan war noch von "Spiritualität" und von der Bewahrung von "Kultur und Tradition" die Rede.

Autor seit 2 Jahren
180 Seiten
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