Wann muss ein Kind »trocken« sein?

Vorurteile und falscher Ehrgeiz machen dies zu einer zentralen Frage

Kinder sind keine Maschinen sondern Menschen, Individuen und daher auch im Verhalten und in der Entwicklung ganz unterschiedlich. Dementsprechend sind manche Kinder ganz einfach früher »trocken« als andere. Bei manchen wiederum kommt es plötzlich zu Rückfällen. Und all das ist innerhalb eines Rahmens völlig normal. Doch viele Eltern sehen genau diesen nicht genau definierten Rahmen viel zu eng und sind der Meinung, dass ein Kind allerspätestens mit drei Jahren »trocken« sein muss, besser noch mit zwei Jahren. Doch dies ist nicht nur ein Irrtum, sondern setzt die Kinder (und unterbewusst meist auch die Eltern selbst) unter einen ungeheuren und unsinnigen Druck. Es ist auch normal, dass sich das Kind tagsüber unter Kontrolle hat, jedoch nachts noch nicht. 

Tatsächlich gehen Mediziner davon aus, dass ein Kind erst mit fünf oder sechs Jahren in der Lage ist, allmählich die Blase so zu kontrollieren, dass sie auch nachts nicht mehr Gefahr laufen, ins Bett zu nässen. Alleine dies sollte Eltern soweit beruhigen, dass ihr Kind eben kein unfähiger »Bettnässer« ist, sondern ein ganz normales Kind, das sich in der Entwicklung befindet. Erst ab etwa sieben Jahren sprechen Mediziner von einer Enuresis nocturna, die nochmals unterteilt wird in primäre nächtliche Enuresis und sekundäre nächtliche Enuresis. Von der primären spricht man, wenn das Kind seit der Geburt noch nicht »trocken« war, von der sekundären, wenn es nach mindestens einem halben Jahr zu einem Rückfall kommt.

Was tun, wenn das Kind ins Bett nässt?

Zunächst einmal besonnen reagieren und den Kind keinen Vorwurf machen! Denn viel zu häufig wird gerade dieser Fehler von Eltern begangen, als könne das Kind etwas dafür oder mache es gar mit Absicht, um auf sich aufmerksam zu machen. Bis zu etwa fünf Jahren sollte man sich ohnehin keine allzu großen Gedanken über das Bettnässen machen, insbesondere nicht, wenn es eben ab und zu passiert.

Und auch wenn ein Kind, das bereits »trocken« war plötzlich wieder beginnt nachts ins Bett zu machen, ist das auch kein zwingendes Alarmsignal für eine etwaige Krankheit oder ein Defizit. Auch solche Rückfälle kommen häufig vor. Immerhin machen etwa 25 Prozent aller Vierjährigen nachts hin und wieder ins Bett und selbst bei siebenjährigen Kindern sind es noch 10 Prozent. Übrigens sind auch Jugendliche bis zu einen kleineren Prozentsatz betroffen.

Erste Gedanken sollte man sich als Eltern machen, wenn das Kind älter als fünf Jahre ist und noch regelmäßig ins Bett nässt, zumal dann auch das Kind selbst darunter leidet.

Was sind die Ursachen für das Bettnässen

Körperliche Defizite oder psychische Probleme?

Es kann ganz unterschiedliche Ursachen dafür geben, weshalb ein Kind oder Jugendlicher nachts ins Bett nässt. Es kann beispielsweise eine Entwicklungsverzögerung vorliegen. Gerade die Angst davor ist wohl der Hauptgrund, weshalb Eltern sich schon sehr früh Sorgen machen. Doch wie erwähnt, sollte man sich hierüber bei einem Kind unter fünf Jahren noch nicht den Kopf zerbrechen, bei älteren wäre dann hingegen nach der Ursache zu suchen. Auch eine eingeschränkte Reizverarbeitung im Gehirn kann Grund für Bettnässen sein, was beispielsweise bei Kindern die unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) leiden zu beobachten ist. Nachts wird im Allgemeinen weniger Urin gebildet, wofür bestimmte Hormone mitverantwortlich sind. Werden hiervon zu wenige produziert, kann es ebenfalls zu Bettnässen kommen. Überprüfen kann das nur ein Arzt und den sollte man ggf. auch aufsuchen – aber ohne übertriebene Panik.

Doch nicht nur körperliche Defizite kommen als Ursache für Bettnässen in Frage. Auch ein psychisches Problem (wobei das Wort »Problem« weit gefasst verstanden sein soll) kann Ursache sein. Es gibt viele Dinge die Kinder wesentlich mehr belasten als Erwachsene, manche Kinder sind dabei wiederum sensibler als andere. Etwa ein Schulwechsel oder Umzug in eine neue Stadt, damit verbunden der Verlust von Freunden oder auch die Geburt eines Geschwisterchens. Einschulung, Schulprobleme, Probleme mit Schulkameraden können ebenso wie ein Todesfall oder Streit der Eltern und Trennung Ursache für Bettnässen sein. Dies sind dann meist die Gründe für eine sekundäre nächtliche Enuresis. Letzten Endes kann alles was ein Kinderhirn beschäftigt und belastet dazu führen, dass es nachts plötzlich wieder ins Bett macht. Auch hier sollte man nach den tatsächlichen Ursachen suchen, was am ehesten gelingt, wenn die Eltern ruhig und einfühlsam bleiben. Nur über Vertrauen und vertrauensvolle Gespräche und Beobachten, lässt sich dies herausfinden, keinesfalls hingegen durch nüchterne Befragung oder gar Strenge und Maßregelungen. Am besten stellt man sich währenddessen auch auf die Situation ein und sorgt mit entsprechender Bettausstattung vor, um die eigenen Nerven zu schonen und den Aufwand und Ärger einigermaßen zu begrenzen. So bleibt man zumindest etwas entspannter und kann leichter das selbst Problem analysieren.

Welche Bettbezüge und Matratzen sind geeignet

Mit der entsprechenden Ausstattung lässt sich das Problem des Bettnässens je nach Ursache, nicht unbedingt beheben, doch ist es sowohl für das Kind als auch für die Eltern eine echte Unterstützung, vorausgesetzt, man sucht weiterhin nach der Ursache. 

Als Material für die Bettwäsche ist in den letzten Jahren immer mehr die Mikrofaser in Mode gekommen. Gerade diese wird aber meist von Kindern, insbesondere wenn es nachts mal wieder passiert ist, als sehr unangenehm empfunden. Bettwäsche aus Baumwolle ist dem synthetischen auf jeden Fall vorzuziehen. Es gibt spezielle Allergiker-Decken, die gut geeignet sind. Unerlässlich ist eine gummierte Matte die unter das Betttuch gelegt wird. Eine Schicht aus Kautschuk oder Polyurethan verhindert dabei, dass Urin auf die Matratze gelang, die oberste Schicht aus Baumwolle nimmt die Feuchtigkeit auf, so dass nicht alleine im Bettlaken die ganze Nässe ist.

Sollte das Kind nachts ins Bett nässen, lässt sich alles miteinander in der Waschmaschine waschen. Man sollte lediglich darauf achten, dass es sich tatsächlich um die geeignete Kombination handelt und alles mit 60 °C gewaschen werden darf. Wer zwei Garnituren kauft, sorgt zudem für deutliche Entspannung, da im Zweifelsfall das Bett sofort wieder neu hergerichtet werden kann.

Was kann man gegen Bettnässen tun?

Tipps für Eltern

Zunächst gilt auch hier der schon mehrfach gegebene Rat: Ruhe Bewahren, sich in Geduld üben und kein Vorwürfe machen! Auch gilt es nicht die weit verbreiteten Methoden anzuwenden, die vielleicht naheliegend erscheinen, in aller Regel jedoch nicht zum Erfolg führen. Hierzu zählen dass ab mittags nichts mehr getrunken werden darf und das nächtliche Wecken des Kindes »sicherheitshalber« bzw. »vorsorglich«. Natürlich kann man am Abend das Trinken aus reiner Gewohnheit ein wenig reduzieren, doch der Entzug oder das nächtliche Aufwecken um aufs Klo zu gehen, wird eher als Strafe denn als Fürsorge empfunden und steht somit einer Besserung gänzlich im Wege. Zeigen sich die Eltern auf Dauer enttäuscht oder gar genervt so mag das für Erwachsene nachvollziehbar sein, für das Kind ist dies aber eine weitere Belastung und steigert eher ein Schuldempfinden, was sich wiederum negativ auswirkt. Verständnis zeigen wird dem Kind, das selbst darunter leidet, hingegen helfen. Vielleicht gibt es in der Familie oder Bekanntenkreis jemanden, der früher ebenfalls unter dem Bettnässen gelitten hat und möglicherweise einen engen Bezug zum Kind hat, besonders erfolgreich ist oder sonst als positive Respektsperson angesehen wird. Dies macht dem Kind Mut und zeigt ihm, dass es nicht alleine mit seinem Problem ist und dass alles lösbar ist. Ein Lob über eine »trockene Nacht« tut ihr Übriges.

Mit diesen Maßnahmen wird man ganz sicher nicht von einem Tag auf den anderen ein komplett »trockenes« Kind bekommen, wie im Übrigen mit keiner Maßnahme – Geduld ist das Allerwichtigste. Bevor die Belastung für die Eltern jedoch zu groß wird, und damit eben das Verständnis und die Geduld darunter leiden, und keine erkennbare Veränderung sich zeigt, sollte unbedingt ein Kinderarzt um Rat gefragt werden.

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