Verwehtes Hurra

Das bemerkenswerteste Ereignis zu diesem Thema trägt die Bezeichnung "Weihnachtsfrieden". Damit wird eine Waffenruhe an der Westfront bezeichnet, die im Jahr 1914 am 24. Dezember und einige Tage darauf anhielt.

Viele Soldaten waren im Sommer 1914 mit Hurra ins Feld gezogen. Offenbar war - auf allen Seiten - der Glaube weit verbreitet, dass der Krieg zu Weihnachten 1914 bereits beendet sein würde. Nach mehreren Wochen Schlammschlacht zeigten sich die Männer ernüchtert. Auf diesem Foto ist sehr gut zu sehen, dass Krieg in mehrfacher Hinsicht eine schmutzige Angelegenheit ist.

Krieg ist eine schmutzige Angelegenheit (Bild: WikiImages)

Verdruss. Der "Weihnachtsfriede" war nicht mit den Heeresleitungen abgesprochen. Die Übereinkunft erfolgte spontan zwischen den Vertretern einzelner gegnerischer Truppenteile. Daran lässt sich ablesen, dass die Bereitschaft zu einem Frieden bei der kämpfenden Truppe offenbar in starkem Maße vorhanden war.

Krieg und Frieden

Es gibt keine Zeitzeugen mehr. Allerdings wurden in der Vergangenheit Teilnehmer des ersten Weltkrieges über ihre Erlebnisse und Eindrücke im Krieg befragt. Und die Befragungen ergaben teils sehr überraschende Einsichten in das menschliche Verhalten speziell zur Weihnachtszeit 1914.
Es wird u.a. berichtet (*) von:

  • Gemeinsamen Gottesdiensten zwischen deutschen und englischen Soldaten
  • Austausch von Tabak und "zwei Fass Bier" und
  • Einem Fußballspiel (3:2 für Deutschland gegen England)

Wie viele Soldaten haben an dem Waffenstillstand im Westen teilgenommen? 100.000, so wird geschätzt (*).
Der Weihnachtsfrieden soll bis zum 26. Dezember gedauert haben. An einem Frontabschnitt mit schottischen Regimentern galt der Waffenstillstand bis zum 1. Januar, weil dieser Tag in Schottland ein besondere Bedeutung hat (*).
Danach wurde wieder geschossen. 

Aug' in Aug' vs anonymes Töten

Wer diese Informationen zum ersten Mal liest, der kann sich über diesen selbstverordneten Waffenstillstand schon sehr wundern.
Bilder aus dem zweiten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg zeigen in der Regel einen schonungslosen Umgang mit dem Feinden. Was war, anfangs, anders im WK-1?

(Bild: bmewett)

Vielleicht liegt der Grund in der Tradition der Kriegsführung vor der Zeit der Materialschlachten mit Massenvernichtungswaffen. Der Leser erfährt, dass frühere Heere sich gegenseitig die Bergung von Toten und Verwundeten auf dem Schlachtfeld erlaubten.
Auch scheint eine neue Erfahrung in den Schlachten des WK-1 die Kriegsteilnehmer überrascht zu haben. Solche Massen und eine solche Wucht der modernen Waffen waren wohl "unmenschlich" oder für einen Menschen schwerer zu ertragen als in den Gefechten früherer Epochen.
Daraus entstand bei den unmittelbar Betroffenen wohl der Wunsch, dass der Krieg schnell "vorbei" sein sollte. Das Weihnachtsfest bot den unmittelbaren Anlass dazu.

Gegner und Brüder

Teilweise wird von den Geschichtsschreibern auch von "Verbrüderungen" berichtet. Was bedeutet der Ausdruck? Es handelt sich um das friedliche Zusammentreffen kleinerer Kampfgruppen, die sich über eine längere Zeit miteinander in ständigem Kontakt befinden. Wissenschaftler haben dieses Verhalten auf einem als Spieltheorie bezeichneten Forschungsgebiet untersucht. Offenbar trat diese Situation an mehreren Frontabschnitten im Westen auf, sodass das beschriebene Verhalten zu Weihnachten 1914 begünstigt wurde.

Für das Jahr 1915 und die folgenden Jahren wurde ein "Weihnachtsfrieden" von den jeweiligen Oberkommandos verboten und unter Strafe gestellt. Es handelte daher sich um ein einmaliges Ereignis im Jahr 1914.

Weihnachten ist das Fest der Liebe? Und alle Menschen werden Brüder? Die Geschichten vom Weihnachtsfrieden 1914 bieten reichlich Stoff zum Nachdenken.

Symbolische "Verbrüderung" Weihnachten 1914 (Bild: ruineves)

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