Wie gewöhnen wir uns etwas an?

Die Mechanismen in unserem Gehirn für Gewohnheiten und Suchtverhalten sind sehr ähnlich und recht komplex. Die ausführliche Darstellung aller bekannten Mechanismen, die dabei eine Rolle spielen, würde hier sicher zu weit führen. Allerdings müssen wir auch gar nicht zu Experten der Neurowissenschaften werden, um einige grundlegende Prinzipien verstehen zu können.

Die Gewohnheit als solche ist eigentlich eine feine Sache. Die Fähigkeit, Gewohnheiten auszubilden, ist sogar ein evolutionärer Vorteil. Um das zu verstehen, müssen wir uns bewusst machen, dass Lernen und Gewohnheit im Grunde identisch sind.

Lernen wir neue Fakten, dann sorgen wir durch wiederholte Beschäftigung mit dem Lehrstoff dafür, dass wir neue Verknüpfungen in unserem Gehirn ausbilden. Je öfter wir den Lehrstoff wiederholen und je vielfältiger wir ihn anwenden, desto stärker werden diese neuen Verknüpfungen.

Je stärker wiederum die Verknüpfungen sind, welches das Erlernte auf neuronaler Ebene repräsentieren, desto sicherer können wir auf dieses neue Wissen, bzw. auf die neue Fähigkeit zugreifen.

Da wir nicht nur Fakten lernen können, sondern auch Fertigkeiten, wie das Autofahren oder Verhaltensweisen, wie Angst vor bestimmten Situationen, wird auch klar, was das Lernen mit Gewohnheiten zu tun hat.

Nehmen wir die am stärksten ausgeprägte Form einer Gewohnheit: Die Sucht.

Sämtliche Süchte entstehen im Grunde auf ganz ähnliche Weise. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine Sucht nach bestimmten Substanzen oder um eine nach bestimmten Handlungen oder Situationen handelt. In jedem Fall wird beim Kontakt mit dem Suchtauslöser im Gehirn das sogenannte Belohnungssystem aktiviert. Jeder Suchtauslöser zeichnet sich also durch seine Fähigkeit aus, unser Gehirn zu veranlassen, gewisse Chemikalien und Botenstoffe auszuschütten, die uns ein Wohlbefinden verschaffen.

Vom ersten Kontakt mit einem Suchtmittel an wird unser Gehirn daher beginnen, nach Möglichkeiten zu suchen, dieses Wohlbefinden wieder zu erlangen.

Irgendwann kippt dieser Prozess aber um: Wir setzen uns wiederholt dem Suchtmittel aus, wobei der angestrebte Effekt, nämlich das Wohlbefinden auszulösen, jedes Mal geringer wird, bis er ganz ausbleibt. Nur leider hat unser Gehirn mittlerweile gelernt, unabhängig vom erhofften Effekt, etwas Positives darin zu sehen, der Sucht nachzugeben. Es wiederholt nun ständig ein einmal als positiv bewertetes Muster. Die Sucht ist geboren. Wie haben sie erlernt.

Wie ersetzen wir schlechte Gewohnheiten durch gute?

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass unser Gehirn darauf ausgerichtet ist, häufig wiederholte Tätigkeiten, Gedanken und Verhaltensmuster zu automatisieren und danach "süchtig" zu werden, erscheint auf einmal alles ganz einfach.

Sie wollen sich angewöhnen, Ihrem Ehepartner regelmäßig ihre Wertschätzung zu zeigen, oder morgens um eine bestimmte Uhrzeit aufzustehen? Vielleicht möchten Sie auch dreimal in der Woche joggen gehen oder ein Haushaltsbuch führen, um Ihre Ausgaben in den Griff zu bekommen.

Nun, dann müssen Sie eigentlich nur Eines tun: Genau diese Dinge ständig wiederholen, bis sie Ihnen zur zweiten Natur geworden sind. Natürlich erkennen Sie, dass Ihnen diese Erkenntnis allein überhaupt nichts nützt.

Das Problem besteht ja gerade darin, sich dazu durchzuringen, eine bestimmte Tätigkeit häufig genug zu wiederholen, um eine Gewohnheit daraus zu machen. Natürlich fragen wir uns, warum wir uns z.B. das relativ ungesunde Rauchen leichter angewöhnen, als das wirklich extrem gesunde Joggen. Genau da liegt ja die Misere, die Sie dazu bringt, diesen Artikel zu lesen.

Es ist die innere Einstellung zu unserem Vorhaben, die uns Steine in den Weg legt. Wenn es uns nicht gelingt, unser Vorhaben, neue und gute Gewohnheiten zu entwickeln, als etwas ganz Tolles zu sehen, sondern als eine Art Prüfung oder als einen Auftrag, werden wir keinen Erfolg haben. Wir erinnern uns: Unser Gehirn will belohnt werden. Die Vorstellung, dass wir jetzt die Zähne zusammenbeißen müssen, um verdammt noch mal diese tägliche Joggingrunde zu drehen, arbeitet deshalb sofort gegen uns. Wenn wir durch unsere Gedanken und unsere Einstellung dafür sorgen, dass unser Gehirn Stress hat, wird es alles versuchen, diesen Stress zu vermeiden.

Es wird uns sagen: "Hey, diese Jogging-Sache stresst mich. Ich glaube, wir denken einfach nicht mehr darüber nach, Okay?"

Auf diese Weise scheitern wir regelmäßig an unseren guten Vorsätzen. Wir machen uns zur Pflicht, was uns eine Lust sein könnte. Nehmen Sie das Joggen:

Sagen Sie sich nicht: "Ich muss jetzt diese halbe Stunde laufen, sonst fühle ich mich wieder die ganze Woche als Versager", sondern: "Boah, wenn ich gleich laufen gehe, muss ich überhaupt nichts machen, als immer einen Schritt nach dem anderen. Ich brauche keinen Abwasch machen, nicht putzen, nicht nachdenken – und dann bewundern mich auch noch alle dafür. Wie cool ist da denn?"

Wie Sie sehen, gibt es Möglichkeiten, unser Gehirn für, statt gegen uns arbeiten zu lassen. Sehen Sie diesen Artikel als ersten Einstieg in dieses  Thema. Ganze Bücher mit Strategien und Methoden, wie Sie Ihren inneren Schweinehund besiegen können sind erschienen. Zögern Sie nicht, einige davon zu lesen. Es bringt sie auf jeden Fall wieder, als einfach nur weiter zu surfen und sich zu sagen: "ja, eigentlich müsste man mal etwas ändern."

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Rene_Junge, am 11.09.2012
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Autor seit 4 Jahren
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