Intro

Dem Westen ist der 1978 in Kryvyj Rih, damals noch der Ukrainischen Sowjetunion geborene Wladimir Alexandrowitsch Selenski in erster Linie als Präsident der Ukraine bekannt, der seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine praktisch jeden Tag in den Medien des Westens präsent ist. Er zeigt sich mit T-Shirts hinter seinem Schreibtisch, mit einer kugelsicheren Weste am Schauplatz und ist nie um ein Wort verlegen. Ein Blick hinter den durch den Krieg in alle Wohnzimmer des Landes gerückten Wladimir, der sich in einen Kampf gegen die Truppen des Präsidenten Russlands geworfen hat, Wladimir Putin. Obwohl beide Kontrahenten das Wort "Frieden" in ihrem Vornamen tragen – ist von einem nahen Friedensschluss nicht die Spur.

"Arbeitsbesuch". Das Bild, das die ...

"Arbeitsbesuch". Das Bild, das die Präsidentenkanzlei der Ukraine (03.'21) zur Verfügung gestellt hat. (Bild: https://www.buchkomplizen.de)

Was ist also dran an diesem medienaffinen jungen Präsidenten, der praktisch für jeden Anlass richtig angezogen ist? Nun, seine Erfahrung liegt eindeutig im Bereich der Medien und Satire. Es ist also keineswegs verwunderlich, dass er sich auf dem Gebiet der Medien keine Blöße gibt. Andererseits aber ist der Präsident auch Absolvent einer Universität, konkret einer juridischen Fakultät und damit nicht nur Schauspieler und Moderator, sondern Kenner der Verhältnisse und ihr Kritiker. Dass der inzwischen in der Krisenberichterstattung erprobte Mann auch als Regisseur und Mitinhaber einer Rundfunkanstalt namens Studio Kwartal 95 tätig ist, geht vielleicht in der Berichterstattung ein wenig unter.

Kwartal 95 soll das Viertel gewesen sein, in dem der aus der Industriestadt Krywyj Rih stammende junge Mann die ersten Parodien auf die Verhältnisse in der damaligen Sowjetunion schrieb und einstudierte. Gemeinsam mit seinen Freunden in dieser – ebenfalls nach dem Distrikt benannten Truppe – stellte er sich auf die Bühne und brachte seine Nummern, die er später im TV ebenfalls unterbrachte, ehe er mit der Serie, die ihn als Präsidenten, der in der Ukraine aufräumt praktisch zu Popularität gelangte. Diese Bekanntheit dürfte auch für seinen Wahlsieg am 20. Mai 2019 gesorgt haben.

Es mag sein, dass der Mann aus dem Oblast Dnipropetrowsk schon von seinen Eltern eine Menge Weitsicht mitbekam: Seine Mutter war Ingenieurin, sein Vater war Professor für Kybernetik und Abteilungsleiter eines Institutes für Ökonomie und Kybernetik an der staatlichen Universität für Wirtschaft und Technologie. Sein Großvater war während des zweiten Weltkriegs als Kommandeur einer Schützenkompanie der russischen Gardeschützendivision im Sold. Allerdings – so zumindest die Information – wurden sowohl Semen, also der Großvater Selenskyjs als auch dessen Brüder Opfer des Holocaust.

Sein Vater wurde eine Zeitlang nach Erdenet in die Mongolei versetzt, was es erforderlich machte, dass der junge Wladimir sein Gymnasium unterbrach und erst nach Rückkehr der Familie abschloss. Im Gymnasium Nr. 95. Ein Studium an der Wirtschaftsuniversität folgte, allerdings wurde er bislang nicht als Jurist tätig. Nun, juristische Kenntnisse sind aber sicher kein Nachteil. 

"Diener des Volkes"

Die TV-Serie "Diener des Volkes" führte wohl ab 2016 dazu, dass man sich den Entertainer tatsächlich im Amt vorstellen konnte. Der Sender registrierte die Serien-Partei als tatsächliche Partei für die Wahl. Es scheint quasi eine "Gmahte Wies'n", wenn sich ein Entertainer in einer Rolle als "für neue Zustände schaffender Präsident" um ein tatsächliches Amt in selbigem Wahlkampf bemüht, aber noch war der amtierende Präsident nicht geschlagen. Er konnte aber sowohl Petro Poroschenko als auch Julija Timoschenko überholen. Zwar war die Wahl von anderen Medien kritisch begleitet worden, galt es doch nicht nur als mediale Beeinflussung, sondern es wurde auch gemunkelt, dass er einem Oligarchen nahestand, Ihor Kolomojskyi, desen Sender 1+1 er am Silvesterabend ein Interview gab. Kolomojskyi ist auch 49.9 % Eigentümer der Central European Media Enterprises Warner Media.

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