Immer schön das Gleichgewicht halten...

Immer schön das Gleichgewicht halten... (Bild: Mediamodifier / Pixabay)

Seltsame Begrifflichkeit

Es gibt also "Leben" und - strikt davon getrennt auf der anderen Seite der Waagschale - "Arbeit". Eine Gut-Böse-Analogie drängt sich förmlich auf. Offensichtlich stehen die beiden in einer Art Konkurrenzverhältnis zueinander und müssen durch entsprechende Maßnahmen sorgsam ausbalanciert werden.
Sicherlich spricht einiges dafür, nicht 24 Stunden am Tag an seinem Arbeitsplatz zuzubringen. Und genauso wenig erstrebenswert wird es für die meisten Menschen sein, den ganzen Tag nur ihren Hobbies nachzugehen (auch wenn das im ersten Moment verlockend erscheinen mag). Vielen Menschen gibt Ihre Arbeit neben dem Gehalt auch Selbstbestätigung, soziale Kontakte usw. Was auch erklärt, warum sich nicht wenige Menschen nach dem lang ersehnten Eintritt in die Rente erst einmal mit diesem Abschnitt ihres Lebens anfreunden müssen.
Problematisch wird es, um im Bild zu bleiben, wenn sich unsere Waagschale "Arbeit" immer weiter füllt und unsere Gegenstrategie lautet: dann muss auch mehr in die "Life"-Waagschale. Mehr Sport,
mehr Yoga, mehr Freunde besuchen, etc.

Wenn man alles in die Waagschale wirft...

Denn das birgt zwei gewaltige Probleme:

  1. Wenn der erlebte Stresspegel schon hoch genug ist, fühlen sich "Life"-Aktivitäten, die man früher genießen konnte, plötzliche immer mehr wie Arbeit an. "Stress in der Arbeit - und jetzt muss ich auch noch ins Fitness-Studio. Dabei hat es mir doch früher so viel Spaß gemacht." Menschen mit Depressionen oder Burnout können davon ein Lied singen.
  2. Sehr häufig ist nicht der Stress das Problem, sondern die Art wie wir damit umgehen. Gedanken wie
  • Ich muss das schaffen. 
  • Andere können das doch auch. 
  • An meinem Unglück ist der Vorgesetzte / Kollege / Partner schuld.
  • Ich darf diesen Job nicht verlieren

lassen sich letztlich auch nicht durch die beste "Life"-Ablenkung beheben. Oder wie ein alter Spruch der Alkoholiker lautet: Wir haben versucht, unsere Probleme zu ersäufen. Leider haben wir gemerkt, dass die verdammten Dinger schwimmen können. 

Führt man sich vor Augen, dass psychische Erkrankungen - allen voran Depression und Burnout - inzwischen auf Platz 2 der Gründe für Arbeitsunfähigkeit bei deutschen Arbeitnehmern stehen, bekommt das Thema eine traurige Brisanz.

Jenseits der Work-Life-Balance

Was also tun? Mehr Life? Weniger Work? Oder müssen wir unsere Gedanken überdenken und nach einer Integration von Work und Life suchen? Arbeit, die uns mit Sinn erfüllt und Freude macht? Und in einem Umfang, der uns Zeit für Freizeit und Hobbies auch vor 22 Uhr lässt?

Verabschieden wir uns besser von der Vorstellung, wir könnten über einen (jahrzehnte)langen Zeitraum einer Beschäftigung nachgehen, die wir als stark belastend und sinnlos empfinden, wenn wir nur genug Ausgleich zur Arbeit schaffen. Solche Versuche führen bestenfalls zu einem Erdulden der Situation. Im schlechtesten Fall sind sie Wege in Erkrankungen wie Depression und Burnout.

Zum Schluss ein einfacher Selbsttest:

  • Schlafen Sie am Sonntag besonders schlecht, weil sie montags wieder zur Arbeit müssen?
  • Freuen Sie sich immer weniger an Ihren Freizeitaktivitäten oder empfinden diese sogar als zusätzliche "Aufgaben", die abgearbeitet werden müssen?
  • Haben Sie das Gefühl, Freude und Sinn in Ihrem Leben nur außerhalb Ihrer Arbeit zu finden?

Wenn Sie diese Fragen mit "ja" beantwortet haben, ist es möglicherweise Zeit, an der Vorstellung einer "Work-Life-Balance" zu zweifeln.

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