Das kreationistische Weltbild - Alles war schon immer so

Laut einer Umfrage des Pew Research Centers sind heute zweiundvierzig Prozent der Amerikaner der Ansicht, dass das Leben auf der Erde keiner evolutionären Veränderung unterworfen sei. Alle leben habe demnach von Anfang an in seiner heutigen Form existiert.

Ungeachtet der Tatsache, dass es unter den Kreationisten zahlreiche, sich teilweise widersprechende Strömungen gibt, ist ein erheblicher Erfolg ihrer Grundüberzeugung hier also unübersehbar.

Wenn heute in den USA über Kreationismus gesprochen wird, taucht meist das Stichwort "Intelleigent Design" auf. Dieses Schlagwort steht für die Überzeugung, dass die Entstehung des Lebens im Speziellen und letztlich sogar des gesamten Universums, ein Werk des Schöpfers, also Gott sein müsse. Diese Überzeugung gewinnen die Anhänger des Intelligent Design aus der Bibel, die sie als gläubige Christen meinen wörtlich nehmen zu müssen.

Der Kreationismus lehnt die Vorstellung ab, dass die gesamte Schöpfung nur aufgrund zufälliger Ereignisse, Mutationen und unter dem Einfluss überall gleicher Naturgesetze zustande gekommen sein können. Die wissenschaftliche Suche nach einer Antwort auf die Frage, nach welchen Prinzipien die Welt entstanden ist, verwerfen sie zugunsten des Glaubens an eine schöpferische Intelligenz.

Die Idee des "Intelligent design" schließt also nicht nur den Zufall als treibende Kraft der Weltentwicklung aus, sondern redet damit einer teleologischen Weltsicht das Wort. Teleologie (von telos – das Ziel) ist eine Sichtweise, die Ursache und Wirkung vertauscht. Während die meisten Menschen Kausalität als eine Entwicklung von der Vergangenheit in die Zukunft sehen, kehrt die teleologische Sichtweise diese Kette um. Demnach liegt die Ursache, die eine Ereigniskette in Gang setzt, nicht an deren Anfang, sondern im künftigen Ergebnis. Man spricht hier von einer sogenannten Finalursache. Aus philosophischer Sicht ist das eine interessante Fragestellung und auch in Denkmodellen der theoretischen Physik sind Fragen nach der Unumstößlichkeit des Kausalitätsprinzips sicher legitim. Eine allumfassende und planende Intelligenz ins Spiel zu bringen, hat jedoch keine wissenschaftlichen, sondern rein religiöse Motive.

Die Entstehung des Menschen, wie er heute ist, war also von vornherein von Gott geplant und bestimmte damit auch den Werdegang. Nicht chaotische Prozesse und Selektion wirkten also auf die Entstehung der Arten, sondern ein fertiger, göttlicher Plan.<img src="http://vg01.met.vgwort.de/na/5f8339c857f642a4878e932beabf70d3" width="1" height="1" alt="">

Mit welcher Vehemenz und rhetorischer Raffinesse Kreationisten ihre Weltsicht gegen jede noch so wissenschaftlich fundierte Kritik verteidigen, ist zwar faszinierend, aber letztlich, aufgrund ihrer pseudowissenschaftlichen Diktion hier nicht Gegenstand der Erörterung.

Angriff auf die religionsfreie Bildung - Wie die Kreationisten sich den Anstrich der Wissenschaftlichkeit geben wollen

Religiöse Spinnereien sind nun in einer freien und aufgeklärten Gesellschaft nicht wirklich ein ernstzunehmendes Problem. Religion und Staat sind in den USA, wie in allen anderen westlich geprägten Gesellschaften eindeutig getrennt. Auch der Bildungssektor ist daher eigentlich immun gegen die Gefahren sektiererischer Bewegungen. Im Fall des Kreationismus liegt die Sache allerdings ein wenig anders.

Wie oben bereits erwähnt, sind Kreationisten, besonders die Anhänger des "Intelligent Design", niemals um eine Begründung ihrer Ansichten verlegen. Ebenso groß ist ihr Einfallsreichtum, wenn es um ihr Anliegen geht, den Kreationismus gleichberechtigt mit der Darwinschen Evolutionstheorie zum verbindlichen Unterrichtsstoff an amerikanischen Schulen zu machen.

Den Grundsatz, religiöse Themen aus dem normalen Unterricht der öffentlichen Schulen herauszuhalten, wollen die Kreationisten umgehen. Sie argumentieren, die Idee des "Intelligent Design" sei keineswegs eine religiöse Doktrin. Ihre Idee sei, genau wie die Evolutionstheorie, eine wissenschaftliche Theorie. Daher, so die Argumentation, sei es nur recht und billig, das "Intelligent Design" im Biologieunterricht gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie zu unterrichten.

Nun könnte man sich als aufgeklärter Bürger entspannt zurücklehnen, denn den Kreationisten ist bislang noch jedes Mal ein Gericht in die Quere gekommen, wenn sie ihre Forderungen durchsetzen wollten. Doch die scheinbare Unterlegenheit dieser Lobby täuscht gewaltig. Immerhin hatten sie es im Jahr 2005 bereits geschafft, George W. Bush auf ihre Seite zu ziehen. Er sprach sich dafür aus, Kreationismus uns Evolutionstheorie parallel zu unterrichte.

George W. Bush ist lange nicht mehr im Amt und bisher haben alle Gerichte gegen die Vertreter des "Intelligent Design" entschieden, doch könnte es nur eine rage der Zeit sein, bis ihre Bemühungen Erfolg haben.

Die religiöse Rechte ist ein gewichtiger, politischer Einfluss in den USA. Die Lobbyarbeit, die sie leistet, ist auf vielen anderen Gebieten von Erfolgen gekrönt. Es steht zu befürchten, dass die Versuche, die Trennung von Staat und Kirch in den USA auszuhöhlen, weitergehen und irgendwann erfolgreich sein werden. Für mich persönlich ist die Vorstellung eines atomar bewaffneten Verbündeten unter Führung religiöser Fundamentalisten keine Zukunftsvision, der ich freudig entgegensehe.

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Rene_Junge, am 11.10.2012
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Bildquelle:
Reisefieber (Die heilige Kuh in Indien)

Autor seit 4 Jahren
31 Seiten
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