Platons Kugelmensch

Die Kugelmenschen sind ein Mythos aus Platons Werk Symposion, der während eines Trinkgelages von dem Komödiendichter Aristophanes vorgetragen wird. Damit ehrt dieser die Macht von Eros, dem Gott der Liebe in der griechischen Mythologie.

Das innere Bild vom Partner

 

Woran liegt es, dass ein Mann sich immer wieder zu einem bestimmten Frauentyp hingezogen fühlt oder eine Frau von einem ganz bestimmten Männertyp träumt und ihn sich herbeisehnt? Oder dass eine Frau sich in die maskulinen Eigenschaften einer anderen Frau verliebt und ein Mann die femininen Qualitäten eines anderen Mannes erotisch anziehend findet? Es liegt an den inneren Bildern, die jeder Mensch vom anderen Geschlecht in sich trägt, die er schon als Erbmasse mitbringt und in der frühen Kindheit unter dem Einfluss männlicher und weiblicher Bezugspersonen weiter ausbildet.

 Während wir die hellen Seiten des inneren "Seelenpartners" mit zunehmender Reife und Entwicklung selbst leben und in die Gesamtpersönlichkeit integrieren können, projizieren wir die dunklen Schattenanteile gerne auf das andere Geschlecht, auf reale Männer und Frauen.

 

Was wir für Liebe oder Verliebtsein halten, ist zunächst der Vorgang einer "psychischen Projektion" oder Übertragung. Ein realer Partner bietet sich als Leinwand für unsere Projektion an, da er über ein entsprechendes inneres Bild verfügt. Tatsache ist, wir verlieben uns in das Bild, das wir vom Mann oder von der in uns tragen. Als Mann verliebe ich mich zuerst einmal nicht in die reale Frau, sondern in das Bild, das ich von der Frau habe (Anima). Als Frau verliebe ich mich nicht in den tatsächlichen Mann, sondern in mein Idealbild vom Mann (Animus). Es ist also alles viel komplizierter, als wir meinen.

Die große Täuschung und ihre Chance - Wenn der Partner und wir selbst die Maske fallen lassen...

 

Nach einigen Wochen oder Monaten, jedenfalls nach der Phase der anfänglichen Verliebtheit und den Versuchen, den Erwartungen des Partners zu entsprechen oder ihm zu gefallen, führt die Diskrepanz zwischen dem Bild und der realen Person zu einer großen Enttäuschung. Wir haben uns getäuscht. Unsere Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Der Partner / die Partnerin entpuppt sich als ein ganz anderes Wesen. Manchmal glauben wir gar, der Partner habe uns getäuscht, uns nur eine Maske hingehalten, zum Beispiel die des galanten oder verständnisvollen Liebhabers.

Spätestens jetzt haben wir die Chance, unsere bisher unbewussten und nicht selbst gelebten gegengeschlechtlichen Anteile zu erkennen, die Projektion wieder zurückzunehmen und das, was wir im anderen so schmerzlich vermissen, in uns selbst auszubilden. Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass wir den Partner und damit eigentlich uns selbst falsch eingeschätzt haben. Wenn wir ehrlich sind, erkennen wir, dass der Partner lediglich eine innere Leere oder einen Mangel ausfüllen sollte.

Bildquelle: Venezianische Maske, Wikipedia Common/ Godromil

Balance of Independence, Ölgemälde (Bild: (C) Sundra Kanigowski)

Animus und Anima - Archetypen in Mann und Frau

 

Zu den Bildern des Unbewussten, die C.G. Jung, der Pionier der Analytischen Psychologie, Archetypen genannt hat, gehören die Anima und der Animus. Hierbei handelt es sich um belebende, ausgleichende Funktionen (von lat. animare) in der Psyche, die inneren Persönlichkeiten von Mann und Frau, die genau die Eigenschaften aufweisen, die der äußeren Persönlichkeit fehlen.

Der Animus ("Seele", Geist) ist der innere Partner der Frau sowie das Bild, das sie vom Manne in sich trägt. Der Animus zeigt sich in vielen Rollen, als Held und Sportsgröße, als Geistesgröße und geistiger Führer, als Weiser, Richter, Künstler und Gelehrter. Und er zeigt sich in der Gestalt eines realen Mannes, des eigenen Vaters, Bruders, Mannes und Ex-Mannes, als Lehrer und Arzt. Erscheint der Animus als Junge oder der Sohn, ist dies ein Hinweis auf das Wachsen und Werden einer männlichen Kraft. Die Frau entwickelt gerade Mut, Entschlossenheit und Tatkraft oder Unterscheidungsfähigkeit.

Die Anima ("Seele", Leben) ist die innere Partnerin des Mannes, sein Idealbild von der Frau und dem Weiblichen an sich. Sie zeigt sich in den Träumen und Fantasien des Mannes hauptsächlich als Mutter, Schwester und Geliebte, als Herrin oder Sklavin, Hexe oder Priesterin. In ihrem positiven, hellen Aspekt kann sie den Mann inspirieren, ihn einweihen und seine Seele ins Licht führen. In ihrem dunklen (unbewussten) Aspekt kann die Anima den Mann verführen, verhexen und ihn weiter in die Tiefen des Unbewussten ziehen. Von seiner inneren Frau verführt werden oder sich von ihr führen lassen - darüber entscheidet einzig und allein die Bewusstheit des Mannes.

 

Was uns an Frauen und Männern so fasziniert, ist also genau das, was uns fehlt und was wir in uns selbst auszubilden haben, wenn wir ein vollständiges Wesen sein wollen. Mehr dazu im folgenden Artikel "Über den Umgang mit Animus und Anima".

 

Erkenne dich selbst! Aquarell

Erkenne dich selbst! Aquarell (Bild: (C) Sundra Kanigowski)

Abschließende Gedanken über die Polarität

Eines der großen Lebensgesetze auf unserem Planeten ist das Gesetz der Polarität. Wo Leben ist, zeigt es sich immer als dynamische Durchdringung und gegenseitige Beeinflussung polarer Prinzipien wie Yang & Yin. Im Menschenleben äußert sich die polare Energie physisch und psychisch als Anziehungskraft zwischen Mann und Frau.

Wie lange das so weitergeht mit der Polarität, dem Kreislauf von Geburt und Tod, darauf geben mystische oder apokryphe Texte Auskunft. Im Thomasevangelium oder auch abgewandelt im Ägypterevangelium spricht Jesus: "Wenn du aus zwei eins machst, eins aus dem Mann und der Frau, damit das Männliche nicht mehr männlich und das Weibliche nicht mehr weiblich sei, wenn du aus oben unten und aus unten oben, wenn du aus innen außen und aus außen innen machst, dann wirst du ins Himmelreich eingehen." Oder im Gespräch mit Salome: "Wenn die Zwei eins werden und das Männliche mit dem Weiblichen verbunden und weder männlich noch weiblich sein wird."

Sundra, am 13.12.2011

Kommentare


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Sundra am 17.01.2012

Danke Petra für dein Feedback. Es ist nicht nur bitter und ent-täuschend, wenn wir unsere eigenen Projektionen erkennen. Eigentlich ist es ein Grund zur Freude, da wir mehr Klarheit über uns und unsere Beziehungen erhalten. Manchmal verabschieden wir uns von einem Menschen ja nur stellvertretend für eine Illusion. Wenn mit diesem Menschen, der aus unserem Leben scheidet, auch alle unsere Projektionen verschwinden würden, wären wir frei für eine wirkliche Begegnung. Doch das Zurückholen der Projektionen kann eine Lebensaufgabe sein, erfordert Klarheit, ERnsthaftigkeit und eine unbestechliche Liebe zur Wahrheit. Sonst werden wir zu Wiederholungstätern und dürfen aus Erfahrung lernen - in weiteren Beziehungen.
;-)
Lieben Gruß,
Sundra

Stehlampen-Petra am 14.01.2012

Sehr schön geschriebener Artikel.
Es kann wirklich sehr bitter sein, wenn man feststellt zuviele Eigenschaften auf eine Person projeziert zu haben ...

Ich merke, dass ich sehr nachdenklich werde.

LG und einen Daumen für diesen bereichernden Artikel

Petra

Kanadier am 08.01.2012

Danke fuer deine weiteren Interpretationsansaetze. Ein Kunstwerk wird so viel mehr lebendiger und interessanter, wenn man die Hintergruende der Kuenstler/in kennt. Interessant, dass du dabei gar nicht an Yin und Yang gedacht hast. Das war meine erste Reaktion darauf. Die unterbrochene Kontinuitaet des Bewusstseins - es ist sehr wirkungsvoll, aber ich glaube, ich muss noch ein wenig reflektieren, um das meinem Geist wirklich greifbar und begreifbar zu machen.

Sundra am 07.01.2012

@Kanadier
Danke für dein Feedback, dass dir bei meinem Bild „Balance“ intuitiv das Bild vom Tai Gi mit Yin und Yang kommt. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ich erkannte wohl nach dem Malprozess den in die dynamische Figur eingebundenen Mond als Formprinzip, das dem Wandel unterworfen ist. Die Sonne steht für sich, symbolisiert das unsterbliche Bewusstsein (Licht- und Lebensquelle), das dem Wandel nicht unterworfen ist, doch ihn erst ermöglicht durch das Hervorbringen und Nähren der Form. Und doch stehen Sonne und Mond in einem harmonischen und dynamischen Wechselspiel von Yin und Yang, das sich im hell-dunklen Januskopf der Figur wiederholt… das Spiel der Maya, das sich unendlich wiederholt (Lemniskate). Die senkrechte Achse steht für die Kontinuität des Bewusstseins (im Raum-Zeit-Kontinuum). Die Lücke oder Unterbrechung der Vertikalen ist bewusst gewählt – so wie Fülle und Leere, Festes und Geteiltes (der Linien) einander bedingen und aufeinander beruhen.

@Textdompteuse: Danke auch dir, liebe Lieselotte, fürs Lesen und deinen Beitrag.

LG, Sundra

Kanadier am 07.01.2012

Abgesehen von diesem wunderbaren Artikel gefaellt mir auch deine "Balance of Independence" besonders. Das Gemaelde zeigt auch wieder schoen das Dunkle im Hellen und das Helle im Dunklen wie beim Tai Gi. Etwas Feminines in jedem Manne, etwas Maskulines in jeder Frau. Eine wunderschoene und organische Darstellung der Balance mit einer Andeutung aufs Unendliche.

Textdompteuse am 14.12.2011

Wieder ein sehr interessanter und nachdenkenswerter Artikel von dir. Ich bedanke mich mit einem Daumen und freue mich auf mehr. :o)

LG - Lieselotte

Sundra am 13.12.2011

Genau - ich wusste nicht, ob ich diese zeitgenössische Kugelmensch-Zeichnung in den Artikel einfügen durfte - wegen Copyright. Aber hier so im Kommentar ist 's wohl gut.

Grace am 13.12.2011

Hier eine sehr schöne Darstellung unseres Vorfahren, des Kugelmenschen:
http://www.google.de/imgres?imgurl=http://images.zeit.de/bilder/2007/34/bildergalerien/galerien/bg-singles/01.jpg&imgrefurl=http://www.zeit.de/online/2007/34/bg-singles&usg=__wVpgBpvTP1s85SsOJIjUgQpoBnc=&h=380&w=380&sz=144&hl=de&start=0&zoom=1&tbnid=8VIqGYk996mk3M:&tbnh=122&tbnw=122&ei=qJ3nTou-OZDlsAa5uJS4Bw&prev=/search%3Fq%3Dkugelmenschen%26um%3D1%26hl%3Dde%26sa%3DN%26biw%3D1024%26bih%3D492%26tbm%3Disch&um=1&itbs=1&iact=rc&dur=782&sig=115372305368219465303&page=1&ndsp=12&ved=1t:429,r:0,s:0&tx=63&ty=68




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