Heil'ge Nacht o gieße du...

von Christine

Dieses Volkslied, dessen Herkunft umstritten ist, hat für mich eine besondere Bedeutung

"Heilige Nacht", ja da klingen die Glöckchen...

...aber "gieße du?" noch nie gehört.

Jeder kennt "Stille Nacht", "O Holy Night" (unvergessen interpretiert von dem einmaligen Nat King Cole (Erfinder der musikalischen Gänsehaut) und die deutschen, eher etwas sperrigen Weihnachtsevergreens wie "Es ist ein Ros' entsprungen" oder "O du fröhliche".

Doch immer, wenn ich außerhalb meines Familienkreises anrege, doch auch einmal "Heil'ge Nacht o gieße du" anzustimmen, ist kollektives bedauerndes Kopfschütteln die Folge. "Meinst du 'Stille Nacht'? Keine Sorge, die kommt noch."

Nein, die meine ich nicht. Ich meine das Leib- und Seelenlied meines Großvaters, ohne das eine Weihnachtsfeier in der Keller-Linie nicht zu denken gewesen wäre. Da wäre Weihnachten nicht Weihnachten gewesen, trotz echtem Tannenbaum und tropfenden Wachskerzen.

Bis vor wenigen Jahren ahnte ich gar nicht, dass dieses Lied ein Geheimtipp ist und sozusagen ein Markenzeichen unserer Familienfeier war. Mein Opa, ein begnadeter Sänger mit tiefem Bass, wurde dabei mit voller Inbrunst von meinen drei Onkels begleitet, die seine Stimmgewalt vererbt hatten, und wir anderen hörten andächtig zu, wenn uns nach der ersten Strophe der Text und die Puste ausgegegangen war. Unverwechselbar und toll interpretiert, war die Variante unserer Familie für mich die ergreifendste; besonders, weil mein Opa nicht gläubig war und dieses Lied doch mehr für ihn bedeutet hat als nur das Absingen von Noten.

Heute, nach dem Tod meines Großvaters und dem Ende großer Feste unter Verwandten, bedauere ich es, dieses Ereignis nie aufgenommen zu haben. Auf Youtube brächte mir das eine Menge Klicks ein, da bin ich sicher.

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Woher kommt die heil'ge Nacht?

Die Herkunft ist nicht ganz klar.

Als ich merkte, dass dieses Lied hierzulande eher als Exot unter den klassischen Weihnachtsliedern gilt, machte ich mich ein wenig im Internet schlau. Dort heißt es in einer Quelle, Beethoven habe die Melodie komponiert und das Stück "Hymne an die Nacht" betitelt; eine andere besagt, dass es sich um ein portugiesisches Volkslied handelt, das gar kein Weihnachtslied ist, sondern den Naturwundern des Sommers huldigt. Das wäre ein bisschen eigenartig, denn soweit ich weiß, hat keiner von uns in dieser Linie diesbezüglichen Einschlag geschweige denn portugiesische Ahnen. Da mein Großvater die deutsche Kultur sehr hoch hielt, zu der ja auch ein gewisser Ludwig van Beethoven gehört, scheint mir die erste Auskunft plausibel. Vielleicht haben sich deutscher Komponist und ein portugiesischer Pfarrer ja auch zusammengetan. Im Zuge meiner Recherche tauchte auch die Vermutung auf, dass es als Soldatenlied populär geworden sei. Man scheint sich wirklich sehr uneinig zu sein über die Heil'ge Nacht.

Es ist sehr schade, dass ich meinen Opa nicht mehr fragen kann, wie dieses ungewöhnlich schöne Lied Einzug in unsere jährliche Tradition gefunden hat und warum wir es immer zu Weihnachten sangen.

Hymne an die Nacht

Von Beethoven oder nicht - schön ist's

Himmelsfrieden und Harfentöne

klingt das nicht weihnachtlich?
1. Heil'ge Nacht, o gieße du
Himmelsfrieden in dies Herz!
Bring dem armen Pilger Ruh,
Holde Labung seinem Schmerz!
Hell schon erglühn die Sterne,
Grüßen aus blauer Ferne:
Möchte zu euch so gerne
Fliehn himmelwärts!
2. Harfentöne, lind und süß,
Weh'n mir zarte Lüfte her,
Aus des Himmels Paradies,
Aus der Liebe Wonnemeer.
Glüht nur, ihr goldnen Sterne,
Winkend aus blauer Ferne:
Möchte zu euch so gerne
Fliehn himmelwärts!

Christine, am 12.11.2011
 
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Kommentare


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Klaus_Miehling am 18.02.2012

Richtig. Und Friedrich Silcher hat später einen Text dazu gemacht und die Musik für Chor bearbeitet.

Schönbeck am 19.11.2011

Die Melodie ist aus Beethovens Klaviersonate Nr.23 Op 57, 2.Satz:
http://de.wikipedia.org/wiki/Klaviers...

Christine am 18.11.2011

@ Petra ~ ja, das ist es. In meinem youtube-Link kann man es ebenfalls hören. So schön wie mein Opa singen die Herren es zwar nicht (subjektiv!), aber ich bin froh, dass ich es irgendwo gefunden habe. In meinem gesamten Bekanntenkreis kennt man das Stück nicht.
@ Klaus ~ gerne. Ich bin verblüfft, dass es wohl doch nicht gar so unbekannt ist.

Stehlampen-Petra am 17.11.2011

Nein, ich kenne es nicht ...
Ist es veilleicht dieses Lied?
http://www.youtube.com/watch?v=JoSn94...

kjuhlmann am 16.11.2011

Na klar kenne ich dieses wunderschöne Weihnachtslied; hab' ich als Student in der Studentengemeinde im Männerchor schon mitgesungen. Allerdings ist es heute kaum noch zu hören, schade. Herzlichen Dank, Christine, für die schöne Erinnerung.

Christine am 16.11.2011

Danke schön für die netten Kommentare. Kennt jemand von euch das Lied?

Nante am 16.11.2011

ein wunderschöner Artikel - von mir gibt es ein Däumchen

Stehlampen-Petra am 13.11.2011

Das ist auch ein Stück Weihnachten, dass die Menschen sehr weich werden.
Alle Jahre wieder ist man sentimental und irgendwann im Januar geht alles wie gehabt weiter.
Wenn man doch nur etwas von der Weihnachts-Wärme retten könnte ...

Ein schöner Artikel, liebe Christine, besonders weil du dich noch versöhnen konntest. Ein Stück wirkliches Weihnachten ...

LG und einen Daumen
Petra

Krimifreundin am 13.11.2011

In früheren Generationen war es so, dass sich Männer als "starker Max" zeigen mussten, weil es von ihnen verlangt wurde, autoritär zu sein und keine Gefühle zu zeigen. Oft steckte hinter der aufoktroyierten Fassade eine ganz andere Persönlichkeit. Bei deinem Opa kam die wohl erst durch die Musik und dann durch fortschreitende Demenz zum Vorschein. Es ist sehr schön, dass du dich mit ihm versöhnen konntest, bevor er starb. In vielen Fällen findet eine Versöhnung nie statt, und es bleibt eine Wunde, die entweder nicht verheilt oder schmerzende Narben hinterlässt. In deinem Fall ist es nun die dankbare Erinnerung, die bleibt. (Alles hat seine Zeit...)
LG v Ruth

Christine am 13.11.2011

Danke für den Daumen, Ruth!
Es ist schon komisch: mein Opa war kein lieber Schaukelstuhl-Großvater, eher fordernd, oft herrisch und verletzend. Aber immer, wenn er das Lied oder "Ich bete an die Macht der Liebe" geschmettert hat, kam etwas in ihm zum Vorschein, das er vor anderen verborgen hat. Seine wunderschöne Männerchorstimme fehlt mir manchmal. Kurz vor seinem Tod (er starb an Demenz, in häuslicher Umgebung, nachdem wir ihn fünf Jahre gepflegt hatten) kam es zu einer Versöhnung zwischen ihm und mir, und darum behalte ich ihn - auch mit diesem Lied - in liebevoller Erinnerung.


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