Das Auge als Vorbild für die Kamera - Von der Natur lernen, heißt sehen lernen.
Das menschliche Auge

Das menschliche Auge (Bild: Wikipedia Commons by Talos)

Die Netzhaut entspricht dem Film bzw. dem optischen Sensor der Digitalkamera, die Linse dem Objektiv und die Pupille der Blende.

Die Blende - Ein Loch mit großer Wirkung

Die Blende bestimmt den Lichteinfall, dabei ist die Blende umso größer, je kleiner die Zahl ist. Eine Blende von 3,5 ist eine größere Öffnung als eine Blende von 22.

Mit der Blende wird auch die Tiefenschärfe beeinflusst. Bei einer kleinen Blende sind Objekte vor und hinter dem eingestellten Schärfebereich auch noch scharf abgebildet. Je größer die Blendenöffnung, um so mehr verengt sich der Schärfenbereich.

Eine kleine Versuchsanordnung auf dem Wohnzimmertisch soll dies zeigen:

Scharfgestellt wird jeweils auf das Modellauto in der Mitte. Die Autos stehen in einem Abstand von ca. 20 Zentimetern. Das Bild wird aus einem Meter Entfernung mit einer Brennweite von 70mm aufgenommen.

Um den Effekt zu sehen, klicken sie auf die Bilder

Aufgenommen mit Blende 4.5 (Bild: Henning Schünke)

Blende 4,5, also große Öffnung: Das Auto in der Mitte ist scharf abgebildet, die Autos im Vorder- und Hintergrund sind unscharf.

Blende 29, also kleine Öffnung: Alle drei Autos sind relativ scharf abgebildet.

Kreativer Einsatz der Blende - Wie sie mit Wahl der richtigen Blende Effekte erzielen

Bei Porträtaufnahmen oder Makroaufnahmen von zum Beispiel einer einzigen Blume auf einer Wiese können Sie als Fotograf durch Wahl einer großen Blendenöffnung (= kleine Zahl) dafür sorgen, dass nur der Bereich Ihres Motivs scharf ist. Der Vorder- und Hintergrund wird unscharf dargestellt. So kommt Ihr Motiv besonders zur Geltung.

Bei Landschaftsaufnahmen sollten Sie eine mittlere bis kleine Blende wählen, um den Vorder- und Hintergrund scharf abzubilden.

Wenn Sie durch schlechte Lichtverhältnisse gezwungen sind, eine große Blendenöffnung zu wählen, bedenken Sie den Verlust an Tiefenschärfe. Sie können auch versuchen, die Belichtungszeit zu verlängern oder eine andere Filmempfindlichkeit wählen.

Die Belichtungszeit - Bewegung aufs Bild bannen

Neben der Größe der Blendenöffnung bestimmt auch die Dauer der Blendenöffnung die Lichtmenge, die auf den Film, bzw. den optischen Sensor einer Digitalkamera fällt.

Mit der Belichtungszeit lässt sich Bewegung darstellen, oft gewollt als Bewegungsunschärfe, zum Beispiel bei einem Sprinter, dessen Beine nur unscharf zu sehen sind, weil er sich ja schnell bewegt, während die Blende der Kamera geöffnet ist.

Ungewollte Bewegungsunschärfe ist die Bewegung des Fotografen, während die Blende geöffnet ist. Das Bild ist unscharf oder "verwackelt".

Auch hierzu wieder eine Versuchsanordnung, diesmal mit einem Ventilator.

Der Rotor dreht sich auf der kleinsten Stufe, aber mit bloßem Auge sind die einzelnen Rotorblätter nicht zu unterscheiden. Die Brennweite ist wieder 70mm und die Entfernung etwa zwei Meter.

Zeit: 1/20 Sekunde, Blende: 25 (Bild: Henning Schünke)

Bei einer noch kürzeren Belichtungszeit wären die Rotorblätter schärfer zu erkennen, aber das Licht hätte nicht mehr ausgereicht. Sie erkennen an den Blendenwerten, dass die Kameraautomatik die Blende entsprechend vergrößert bei kurzer Belichtungszeit und verkleinert bei langer Belichtungszeit.

Kreativer Einsatz der Belichtungszeit - Malen mit der Verschlusszeit

Bei unbewegten Motiven können Sie eine Belichtungszeit wählen, die kurz genug ist, um das Bild nicht zu verwackeln und lang genug, um eine ausreichende Belichtung zu gewährleisten. Bei bewegten Motiven können Sie entscheiden, ob die Bewegung verwischt dargestellt werden soll oder ob Details sichtbar sein sollen, die das träge menschliche Auge nicht wahrnehmen kann.

Schön experimentieren lässt sich damit an einem Wasserfall oder Springbrunnen. Mit einer langen Belichtungszeit stellen Sie das plätschernde Wasser als Schleier dar. Mit einer extrem kurzen Belichtungszeit wird man jeden einzelnen Tropfen erkennen können, immer vorausgesetzt, das Licht reicht aus.

Das Verwackeln vermeiden - Ruhig halten allein genügt nicht

Bei langen Verschlusszeiten besteht immer die Gefahr, das Bild zu verwackeln. Das bedeutet, die Kamera bewegt sich, noch während die Blende geöffnet ist. Sie sollten deshalb ein Stativ verwenden oder die Kamera irgendwo auflegen. Auch durch eine große Brennweite wird die Gefahr des Verwackelns erhöht. Als Faustregel gilt: 1/Brennweite in mm als Belichtungszeit kann man noch aus der Hand fotografieren.

Bei einer 35mm Brennweite können Sie etwa 1/30 Sekunde noch ruhig halten, was generell als untere Grenze gilt, ab der man ein Stativ benutzen sollte.

Für ein 200mm Teleobjektiv brauchen Sie bei Belichtungszeiten länger als 1/200 Sekunde bereits eine feste Auflage oder ein Stativ.

Die Brennweite - Langes Rohr oder kurze Tüte: Tele oder Weitwinkel

Das menschliche Auge entspricht der Brennweite eines Normalobjektivs von ca. 35mm bis 50mm. Alles darüber bezeichnet man als Teleobjektiv, alles darunter ist ein Weitwinkelobjektiv.

Ein Weitwinkelobjektiv verwenden Sie, wenn Sie eine Landschaft oder ein großes Gebäude fotografieren wollen. Ein Teleobjektiv benutzen Sie, um Details zu zeigen oder weit entfernte Motive optisch näher heranzuholen, wie mit einem Fernrohr.

Als Beispiel dazu zwei Bilder des Märchenschlosses Neuschwanstein in Bayern, beide aufgenommen von der Zufahrtsstraße aus.

Brennweite 40mm; Blende 8; 1/250 Sekunde (Bild: Henning Schünke)

Bei einer Brennweite von 40mm wird die gesamte Umgebung gezeigt, das eigentliche Motiv ist ein Detail unter vielen, aber die Lage des Motivs in der Umgebung wird verdeutlicht.

Mit einer Brennweite von 210mm sind auch aus der Entfernung Details, wie einzelne Fenster oder Zinnen, zu erkennen.

Heutige Kameras verwenden meist Zoom-Objektive, die den Bereich zwischen 35mm und 200mm abdecken.

Zum Scharfstellen mit einem Zoom-Objektiv sollten Sie immer die längste verfügbare Brennweite verwenden, weil dann das Bild größer dargestellt wird. Auch den Autofokus sollten Sie mit der größten Brennweite scharfstellen, die Einstellung durch leichten Druck auf den Auslöser festhalten und dabei die gewünschte Brennweite für die eigentliche Aufnahme wählen.

Die Filmempfindlichkeit - ISO, ASA, DIN…

Heute gibt man die Filmempfindlichkeit in ISO an, früher waren auch ASA oder DIN gebräuchlich. Je höher die Zahl, umso weniger Licht wird für eine Aufnahme benötigt. Für normales Tageslicht sind Filme von ISO 100 bis ISO 400 geeignet. Je höher die Empfindlichkeit bei Analogfilmen, um so gröber war das Korn in der Aufnahme, sie wurde also "pixeliger".

Bei Digitalaufnahmen erhöht sich mit der Empfindlichkeit das Risiko des Bildrauschens, also eigentlich schwarze Flächen sind auf dem Bild mit einem farbigen Zufallsmuster bedeckt, das aber oft nur in der Vergrößerung wirklich störend auffällt.

Zu analogen Zeiten war man mit dem Einlegen eines bestimmten Films auf dessen Empfindlichkeit festgelegt. Ambitionierte Fotografen hatten deshalb oft ein zweites Kameragehäuse dabei, mit einem empfindlicheren Film, um auch Aufnahmen in Gebäuden ohne Blitzlicht machen zu können.

Bei Digitalkameras kann man die Empfindlichkeit oft in einem weiten Bereich einstellen, typischerweise von ISO200 bis ISO1600.

Wenn Sie also zum Beispiel in einer dunklen Kirche fotografieren wollen und dort weder Blitzlicht noch Stativ erlaubt sind, können Sie die Empfindlichkeit des optischen Sensors in ihrer Kamera erhöhen und haben so die Chance, eine Belichtungszeit zu wählen, bei der sie ihr Motiv nicht verwackeln.

Aber Achtung: Wenn Sie wieder draußen im hellen Sonnenlicht stehen, vergessen Sie nicht die Empfindlichkeit auf Normalmaß von ISO 200 bis ISO 400 einzustellen, Ihre Aufnahmen sind sonst zu leicht überbelichtet.

Der fotografische Blick - Der Mensch hinter der Kamera

Alle bisher beleuchteten Aspekte betreffen die Technik der Kamera. Aber das Wichtigste sind Sie, der Fotograf oder die Fotografin. Sie wählen das Motiv, bestimmen den Ausschnitt, spielen mit Licht und Schatten oder der Bewegungsunschärfe. Schulen Sie ihren Blick, spielen Sie mit den Möglichkeiten. Nie war es so einfach und preisgünstig, wie im digitalen Zeitalter.

Einige wenige Tipps, bevor sie sich ins Vergnügen stürzen:

  1. Gehen Sie so nah ran wie möglich. Rücken sie ihrem Motiv auf die Pelle. Wenn das nicht möglich ist, verwenden sie ein Teleobjektiv mit langer Brennweite.
  2. Nicht direkt in die Sonne fotografieren. Wie unser Auge, so ist auch der Bildsensor Ihrer Kamera nicht dazu gemacht, direkt in die Sonne zu blicken. Sonnenauf- und Untergänge sind natürlich dabei kein Problem.
  3. Alles steht und fällt mit dem Licht. Schönes Licht zum Fotografieren finden Sie Morgens oder Abends bei tiefstehender Sonne. Es bringt die Farben mehr zum Leuchten, als das Mittagslicht und es zeigt Konturen.
HenningSchuenke, am 22.06.2012

Kommentare


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Snowbird am 24.02.2013

Gute Erklärungen und Tipps, bis auf einen: "Gehen Sie so nah ran wie möglich. Rücken sie ihrem Motiv auf die Pelle."
Ich hasse diese Touchdown-Knipser mit ihren Zigarettenschachtelkameras, die vor jedem Motiv herum stehen und sich dort auch noch in aller Ruhe das Ergebnis ihrer Berührung ansehen.

HenningSchuenke am 27.06.2012

Freut mich wenn's hilft. Noch zu analogen Zeiten hatte ich eine primitive Spiegelreflex, fast Automatikfrei und drei Wechselobjektive (keuch). Mit der hab ich das gelernt.

Krimifreundin am 23.06.2012

Prima Infos, die ich in der Praxis anwenden kann. Vielen Dank und Daumen hoch!
LG v Ruth

Federspiel am 23.06.2012

Danke für die ausführlichen Erklärungen! Bis man das alles auch praktisch anwenden kann, muss man aber bestimmt einige Zeit üben.


Autor seit 2 Jahren
19 Seiten
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