3 Spin-offs in klassischer Comicalben-Form statt Verfilmung

Yann/Surzhenko, Nachdem schon praktisch jedes bekanntere Comic zu Filmehren gekommen ist, wundert es Jahr für Jahr mehr, dass dies bei Thorgal, der seit 1980 (!) laufenden, monumentalen Serie mit allen Zutaten für erlebnisreiche Comiclesestunden – Mythen und Monster, mutige Krieger und wehrhafte, bildschöne Frauen in raffinierten, wunderbar erzählten Geschichten –, nicht der Fall ist. Dafür gibt es seit 2012 Die Welten von Thorgal – bislang drei Spin-offs in klassischer Albenform entstehen unter der Schirmherrschaft des Thorgal-Zeichners, Grzegorz Rosiński, der alle Cover zeichnet und den stilistischen Zusammenhalt gewährleistet, und Yves Sente, der 2007 den szenaristischen Gründungsvater Jean van Hamme ablöste, die Hauptserie textet und die inhaltliche Konsistenz der Ereignisse an den Nebenschauplätzen im Auge behält. Zugleich sollen die Spin-offs genügend Eigenständigkeit und Eigenleben bewahren, um für sich bestehen zu können.

Die Spaltung von Lupine

Yann/Surzhenko, Die von vier auf sieben Teile erweiterte Reihe Lupine um Thorgals Tochter, die mit Tieren sprechen kann, bewältigt diese Gratwanderung mit Bravour. In der Hauptserie auf die Suche nach seinem Sohn Aniel aufgebrochen, hat Thorgal seine Frau Aaricia und Lupine in seinem Heimatdorf zurückgelassen. Der Mutter-Tochter-Konflikt entbrennt, und die wilde, einzelgängerische Lupine rennt in den Wald. Dort wird sie in das Reich eines Magiers getrieben, der ihre Persönlichkeit spaltet in einen wilden, mutigen, von nichts als Instinkten getriebenen Teil und einen besonnenen, klugen, aber hilflos schwächlichen, die fortan als zwei auftreten.

Mythen und Monster, mutige Krieger und bildschöne Frauen

Die Serie würde nicht ins Thorgal-Universum passen, kämen nicht alsbald Götter und Dämonen mit ihren ganz eigenen Absichten zu Wort und furchterregende, monströse Gegner – speziell Band zwei und drei haben mit Fenrir, dem Wolfsgott, und sonstigen zähnefletschenden, knochenmalmenden und ganz allgemein der unstillbaren Blutgier huldigenden Bewohnern des Reichs des Chaos Schauwerte der Sonderklasse zu bieten. Womit wir beim Stichwort wären: Roman Surzhenko wurde von Meister Rosiński persönlich gewählt und erwies sich als wahrer Glücksgriff, der nicht nur das nötige Talent, sondern auch, als altgedienter Thorgal-Fan, die nötige Begeisterung mitbrachte, um sich stilistisch ganz und gar dem großen Vorbild anzupassen. So findet sich auch die eine oder andere Gelegenheit, bildschöne Frauen in verschiedenen Graden der Nacktheit abzubilden und es gibt ein Wiedersehen mit der Thorgal-Lesenden bestens bekannten Wächterin der Schlüssel.

Epic Fantasy mit allegorischem Tiefgang

Yann/Surzhenko, Yann wiederum erzählt eine mit allen bewährten Zutaten gespickte Thorgal-Abenteuergeschichte – in der Thorgal nur eine Statistenrolle spielt und dennoch für den Verlauf der Handlung von Bedeutung ist. Fast noch mehr Wert legt der Szenarist aber auf die ganz und gar menschlichen Seiten der Figuren: die alleingelassene Aaricia, der ein schmieriger Verehrer nachstellt und dabei vor Heimtücke und Lüge nicht zurückschreckt, Mutter-Tochter-Konflikte, Außenseitertum in der engstirnigen Dorfgesellschaft … und allem voran der innere Kampf Lupines, die die bildkräftig inszenierte Spaltung ihrer Persönlichkeit überwinden muss, um wieder Zugang zu ihrem ganzen Selbst zu erlangen. In diesem Sinn ist die Geschichte eine Allegorie auf unsere schizophrene Gesellschaft, in der Individualismus und Authentizität als höchst erstrebenswert gehandelt werden, zugleich aber Regeln, Prüderie und Political Correctness mächtige Widersacher gegen das Tier in uns bilden. Einen Teil von sich zu verleugnen und dennoch sich selbst zu erkennen und zu leben ist eine Quadratur des Kreises – und ein ebenso unauflösbares wie selbst geschaffenes Dilemma.

Fazit: Ein Spin-off, der für sich steht

Fazit: Wer "Thorgal" mag, sollte sich "Lupine" nicht entgehen lassen, kann die für sich selbst stehende Reihe doch sämtliche Vorzüge der Hauptserie, mit der sie eng verzahnt ist, für sich behaupten: gut erzählte, wendungsreiche Geschichte, konsequente Weiterentwicklung der Figuren, die Zeichnungen wie (von Rosinski) gemalt und in aller technisch aufwendigen Kunstfertigkeit strikt im Dienst der Story.

Ob der für eine Fantasy-Story ungewöhnliche Protagonist – ein etwa zwölfjähriges Mädchen – in der Lage ist, über die eingeschworene Thorgal-Leserschaft hinaus ein eigenes, (junges, weibliches?) Publikum zu errreichen, vermag ich nicht zu beurteilen. Verdient hätte es sich die Reihe allemal.

San, am 24.02.2016
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Bildquelle:
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