Anne Enright

Foto: Wikipedia / hpschaefer

 

 

Aus einer Geste wird eine grandiose Darstellung

 

1986 stirbt Katherine mit 58 Jahren, sie war nur noch ein Wrack. Bereits mit 45 Jahren ist sie, wie ihre Tochter konstatiert, "fertig", vor allem beruflich und körperlich. Ihr ungesunder Lebenswandel rüttelt an ihrer Gesundheit, aber sie hat noch einen großen Namen, selbst wenn sie in der Provinz auftreten muss. Jene, deren Erscheinung magisch wirkte, weil die Alchimie stimmte, und die es vermochte, aus einer Geste ein grandiose Darstellung hervorzuzaubern, sieht angesichts fehlender Engagements ihren Ruhm dahinschmelzen. Vorbei ihr Leben in den Hollywood Hills, vorbei ihr kurzes Eheleben mit Philip Greenfield, den sie auf Weisung ihres Filmstudios in Los Angeles heiratete (!). Im Zuge des ephemeren Glücks gewöhnt sie sich das Trinken an, von dem sie nicht mehr lassen kann. Immerhin, sie war eine halbe Königin: "Meine Mutter hat die Kamera benutzt. Sie wusste, wie man ein Publikum warten lässt, sie hatte jede Szene im Griff, und dieses Wissen ist bekanntermaßen keins, das man weitergeben oder sich aneignen könnte. Sie hat den anderen die Show gestohlen, jedes Mal." Es ist beeindruckend, wie Enright die Schauspielerin aus Sicht der Tochter beschreibt – und wenn sich Norah dabei in Widersprüche verstrickt, macht das gar nichts. Aber was dabei an Erkenntnissen abfällt, ist enorm. Die Beschreibungen Norahs sind von Einfühlungsvermögen und Tiefsinn geprägt, obwohl ihr Katherine mitunter wegen der chamäleonartigen Wandelbarkeit wie ein fremdes Wesen vorkommt.

 

Aufstieg und Verfall

 

Im Vergleich zu ihrer Mutter wirkt Norah eher blass, schlicht – da helfen auch die fünf Bücher nicht, die sie mittlerweile publiziert hat. Von opulenten Partys mit wichtigen Kolleginnen und Kollegen und einflussreichen Verlagsleuten ist nicht die Rede, die Erzählerin ist in erster Linie Tochter. Und die zehrt vom grellen, leuchtenden Leben der berühmten Mutter, ob sie will oder nicht. Doch schlimm ist Katherines – auch geistiger – Verfall. Im Alter von 52 Jahren schießt sie ihrem alten Verbündeten, Wegbegleiter und Filmproduzenten Boyd O'Neill in den Fuß, weil er ein schwaches Manuskript von ihr abgelehnt hat. Die einst Gefeierte kommt aufgrund Spuren des Wahnsinns in eine Anstalt, wird durch eine Vielzahl von Medikamenten kalt gestellt und kehrt nach drei Jahren zurück in die Freiheit, längst ein unheilbares Bündel Mensch. Für Norah ist der unsägliche Schuss die Initialzündung zum Schreiben, aber ihr Hauptwerk, ja Lebenswerk ist Aufstieg und Verfall ihrer Mutter, zu deren Beerdigung sich übrigens zahlreiche Ex-Kollegen einfinden. Der – in jeder Hinsicht - große Roman lässt auch politische Ereignisse nicht außer Acht, der Blutsonntag wird ebenso eingebettet wie das Treiben der IRA in Irland, während das sonstige Weltgeschehen unberührt bleibt. Anne Enright ist eine Schriftstellerin ersten Ranges. Manche Sätze kommen schlicht daher, aber dahinter steckt eine ungewöhnliche poetische Kraft. Und vor allem viel Tiefsinn. Das Buch eignet sich vorzüglich für Theaterkritiker, die ja mit Worten um die adäquate Beschreibung von Figuren und ihren Darstellungen ringen.

 

Anne Enright: Die Schauspielerin. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Penguin Verlag, München 2020. 297 Seiten.

 

Autor seit 7 Jahren
505 Seiten
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