Private Sammlung des Autors

Private Sammlung des Autors (Bild: Dr. Jürgen Boxberger)

Die antike Welt im Comic

Illustrierte Geschichten eignen sich hervorragend, langweilige, trockene oder moralisierende Inhalte gefällig zu transportieren. Noch heute fehlen solche Klassiker wie der "Struwwelpeter" (erschienen 1845) oder "Max und Moritz" (erschienen 1865) in kaum einem Kinderzimmer. Sie sind heute Weltliteratur. Dem begnadeten französischen Zeichner Albert Uderzo und seinem kongenialen Texter René Goscinny († 1977) ist es gelungen, die griechisch-römisch-gallische Antike in einer Art und Weise lebendig werden zu lassen, die alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten gleichermaßen anspricht. Trotz mancher künstlerischen Freiheiten und bewusst in Kauf genommener chronologischer Unstimmigkeiten zeichnet sich das Werk insgesamt durch eine akribische Recherche und eine bemerkenswerte Detailtreue aus.

 

Sag mir wie du heißt und ich sag dir wer du bist...

Neben den von Uderzo zeichnerisch meisterhaft umgesetzten optischen Unterschieden zwischen den rustikal-anarchischen Galliern und den militärisch wie zivilisatorisch vermeintlich fortgeschritteneren Römern sind es vor allem die Namen, die den Protagonisten unverwechselbare Identitäten verleihen. Von wenigen historischen Ausnahmen (Caesar, Cicero, Vercingetorix, Cassivellaunus) abgesehen besitzen die Figuren Fantasienamen, deren charakteristische Endungen sie eindeutig der einen oder der anderen Seite zuordnen. Die für altrömische Namen so typische Endung –us (beziehungsweise –a bei weiblichen Namen) ist kennzeichnend für die Römer. In der deutschen Übersetzung werden gerne auf –us endende Substantive und Wortkombinationen als Nachnamen zweckentfremdet (Apfelmus, Handkus, Stopdenbus, Ladenschlus). Sehr beliebt sind auch Wortschöpfungen, die etwas über den Charakter der Namensträger verraten (Nixalsverdrus, Hasenfus, Faulus).

Die gallische Namensendung -ix ist von Vercingetorix abgeleitet, einem keltischen Freiheitskämpfer, der 52 v. Chr. in der Schlacht bei Alesia gegen Caesar unterlag. Sowohl im französischen Original als auch in der Übersetzung geben die Fantasienamen viel über die Eigenheiten ihrer Träger preis (Grautvornix, Numalfix, Sagnix). Manche nehmen auch Bezug auf andere, dem Leser bekannte Vertreter des Showbusiness (Nullnullsix, Francocampus). Während der Name der Hauptfigur eine Verballhornung von Asterisk (Sternchen) ist, dürfte Obelix auf ein antikes Vorbild zurückzuführen sein: auf einem gallo-römischen Votivblech bezeichnete sich ein gewisser Andossus als "OBBELEXXI FILIUS", als Sohn des Obbelexx!

Die Unterscheidung der verschiedenen Volksgruppen anhand der Namensendung wird in allen Episoden konsequent beibehalten: die britischen Vettern der Gallier schmücken sich mit Namen wie Teefax, Relax oder Hanssax, womit sowohl auf die gemeinkeltischen Verwandtschaftsverhältnisse als auch auf den feinen Unterschied zwischen kontinentalen Galliern und Inselkelten augenzwinkernd aufmerksam gemacht werden soll. In Anlehnung an den skandinavischen Namen Olaf nennen sich die Normannen Pifpaf, Telegraf oder Maulaf, während die Endung –ik den germanischen Goten vorbehalten bleibt (Elektrik, Holperik, Cholerik). An den Endungen –os und –as erkennen wir unschwer Vertreter der Hellenen (Bratensos, Kontrabas). In der Episode "Asterix im Morgenland" stoßen wir auf Namen, die mit etwas Fantasie als verballhorntes Sanskrit zu erkennen sind (Schandadh, Washupdah, Nihamawasah).

 

Asterix und seine europäischen Nachbarn

Der bevorzugte Schauplatz der Geschichten ist Gallien, beziehungsweise das darin angesiedelte Dorf, das seine Unabhängigkeit mit List, Witz und mit der Hilfe eines Riesenkräfte verleihenden Zaubertranks gegen die römische Übermacht verteidigt, beim Teutates! Aber auch Rom, die Hauptstadt des Imperiums und Sitz der durch Caesar repräsentierten Zentralgewalt, wird regelmäßig zur Bühne des Geschehens. Doch das römische Reich bestand nicht nur aus Gallien und Italien, sondern schloss noch zahlreiche andere Provinzen mit ein, die zumindest teilweise mit den Territorien heutiger Staaten deckungsgleich waren. So lernen Asterix und Obelix auf ihren Abenteuern unter anderem Belgien, Britannien, Spanien, Deutschland, Griechenland, Ägypten, Skandinavien und die Schweiz kennen. Ja selbst bis nach Indien und auf den amerikanischen Nordkontinent wagen sich die unerschrockenen, knubbelnasigen Gallier.

Die typischen Eigenarten der besuchten Völker werden von den Autoren mit spitzer Schreib- und Zeichenfeder treffsicher karikiert: die Pickelhauben der Goten oder die dem Angelsächsischen nachempfundene Satzstellung der Briten ("Ich würde sein froh, wenn unser Nachbar würde packen aus, damit ich könnte ruhig lesen meine Zeitung.") besitzen hohen Wiedererkennungswert. Derartige Anspielungen erzeugen bei den Lesern Neugier. Kaum ein Belgier, Brite, Korse oder Spanier, der sich bei der kurzweiligen Lektüre dem Reiz des Selbsterkennens zu entziehen vermöchte. Das mag einen erheblichen Teil des internationalen Erfolgs der Serie erklären.

 

Moderne Auffassungen in antikem Gewand

Uderzo und Goscinny hatten nie die Absicht, mit ihrem Comic ein Abziehbild der antiken gallo-römischen Welt zu schaffen. In reizvollem Kontrast zu den oft minutiös ausgemalten antiken Szenarien (Circus Maximus, Olympia, Akropolis, Rom) verhalten sich die Figuren keineswegs wie Menschen der Antike. Sie fahren zum Urlauben ans Meer und verursachen Verkehrsstaus. Auch die sich in den Gassen von Lutetia angrantelnden Lenker von Ochsenfuhrwerken erinnern eher an die heutigen Zustände während der Pariser Rush Hour. Gallier, Römer und andere Volksgenossen rufen zwar hin und wieder ihre Götter an, ansonsten verhalten sie sich genauso wenig religiös wie die Mehrzahl der modernen Menschen. Über ihre wahren religiösen Vorstellungen, über Riten und Kulte erfahren wir nichts.

Auffällig modern mutet auch das Frauenbild an. In Wirklichkeit dürfte den gallischen Frauen kaum ein so emanzipiertes Leben gegönnt gewesen sein, wie es uns Gutemiene, Yellosubmarine und Vaseline im Comic vorführen. Überhaupt wird das Leben eher von der heiteren und harmlosen Seite dargestellt. Hierzu passt sehr gut der possierliche Hund Idefix, der womöglich wegen der Unmengen verspeister Wildschweine als Abbitte an die Tierfreunde Sympathien gewinnen soll.

Trotz martialischer Truppenaufmärsche und historisch belegter Manöver ("Schildkröte") fließt im Comic niemals Blut. Sämtliche Auseinandersetzungen zwischen den Kontrahenten beschränken sich auf Massenprügeleien, die - verstärkt durch die Wirkung des Zaubertrankes - absurde Ausmaße annehmen können. Der historische Sieg Caesars wird durch den hinhaltenden Widerstand eines einzigen Dorfes im Nachhinein als militärischer "coitus interruptus" lächerlich gemacht ("Die haben es uns aber gegeben, deine Besiegten!"), der militärische Gestus der römischen Supermacht (und somit jeder Supermacht schlechthin) spöttisch konterkariert ("Die spinnen, die Römer!").

 

Asterix als Gesamtkunstwerk

Die geistigen Väter von Asterix und Obelix kombinieren meisterhaft eine Vielzahl von Gestaltungselementen und schaffen so ein aus zahlreichen unterschiedlichen Facetten zusammengesetztes Gesamtkunstwerk von hohem Unterhaltungswert, das obendrein noch zur Allgemeinbildung beiträgt:

  • künstlerische Gestaltung der Bilder und der Charaktere mit viel Liebe zum Detail
  • große historische Sachkenntnis
  • dichter Wortwitz sowie eine Unzahl von Anspielungen, Wortspielen und Persiflagen
  • Gallier, Römer und andere Volksgruppen spiegeln die Eigenarten ihrer rezenten Nachfahren wider, in denen sich der Leser wiedererkennen kann
  • das Karikieren prominenter Zeitgenossen (Jean Gabin, Lino Ventura, Sean Connery, Arnold Schwarzenegger) oder auch der Autoren selbst mittels ausgewählter Figuren
  • running gags wie das Versenken der glücklosen Seeräuber, der zu Handgreiflichkeiten ausartende Streit um die Frische gewisser Waren oder das mit Nachdruck durchgesetzte Auftrittsverbot für den Barden Troubadix
  • ein gleichbleibend hohes Qualitätsniveau aller fremdsprachigen Ausgaben durch persönliche Kontrolle der Rückübersetzung ins Französische durch die Autoren

 

Quelle: Asterix und seine Zeit. Die große Welt des kleinen Galliers. Kai Brodersen (Hrsg.); Becksche Reihe, 2001

Boxberger, am 11.02.2015
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Bildquelle:
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