Das Bildnis des Grafen (II)

Wie vorausgesehen, beehrte Valentine Renoir erst gegen Mittag mit seiner Präsenz. Der Mediziner hatte genug Zeit, um noch ein wenig in der Bibliothek zu schmökern und sich Gedanken über den Jungen zu machen, ehe die Tür aufging und das Objekt seiner geistigen Ergüsse auf der Schwelle stand. Er war ausgeglichen, merkwürdig heiter nahezu und ausgeruht, obwohl er nach wie vor kein Wort sagte.

Zur Begrüßung zog er die Mundwinkel hoch, was ihm dann aber peinlich zu sein schien, da das angedeutete Lächeln schneller versiegte als es gekommen war. Renoir stellte das Buch weg, schenkte seinem Patienten ein warmes Lächeln. Auf einmal war er unendlich dankbar für das Schlafmittel, auch wenn es eine niedrigere Dosis wohl ebenfalls getan hätte. So erfrischt hatte er Valentine noch nicht gesehen.

"Guten Morgen. Möchten Sie frühstücken? Es ist schon etwas spät, aber Ihr Magen wird sich nicht nach der Uhr richten."

Eine Verwandlung ging mit dem Jungen vor, er fixierte den Boden, verknotete die Finger unter den zu langen Ärmeln von Renoirs Pullover, den dieser am Vorabend über die Stuhllehne gehängt hatte. Die Kleidung des Verstorbenen hätte ihm ohne Zweifel besser gepasst, aber irgendwie rührte Renoir der Anblick des schmächtigen Knaben in den zu großen Sachen, er wirkte wie ein Kind darin. Zudem bekundete Renoir großen Respekt vor Dingen, die Tote benutzt oder am Leib getragen hatten. Er wartete seine Antwort nicht ab, sondern nahm ihn an der Schulter und schob ihn aus dem Raum zur Küche.

"Sie müssen etwas essen. Wenn Sie sich im Spiegel sehen, werden Sie sich zu Tode erschrecken."

Die gebackenen Bohnen mit Speck, aus der Dose natürlich, genoss Valentine mit Vorsicht, man gewann den Eindruck, er traue sich nicht, vor dem ihm gegenübersitzenden Arzt eine Probe seiner sicherlich nicht salonfähigen Tischmanieren zu geben. Doch Renoir blickte ihn aufmunternd an, das Kinn auf die Fingerknöchel gestützt. Als Valentine eine Grimasse schnitt und das Besteck weglegte, schmunzelte er. "Es ist nicht das Grand Hotel. Ihre Aversion gegen Konserven kann ich gut nachempfinden. Später fahren wir nach Malton und kaufen frische Nahrungsmittel. Ich bin in aller Bescheidenheit ein guter Koch."

Kurz bevor Valentine sein Frühstück beendet hatte, pochte es an die Haustür, die Klingel wurde betätigt; es klang fast ungeduldig, so dass sich Renoir unwillig erhob. "Ich komme sofort wieder", ließ er Valentine wissen, der inzwischen abwesend vor sich hinschaute, weder empfänglich für das kaltwerdende Essen noch Renoirs sonores Organ. Gott, dachte Renoir. Und ich dachte, wir hätten Fortschritte gemacht.

Vor dem Eingang stand eine spitzbübisch lachende Frau mit einem Korb am Arm, in dem sie verführerisch Früchte und verschiedene Gemüsesorten schwenkte. Der klirrenden Kälte zum Trotz trug sie keine Mütze, ihr kupferrotes Haar war nachlässig hochgesteckt, ein paar Strähnen lösten sich, was sie umso charmanter und natürlicher erscheinen ließ. Geschminkt war sie nur wenig, auch das harmonierte mit ihrem Stil. Ehe sie sich vorgestellt hatte, wusste Renoir, dass sie eine Verwandte des Gärtners sein musste; Gemeinsamkeiten waren unübersehbar. Auch sie verfügte über eine verblüffende Reinheit, derer Kinder nicht unähnlich, und der angeborenen Eleganz. Er sah in ihre blauen lebenslustigen Augen, die ihn auf faszinierende Art mit Energie auftankten.

"Lilian Grimby, Mallords Schwester. Er schickt mich, Ihnen das zu bringen. Es geht ihm heute nicht besonders gut, sonst wäre er persönlich gekommen."

"Das tut mir leid. Aber es freut mich, dass er eine so bezaubernde Vertretung schickt. Würden Sie so nett sein, ihm meine besten Genesungswünsche zu übermitteln?" Sie nickte errötend, trat einen Schritt vor und spähte an Renoir vorbei in das Foyer. "Kommen Sie doch herein."

Lilian Grimby zögerte, ihr großer Mund schloss sich und verschmälerte sich zu einem Strich.

"Nein", widersprach sie und überreichte ihm den ausladenden Henkelkorb. "Ich will nicht unhöflich sein, Mr. Renoir, aber – das Anwesen ist mit schmerzlichen Erinnerungen behaftet."

Sie schluckte und senkte den Blick. "Eigentlich geht es niemanden etwas an, doch ich muss es Ihnen erklären. Mein Bruder und ich sind nach dem Tod unserer pflegebedürftigen Mutter nach Norden gezogen, weil man ihm hier eine Stelle in Carricks Eisenwarenfabrik zusicherte. Sie stellten Töpfe und Pfannen her, kein Kriegsgerät wie all die anderen", sagte sie hastig, als müsse sie Escaray verteidigen. "Mallord lernte ihn persönlich kennen, und als er mich ihm vorstellte, da – hat er mein Herz im Sturm erobert. Er war so anders als alle Männer, mit denen wir normalerweise verkehren. So warmherzig und voller Phantasie. Meine Liebe zu ihm blieb jedoch unerwidert. Mallord behauptet, er stritt seine Gefühle für mich ab, weil er mich nicht in Gefahr bringen wollte, aber ich hätte alles für ihn getan."

Etwas unbeholfen drückte er ihre Schultern, worauf sie es sich gestattete, sich an ihn zu schmiegen. Überrascht von ihrer Impulsivität wagte er kaum zu atmen. Dezent betörender Duft von Mandelöl stieg in seine Nase. Stur lag sein Augenmerk auf einer Ulme über ihrem Kopf, während er leicht ihren bebenden Rücken massierte. Ihr warmer Atem hauchte gegen die Grube zwischen Brustbein und Halsansatz; die Weichkeit ihres Körpers verblüffte ihn, da sie auf den ersten Blick wenig Fraulichkeit aussandte. Der magische Moment verflog, als sie resolut über ihre Wangen wischte und ihn sanft von sich stieß. Er reichte ihr sein Taschentuch, in das sie ganz und gar undamenhaft schneuzte. "Ich bin ein hysterisches Frauenzimmer", schalt sie sich halb lachend, halb weinend. "Es ist zwei Jahre her, und immer noch kommen mir die Tränen, wenn ich über ihn spreche. Genau genommen ist es das erste Mal, dass ich ihn überhaupt erwähne einem Fremden gegenüber. Ich konnte nicht über ihn reden, habe nie recht verstanden, was da passiert ist. Wissen Sie, Carrick war nicht der Typ dafür, in den Krieg zu ziehen, wie die Leute mutmaßen. Seit Generationen sind die Escarays überzeugte Pazifisten. Das hören die Leute vom Land nicht gerne. Sie wollen ihn als Helden feiern, aber Politik hat ihn nicht interessiert. Er war ein bemerkenswerter Mann, wenn auch ziemlich weltfremd. Gerade darum kann ich mir nicht vorstellen, warum er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war. Wäre er gefallen, könnte ich wenigstens um ihn trauern. Die Ungewissheit ist das Schlimmste."

"Das kann ich gut verstehen", stimmte er zu.

"Nun, wie auch immer." Sie lächelte schwermütig, er hätte sie gerne erneut in die Arme genommen, ihre Nähe gespürt. "Ich hoffe, der Proviant reicht bis Mittwoch. Dann kommt Mallord wieder."

Christine, am 16.09.2010
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Bildquelle:
W. Zeckai (Wie macht man eine Lesung erfolgreich?)
Mag.a Bernadette Maria Kaufmann (Peter Reutterer World Wide und auf der anderen Seite Gedichte mit G...)
Amazon Prime - Video, Film (Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand)
Mag.a Bernadette Maria Kaufmann (Farbspiel Band 1: Weiß)

Autor seit 6 Jahren
77 Seiten
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