Die deutsche Justizministerin Herta Däubler-Gmelin tappte einst in eine altbekannte Falle: Im Wahlkampf 2002 soll sie vor Tübinger Gewerkschaftern zur Außenpolitik von US-Präsident Bush geäußert haben: "Das kennen wir seit Adolf Nazi..." Die Medien machten den Vorfall publik. Es folgten Dementis, Umformulierungen sowie Unkenrufe hinsichtlich diplomatischer Konsequenzen. Als Bundeskanzler Schröder wenige Wochen danach seine neue Regierungsmannschaft vorstellte, war für Herta Däubler-Gmelin darin kein Platz mehr.
Warum eigentlich die ganze Aufregung? Hatte die Ministerin mit ihrem lediglich indirekten Gleichnis etwa Unrecht? Man mag darüber denken, wie man will. Entscheidend war eine ganz andere Tatsache: Öffentliche Vergleiche mit Hitler oder dem Dritten Reich sind, unabhängig von der inhaltlichen Richtigkeit, ein Tabu, ganz besonders in Deutschland.

Godwins Gesetz

Sogenannte Nazi-Vergleiche gibt es bereits seit Jahrzehnten. Oftmals dienen sie als Totschlagargumente. Da Hitler als Inbegriff von Bösartigkeit und Perversion gilt, verleiht ein Vergleich mit ihm dem Diskussionsgegner automatisch ein negatives Image. Inzwischen hat jedoch ein Umdenken eingesetzt. Nazi-Vergleiche wurden in der Vergangenheit so oft missbraucht, dass nun gleichzeitig auch auf ihre Urheber ein schlechtes Licht fällt.
Im Zeitalter des Internets entwickelte sich aus diesem Umstand das Schlagwort "Godwins Gesetz". Es wurde angeblich1989/90 vom US-Amerikaner Mike Godwin formuliert und besagt: Proportional zur Länge einer Diskussion steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich einbringt. Daraus wiederum entwickelt sich dann eine Debatte, welche mit dem eigentlichen Thema nur noch sehr entfernt zu tun hat, so dass der konstruktive Meinungsaustausch beendet ist. Unzählige Diskussionsforen im Internet beweisen dies und bestätigen so eindrucksvoll den Wahrheitsgehalt von Godwins Gesetz.

Hitler-Vergleiche in und mit Deutschland: Ein Tabu?

Zwei hochrangige Politiker Polens, die ultranationalistischen Zwillinge Kaczynski,  ließen es sich in der Vergangenheit nicht nehmen, die BRD immer wieder auf Hitlers Kriegsverbrechen hinzuweisen. Gleichzeitig unterstützte Polen paradoxerweise die amerikanische Invasion im Irak. Auch im islamischen Kulturkreis scheint es (ungeachtet der dort anzutreffenden Judenfeindlichkeit) mittlerweile ein Volkssport zu sein, Bundesbürger bei Konflikten pauschal als Nazis zu beschimpfen.

Dennoch bleibt die hiesige Reaktion auf solche Verbalangriffe meist recht milde. Im Allgemeinen verfügen bundesdeutsche Regierungsmitglieder offenbar über die Weisheit, vergangenes Unrecht nicht gegeneinander aufzurechnen. Anders sieht die Sache allerdings aus, sobald im Inland ein Nazi-Vergleich publiziert wird. Wie das eingangs erwähnte Beispiel zeigt, schlagen die Emotionen dann sehr schnell sehr hoch. Hitler und die Nazi-Diktatur bleiben eben wunde Punkte der deutschen Geschichte. Heutige Aussagen zu dieser Zeit ohne ideologische Einfärbung zu bewerten, scheint daher beinahe unmöglich zu sein. Dieser Umstand macht öffentliche Nazi-Vergleiche in der BRD zu einem Tabu. Dessen Einhaltung hat allerdings auch negative Folgen:

Die Verharmlosung anderer Diktaturen

Die durchaus berechtigte Scheu vor sogenannten Nazi-Vergleichen erzeugt als fatale Nebenwirkung den Zensor im eigenen Kopf. Durch ihre angebliche Unvergleichbarkeit werden die Verbrechen des Nationalsozialismus hochstilisiert und setzen sich im Gedankengut unbewusst als nicht erreichbarer Gipfel aller Gräueltaten fest. Linksextremisten nutzen diese gefühlte Ächtung von Nazi-Vergleichen übrigens gern, um die Auswirkungen ihrer eigenen Ideologie  zu verharmlosen.

Den unzähligen Opfern kommunistischer, religiöser und sonstiger Diktaturen wird diese Sichtweise jedoch nicht gerecht. Die Politik von Stalin, Mao, Pol Pot oder der nordkoreanischen Kim-Dynastie weist hinsichtlich ihrer zielgerichteten Systematik, ihrer Methoden und der Opferanzahl recht starke Ähnlichkeiten zur Hitlerzeit auf. Ein Nazi-Vergleich bedeutet somit nicht zwangsläufig eine Herabwürdigung der Opfer des Faschismus. Bei sachlicher Korrektheit des Vergleiches lässt sich damit vielmehr die Achtung vor den Leiden anderer Diktaturopfer ausdrücken.

Autor seit 5 Jahren
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