Die Rollenverteilung und erste märchenhafte Ereignisse

"Es lebte einmal ein Bauer und seine Frau…" Schon die ersten Worte lassen erkennen, dass wir es mit einem Märchen zu tun haben. Sie ähneln dem typischen "Es war einmal…" Hinzu kommt die Neutralität der Namen bzw. der Nichtnennung von Vor- oder Nachnamen. Auch Ort und Zeit sind unbekannt. Die Nichtbeantwortung der Wer? Wo? Wann? - Fragen dienen dem Zweck, jeden Leser einzeln sich die Geschehnisse individuell, auf seinen persönlichen Kontext und Umgebung bezogen, vorzustellen. Das Märchen als Teil des alltäglichen Lebens teilnehmen zu lassen. Interessant ist, dass der Bauer vom Erzähler zum Helden auserkoren wurde. Es heißt nämlich "ein Bauer und seine Frau" und nicht "eine Frau / Bäuerin mit ihrem Mann". Dass der Held gut sein muss, wird durch die Beschreibung (oder gar schon im Titel) der Frau explizit deutlich. Die Frau ist "boshaft wie eine Schlange" und wendet gegenüber ihrem Ehemann Gewalt an. Hier findet sich ein Widerspruch zur traurigen Realität; Normalerweise ist die Frau in der Opferrolle und fürchtet sich vor ihrem gewalttätigen Mann. Unterstreicht dieser Rollentausch die märchenhafte Fiktion? Im Verlaufe des Märchen kann man die Frage mit ja beantworten, da die Bosheit der Frau letztendlich zu ihren Glück führt; Kausale Zusammenhänge spielen dabei eine implizite Rolle.

Die Frau schickt ihren Mann los, um Mehl zu holen. In Märchen werden Helden immer mit einer Aufgabe versehen, hier ist die Frau der Auftragsgeber und, größtenteils wohl aus Angst, werden Befehle der Frau widerwillig erfüllt. Wie das Leben, oder das Märchen, nun mal spielt, bläst der Wind das Mehl weg. Nachdem er zu seiner Frau mit leeren Händen zurückkam und daraufhin wieder Prügel einstecken musste, "ging er weinend aus seinem Haus". Auch hier zeigt sich das für den Helden typische: er ist schwach. Er besitzt nicht die Stärke, sich seiner Frau gegenüber zu behaupten.

Nun soll er den Wind aufsuchen, der für das Unglück verantwortlich ist und das Geld für das Mehl zurückfordern. Zunächst trifft er auf die Mutter der Winde, die die Bekanntschaft ihrer Kinder, den Winden, mit dem Bauern ermöglicht. Wie sich das der Leser vorzustellen hat, bleibt ihm überlassen. Personifizierte Winde gehören zu Dingen, die ausschließlich in Märchen vorkommen können. Es kommt zu einem ernsten Gespräch zwischen Mutter und dem Südwind-Sohn, sie fragt, warum er das Mehl weggeblasen hat. Der Wind schenkt dem Bauern daraufhin ein Körbchen, der alles Mögliche hergeben kann wenn man zu ihm "Körbchen, gib mir dies und das" sagt. Das ist der erste von zwei Gegenständen, der eine Rolle in dem Märchen spielt. Oft sind es verwunschene Gegenstände, die die Handlungen vorantreiben oder dem Helden zugutekommen. Der Bauer kehrt mit einem wertvollen Gut nach Hause zurück. Als ein "vornehmer Mann" kam, will die Frau ihn zum Essen einladen. Das überlässt sie dem Mann mit folgender Warnung: "Wenn du ihn nicht hereinbittest, werde ich dich halb tot prügeln." Die Frau bleibt ihrem alten Muster treu und konnte durch das verwunschene Körbchen nicht besänftigt werden. Der vornehme Mann kam nicht, dafür aber sein Gefolge, die von dem Körbchen erfuhren und es, natürlich, für sich beanspruchen wollen. Hat man bis zum jetzigen Punkt die Frau als Gegenspieler, als die Verkörperung des Bösen, gehalten, treten nun diese Leute in die Handlung ein. Sie tauschen bei der nächsten Gelegenheit das Körbchen aus. Die Frau denkt, das Körbchen funktioniere nicht mehr und schickt unter temperamentvollen Worten ihren Mann abermals zum Wind. Wie sehr er unter der Frau leidet wird dadurch sichtbar, dass er sich bei der Mutter der Winde und dem Südwind selbst "über sein Weib" beschwert. Sie empfinden Mitleid mit ihm und schenken ihm einen anderen Gegenstand: Ein Fass, aus dem "Burschen" kommen, die auf Befehl jeden Beliebigen verprügeln. Der arme Bauer sinnt auf Rache, macht ihn das immer noch zum guten Helden?

Die Wendung

Natürlich sind Märchen nicht immer mit unserer Moralvorstellung vereinbar, vor allem, da sich seit der Entstehung und Verschriftlichung des Märchens viel in unserer Gesellschaft getan hat und Prügel als Erziehungsmaßnahme oder gar als Foltermethode einzusetzen ist gewiss nicht mehr zeitgemäß. Dennoch scheinen die heraushüpfenden Burschen eine Wendung herbeizurufen: Die Frau wurde plötzlich sanft und stellt sich auf die letzte Stufe ihres Stolzes indem sie um seine Barmherzigkeit bat. Die Geschichte könnte nun zu Ende sein, der Mann konnte, durch fremde Kräfte wohlgemerkt, seine Männlichkeit zurückbekommen. Die Rollen wären vertauscht und dem konventionellen Muster entsprechend. Aber man will das Körbchen zurückerlangen. So fordert er den Edelmann zu einem Kampf heraus. Es zeigt sich, dass das Böse (die Frau scheint diese Rolle nun verloren zu haben) noch nicht besiegt worden ist. Hätte er den Edelmann trotzdem so selbstsicher zu einem Kampf aufgefordert, wenn er das Fass mit seinen kampffreudigen Burschen nicht im Hinterstübchen hätte? Wohl kaum, wobei andererseits die Frau schon dafür gesorgt hätte. Der Bauer gewinnt den Kampf selbstverständlich und erhält so das Körbchen zurück.

Hätte er das Fass nicht bekommen, hätte er wohl kaum das Körbchen zurückbekommen. Und warum, um sich der Ausgangssituation bewusst zu werden, hatte er das Fass? Wegen seiner prügelnden Frau. Somit spielt die Frau gewiss eine Schlüsselrolle für den Ausgang der Geschichte.

Das stille Happy End / Ausblick

Das Ende ist so märchentypisch wie es begonnen hatte. Der Schlusssatz weist darauf hin, dass sie in Zufriedenheit weiterlebten. Doch was bedeutet Zufriedenheit? Bringt der Reichtum durch den Korb Zufriedenheit? Oder eine ruhige, friedliche Frau? Um die Gemütslage der Frau gegen Ende weiß der Leser nichts. Ist sie noch die Bestie, die sie zu Anfang war? So oder so wurde hier eine Form der starken Frau repräsentiert, die es so in Russland nur vereinzelt bis gar nicht gab. Vor allem nicht um die Zeit, als das Märchen veröffentlich worden ist. Aber anders als sonst stellt "das Böse" die Weichen für eine zufriedene Zukunft, deswegen war die eigentliche böse Figur, der Gegenspieler des Helden, auch nicht die Frau sondern der Edelmann und sein Gefolge, die ihm beklaut haben. Die Moral der Geschichte muss jeder für sich selbst herausfinden, ein Vorschlag wäre: Höre auf deine Frau, es kommt schon was Gutes dabei heraus.

Autor seit 1 Jahr
16 Seiten
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