Dr. Sleep - Stephen Kings persönlichstes Buch?

Als ich die ersten Artikel las, in denen davon die Rede war, dass Stephen King eine Fortsetzung zu Shining schreiben würde, war ich doch überrascht. Bisher gab es, zumindest als Buch, keine Fortsetzung eines King Romans. Dies war auch gar nicht nötig, sind seine Werke in aller Regel doch recht umfangreich. King sagte in einem Interview, er wurde oft gefragt, was aus Danny Torrance, dem Jungen aus "Shining", geworden ist. Und diese Frage habe ihn schließlich selber nicht mehr losgelassen. Herausgekommen ist ein siebenhundert Seiten starkes Werk, das einen Blick in die Vergangenheit und Gegenwart gewährt. Und ein Stück weit in die Seele von Stephen King selbst, denn wie in keinem anderem Werk von ihm verarbeitet er darin seinen dunkelsten, persönlichen Dämon: die langjährige Alkoholsucht.

Stephen King präsentierte auf seiner ersten Lesung in Deutschland sein neues Buch

(Bild: Andreas Arimont)

The Shining - was wurde aus dem kleinen Danny?

So ist der mittlerweile erwachsene Dan Torrance ein Alkoholiker, dessen Leben aus einem einzigen, großen Rausch zu bestehen scheint. So kommt es schon vor, dass er morgens in irgendeiner schäbigen Wohnung einer Frau aufwacht, die sich mehr um den Kokainnachschub, als um ihren Sohn sorgt. Der Leser wird Zeuge des absoluten Tiefpunkts in Dans Leben. Stephen Kings Sohn Owen bestand darauf, dass dieser Teil den Weg ins Buch findet, wie man im Nachwort erfährt.

Davor aber erfahren wir, wie es dem kleinen Danny nach den furchtbaren Ereignissen im Overlook Hotel ergangen ist. Die Handlung setzt drei Jahre später an. Ich hatte erst zwei Woche zuvor zum ersten Mal "Shining" gelesen und war sofort wieder drin. Gerade der erste Teil von "Dr. Sleep" kommt einen so vertraut vor, als wenn es der Epilog des Buches von 1977 wäre. Mister Halloran, der ehemalige Koch des Overlock, hilft Danny, sein Shining noch besser zu beherrschen, denn noch immer verfolgen den Jungen die Dämonen des Hotels in seinen Gedanken.

Eine teuflische Sekte jagt Menschen, die über das "Shining" verfügen

Dann macht die Handlung einen Sprung in die Gegenwart und wir erleben, wie Dan Torrance noch eine Chance bekommt, sein Leben wieder in die richtige Richtung zu lenken. Der Weg führt in schließlich zu einem Job in einem Hospiz. Dort nutzt er seine Gabe, das Shining, dazu, Menschen beim Sterben zur Seite zur stehen, ihnen die Angst zu nehmen. Gerade diese Szenen habe mich am meisten beeindruckt. Wie gefühlvoll und eindringlich King dieses schwierige Thema behandelt, ist unvergleichlich. Überhaupt ist Dr. Sleep ein Buch über den Tod aber King beschreibt ihn nicht als finsteres Grauen, sondern als Teil des Lebens. Der Tod ist nicht weniger ein Wunder als die Geburt – ein Satz, der mir in Erinnerung geblieben ist. Fast wirkt es so, als wenn King uns, dem Leser, die Angst davor nehmen will. Genau wie die Hauptfigur, Dan Torrance, den Menschen im Hospiz die Angst vor der letzten Reise nimmt.

Dann ist da noch ein kleines Mädchen Namens Abra Stone. Schon als sie geboren wird, ahnen ihre Eltern, dass etwas Besonderes an dem Kind haftet. Erst viel später wird klar, dass Abra über ein enorm starkes Shining verfügt. Dies bringt eine Art Sekte auf ihre Spur, die nur äußerlich wie normale Menschen erscheinen. In Wahrheit jedoch handelt es sich um Wesen, die sich vom Shining ernähren und dadurch ihr Leben verlängern. Sie jagen Menschen, die über diese Gabe, oft ohne es selber zu wissen, verfügen. Im Augenblick des Todes eines solchen Menschen wird auch das Shining freigesetzt und die vampirähnlichen Wesen saugen es auf und erneuern sich auf diese Art. Und in Abra sehen sie eine große, nie dagewesene Quelle. Im Laufe des Buches kreuzten sich die Wege von Abra und Dan. Gemeinsam nehmen sie den Kampf gegen die Wahren, wie sich die Wesen nennen, auf.

Dr. Sleep - Stephen Kings neues Buch ist mehr Gruseldrama als Horror

Aber wie ist es nun mit dem Horror? Ist dieses Buch wieder ein Schocker wie aus Kings Anfangszeit? Ja und nein. Die Erwartungen an den Nachfolger von Shining waren ohne Zweifel groß. Gilt der Klassiker nicht nur als eines der bekanntesten Werke von Stephen King, sondern auch als eines seiner gruseligsten. King selber war sich wohl durchaus bewusst, dass er mit seinem aktuellen Werk, zumindest was das Gruseln angeht, nicht an den Vorgänger rankommt. In einigen Interviews aber auch im Nachwort räumt er ein, dass Fortsetzungen von Klassikern gut sein können, aber fast nie das Original erreichen. Diese Entschuldigung des Meisters ist schon überraschend, denn wenn er schon selber zweifelt, warum hat es denn dann geschrieben? Meiner Meinung nach sind diese Zweifel unberechtigt, obwohl er gleichzeitig recht hat. Dr. Sleep ist schon ein Horror-Buch aber keines wie Shining. Es ist aber vor allem ein Buch, dass eine wunderbare Geschichte erzählt. Bei King sind es vor allem immer die Charaktere, die seine Geschichten großartig machen. Und das kann er nach wie vor immer noch, wie kein Zweiter: Geschichten über Menschen erzählen. Oft tragisch, abgründig und böse. Aber auch herzlich, einfühlsam und voller Hoffnung.

Stephen King kann es noch. Dr. Sleep ist ein Buch über den Tod, das Leben und Vergebung geworden. Und es ist gibt auch noch genug zum Gruseln. Gelungene Fortsetzung eines Klassikers.

Screen-Shot, am 19.11.2013
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Bildquelle:
W. Zeckai (Wie macht man eine Lesung erfolgreich?)
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Mag.a Bernadette Maria Kaufmann (Farbspiel Band 1: Weiß)

Autor seit 6 Jahren
27 Seiten
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