Die Anfänge des geschäftsunfähigen Dichters

© Siedler Verlag

 

Das Langweiligste in einer Künstler-Biographie ist meistens die Darstellung der Kindheit, und der Autor Rolf Hosfeld tut gut daran, sie recht kurz und straff wiederzugeben. In der frühen Jugend ein glühender Verehrer Napoleons – die "Weltseele zu Pferde" (Hegel) bringt den Preußen immerhin liberalere Gesetze -, ergreift Heine dann doch der um sich greifende deutsche Patriotismus. Sein Verhältnis zu Napoleon bleibt für immer zwiespältig, er ist für Heine eher ein Mythos als eine reale historische Erscheinung. Im zarten Alter von 16 Jahren beginnen Heines Lehrjahre in der Frankfurter und Hamburger Bank seines wohlhabenden Onkels Salomon, später übernimmt er die Hamburger Mode-Boutique seines Vaters und erweist sich als äußerst geschäftsuntüchtig: Es folgt die komplette Liquidierung. Dem jungen Hobby-Dichter bleibt nichts anderes übrig, als ein Jurastudium zu absolvieren, nebenher entstehen etliche Gedichte. In Bonn schließt er Bekanntschaft mit August Wilhelm von Schlegel, später lernt er unter anderem Goethe und Hegel kennen. Sich elegant und selbstsicher in literarischen Salons bewegend, ist er auch in einem jüdischen Kulturkreis aktiv und quasi unter Gleichgesinnten. Die Fühlungnahme mit dem Verleger Campe erweist sich als Glücksgriff, denn der bringt die "Reisebilder" (Teil 1 und 2) sowie das "Buch der Lieder" heraus. Der hochmotivierte, ambitionierte Schriftsteller findet rasch Anerkennung bei einem relativ ausgesuchten, breiteren Lesepublikum, er hat nun, wie man so sagt, einen Namen.

 

Ein Spitzenverdiener unter den Journalisten

Es ist keine blutleere Chronologie der Ereignisse, die Rolf Hosfeld da abliefert. Der Autor bietet tiefere Einblicke in das Wirken und Schaffen Heines, er zeichnet ein scharf konturiertes Bild ohne Beschönigungen. Ein großer Vorteil ist, dass er oft Heine selbst sprechen lässt und viele Gedichte und Textauszüge einflechtet: Hier offenbart sich einer der größten Feuilletonisten Deutschlands, sozusagen der Gründungsvater des gehobenen Feuilletons, einer der bedeutendsten Stilisten, die das damals biedere, engstirnige, christlich dominierte Deutschland hervorgebracht hat. Und er war ein Spitzenverdiener unter den Journalisten, seit er bei Cotta seine Auslandsschriften publiziert. Trotzdem hat Heine bis zu seinem Tod große Mühe, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten: Lange Zeit wird ihm von seinem Onkel großzügig unter die Arme gegriffen, in Frankreich erhält er bis zum Ausbruch der Revolution 1848 ein jährliches "Salär" und später erstreitet er auf beschwerlichem Weg einen Teil seines Erbes.

 

Das Pariser Exil wird zur Heimat

Seine Auswanderung, den Beginn seines Pariser Exils, erzwungen durch preußische Zensur und das Verbot einiger Bücher, betrachtet er als einen Triumphzug, der ihn endlich ins wahre Kulturleben einführt. Ausführlich wird der für beide schädliche, von ungraziösen Sticheleien durchsetzte Streit mit August von Platen geschildert – Platen verunglimpft ihn als dekadenten Juden, Heine macht dessen Homosexualität öffentlich – und auch die Kontroverse mit Börne, die ihm leider neue Gegner einbringt. Unausgesetzt auf libidinöse Erquickungen bedacht, verliebt sich Heine in eine "Grisette", in die Schuhverkäuferin Mathilde, die wegen ihrer Einfachheit von einigen aus seinem geistigen Umfeld abgelehnt wird. Mathilde ist es auch, die den an immer schlimmer werdenden Lähmungserscheinungen Leidenden fürsorglich pflegt – wahrscheinlich ist die Syphilis die Quelle seines Leidens. Längst ist er in Frankreich eine kulturelle Größe, auch in Deutschland, wo vom "Buch der Lieder" ständig neue Auflagen nötig sind. Heine streckt seine Fühlhörner in alle Richtungen aus und ist stets ein politischer Mahner, dessen Prophezeiungen sich mitunter tatsächlich einstellen. Es ist der Geist Heines, der aus jeder Zeile dieser Biographie spricht. Ein lesenswertes Buch.

Rolf Hosfeld: Heinrich Heine. Die Erfindung des europäischen Intellektuellen. 2014: Siedler Verlag München. 509 Seiten.

Siedler Verlag

SteffenKassel, am 30.09.2014
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Bildquelle:
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