Buchcover

Foto: Deutsche Verlags-Anstalt

 

 

Ein Wettbewerb zweier Liebenden

Die Vergangenheit, das war die Tagung der Gruppe 47 in Niendorf im Mai 1952. Es ging auch um eine Art Konkurrenzkampf: Bachmann war mehr gewürdigt worden als der sich für dichterisch besser haltende Celan, der sein Judentum, seine Person und seine Dichtung in eins setzte. Will sagen: Wer seine Person angriff, verurteilte auch seine Dichtung. Der Organisator Hans Werner Richter verglich Celans halb singende, pathetische Vortragsweise mit Goebbels, und der Dichter war schwer verletzt und fühlte sich von Bachmann unbeschützt und verleugnet. Im Buch wird deutlich: Selbst die zarteste Kritik an seinem Werk betrachtete Celan als gänzliche Entwertung seiner Person. Dabei war es unter den konservativen Literaturkritikern lediglich Günter Blöcker, der ihn im Gegensatz zu Holthusen und Sieburg scharf attackierte, und derartige Attacken führten den längst anerkannten und preisgekrönten Hochverletzlichen letztlich in die Paranoia, in die Nervenklinik und – als trauriges Finale im April 1970 – in die Seine, wo er freiwillig "abdankte". Im Grunde begann alles sehr schön, unbefangen, gar romantisch. Im Frühling 1948 trafen sich die damals literarisch noch unbekannten jungen Menschen – die Österreicherin Bachmann wurde 1926 geboren - in Wien für sechs Wochen, das in Celans kryptischem, aber intimem Gedicht "Corona" einen vorläufigen Höhepunkt erlangt. "Wir sagen und Dunkles" - das ist der Geheimcode ihrer Liebe. Der Versuch eines innigen Zusammenlebens endet allerdings in einer privaten Katastrophe, für beide Seiten übrigens. Hier ist alles schon angelegt: Beide fühlen sich unwiderstehlich zueinander hingezogen, können aber nicht miteinander. Das ist die Tragik ihres Lebens.

 

Verschmelzung nur in der Dichtung

Sie finden parallel psychischen Ersatz, Bachmanns Wegbegleiter ist zunächst Hans Weigel, in Italien ist es lange Zeit der geistig kongeniale homosexuelle Hans Werner Henze und später hat sie eine lang andauernde Liebesaffäre mit Max Frisch, während Celan in Paris die gutsituierte Künstlerin Gisèle Lestrange heiratet und sich nebenher horizontale Erquickungen als Entlastung vom profanen Ehealltag leistet.- Es ist gewaltig, was der Autor Helmut Böttiger in Anbetracht der "poetischen Geschwisterliebe" an Informationen zusammengetragen hat. In Bachmanns Roman "Malina", erschienen im Jahr 1971, wird dies überdeutlich. Sie nimmt immer wieder Bezug auf Celans Äußerungen und Gedichte, es ist wie ein geistiger Anruf über den Tod hinaus, jenseits von Welten, eine Verschmelzung aus dem Vorlass statt Nachlass. Es ist schwierig für einen mit der Materie unvertrauten Leser, all die Anspielungen, die teilweise ins Direkte gehen, zu dechiffrieren. Und für beide Autoren gilt, dass sie ohne Kenntnis der jeweiligen Biografie schwer zu entschlüsseln sind, wobei man es bei Bachmann etwas einfacher hat. Insgesamt lässt sich sagen: Es ist eine große Liebe, die nur geistig realisiert werden konnte und an den Fährnissen des Alltags scheiterte, vermutlich auch, weil das Herz die anbrandenden Gefühle nicht tragen konnte. Es ist die Geschichte zweier Menschen, die nicht nur höchst empfindsam waren, sondern sogar äußerst empfindlich, bis hin zur Zerbrechlichkeit. Darüber hinaus erfahren die Leser*innen viel über den damaligen Literaturbetrieb, mit vordergründigen Höflichkeiten, spontanen Freundlichkeiten und bösartigen Intrigen.

Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles. Eine Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan. München 2017: Deutsche Verlags-Anstalt, 268 Seiten

 

SteffenKassel, am 01.10.2017
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