Begriffliche Wurzeln

Die Vorstellung von der Weiblichkeit und Mütterlichkeit des Heiligen Geistes kann sich zunächst auf sprachliche Belege stützen. So ist "Ruach", der ursprüngliche Begriff für Geist, im Hebräischen und im Aramäischen ein weibliches Substantiv. Damit sind im Alten Testament aber auch noch andere Bedeutungen verbunden wie "Sturmwind" oder generell "Wind" sowie "Atem", "Leben", genauer: die menschliche Lebensenergie. Insgesamt kommt im Alten Testament das Wort Ruach fast 400 Mal vor und wird fast immer weiblich gebraucht. Insofern ist die Bezugnahme auf den Heiligen Geist als eine "Sie" schon aus linguistischen Gründen gerechtfertigt.

Ausgießung des Heiligen Geistes/der ...

Ausgießung des Heiligen Geistes/der Heiligen Geistin (Bild: Dieter Schütz/pixelio.de)

Die Funktionen der Heiligen Geistin

Die Heilige Geistin, die Ruach, hat in der jüdisch-christlichen Tradition viele Rollen. So erscheint sie in vielen Geschichten durch das gesamte Alte Testament und Neue Testament hindurch. Dabei sind ihre wohl wichtigsten Aufgaben im Alten Testament die "Erfüllung" von Menschen mit "Geistesgaben", insbesondere mit Weisheit, sowie die Berufung der Propheten als Vermittler zwischen Gott und seinem Volk. Die Heilige Geistin kann deshalb auch als alttestamentarische Göttin der Weisheit bezeichnet werden.

Im Neuen Testament werden die Aufgaben der Heiligen Geistin vielleicht noch bedeutsamer, da sie eine große Kraft bei der Geburt und im Leben Jesu ist und nach der Himmelfahrt Jesu dessen Platz auf Erden als Stellvertreter Gottes für die Menschen einnimmt, wobei sie in dieser Rolle zum ersten Mal anlässlich des Pfingstfestes in Erscheinung tritt, und zwar indem sie die Jünger Jesu befähigt, die Botschaft Gottes in vielen Sprachen zu erklären. Jeder der Anwesenden hörte ihre Worte also in der eigenen Muttersprache und konnte verstehen, was sie sagten (Apostelgeschichte 2). Durch diese Rolle wird die Heilige Geistin zu einer direkten Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen. Man kann auch sagen: Durch sie ist Gott in der Welt präsent und findet Eingang in unsere Herzen. Sie ist die personifizierte Liebe und Nähe Gottes.

Bemerkenswert ist auch die Fülle quasi "menschlicher" Eigenschaften und Tätigkeiten, die der Heiligen Geistin im Neuen Testament zugeschrieben werden. So wird hier beschrieben, dass der Heilige Geist/die Heilige Geistin nachforscht (1. Korinther 2,10-13), dass (er) sie einen eigenen freien Willen besitzt (1. Korinther 12,11), dass (er) sie verletzlich ist (Epheser 4,30), dass (er) sie redet (1. Timotheus 4,1) und Wissen vermittelt (Johannes 14,26), dass (er) sie (seine) ihre Meinung aber auch klar durch Befehle wiedergibt (Apostelgeschichte 8,29) und verschiedene Dinge (Apostelgeschichte 16,6-7) verbietet oder verhindert. – Aufgrund dieser Beschreibungen ist der Heilige Geist/die Heilige Geistin nicht mehr etwas Nebulöses, sondern erhält Kontur und Charakter.

Ist die Heilige Geistin die Mutter Jesu?

Eine weitere wichtige Aufgabe der Heiligen Geistin wird sichtbar, wenn man sich mit Schriften beschäftigt, die in den letzten Jahrzehnten entdeckt worden sind, wobei die Nag-Hammadi-Schriften im Mittelpunkt stehen. Denn hier ist dokumentiert, dass auch viele frühe Christen an einen weiblichen Aspekt des Heiligen Geistes geglaubt und mehr noch den Heiligen Geist als die Mutter Jesu betrachtet haben. In einer dieser Schriften, genannt das Apokryphon des Jakobus, bezeichnet sich Jesus sogar selbst als den "Sohn des Heiligen Geistes", und in einem Dokument der der Ostkirche angehörenden koptischen Gnostiker (die Gnosis war eine philosophische Strömung innerhalb des frühen Christentums) wird Jesus mit dem Ausspruch zitiert: "Sogleich ergriff mich meine Mutter, der Heilige Geist, an einem meiner Haare und trug mich auf den großen Berg Tabor (in Galiläa)." Im sogenannten Thomasevangelium unterscheidet Jesus folgerichtig zwischen seiner irdischen und seiner wahren Mutter.

Die Heilige Geistin als schöpferische Kraft

Die vielleicht wichtigste Funktion der Heiligen Geistin, der Göttin der Weisheit, wird deutlich in der Schöpfungsgeschichte, wie sie im Alten Testament geschildert wird.

So ist bereits angedeutet worden, dass die weibliche Geisteskraft, die Ruach, etwas Dynamisches darstellt, eine Kraft, die sich bewegt und in Bewegung, in Schwung bringt, die also lebendig macht, verändert und erneuert. Man kann auch sagen: Die weibliche Geisteskraft steckt voller Energie und Vitalität und ist deshalb schöpferisch und kreativ. Man könnte deshalb die Ruach mit der göttlichen Urenergie gleichsetzen, also mit jener Energie, die die aktive Potentialität der Schöpfung in sich trägt, die dann auf Gottes Geheiß aktualisiert wird. Die Ruach, die Heilige Geistin, existierte demnach schon vor der Schöpfung (1. Mose 1,2). Sie ist jene göttliche Kraft, die vor allem anderen bereits da war. Und diese göttliche Urkraft, die eindeutig weibliche Züge trägt, wurde – folgt man der feministischen Autorin und Malerin Andrea Dechant – im Juden- und frühen Christentum personifiziert und verehrt als die große Muttergöttin Sophia.

Schöpfung

Schöpfung (Bild: sciencefreak/pixabay.com)

Das Zusammenspiel von Gott und Göttin

Von besonderer Bedeutung für das Verständnis des Wirkens der Heiligen Geistin in Gestalt der Göttin Sophia ist eine Textstelle im Lehrbuch (Altes Testament) - das die Sprüche des Königs Salomon enthält. In diesem Text heißt es nämlich unter der Überschrift "Die Weisheit als Gottes Liebling": "Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte, noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern" (Die Sprüche Salomos, 8,22-31)

Für Andrea Dechant geht aus dieser Textstelle eindeutig hervor, dass hier die Heilige Geistin bzw. Göttin Sophia über sich und ihre Aufgaben als "Gefährtin Gottes" spricht, dass folglich der christlich-jüdische Glaube ursprünglich von der Existenz zweier Gottheiten ausgegangen sei, einer männlichen und einer weiblichen, wobei die Göttin Sophia die treibende, die weise, die kreative Kraft gewesen sei. "Vielleicht hüpfte sie – wie Dechant dies phantasievoll beschreibt – fröhlich von Einfall zu Einfall: Warum nicht einen anmutig gekurvten Raum? Sie klatscht in die Hände: Warum nicht Myriaden pfiffiger Moleküle? Sie summt ihr Lied: Warum nicht schleierwehende Wirbel, Gase? Oder Materie, schwebend, fliegend, rotierend? Sie lächelt und träumt: Meere, Berge, Gräser, Kräuter, Bäume, Wesen, die krabbeln, fliegen, schwimmen - das wäre doch hübsch. Alles ist möglich in diesem Urzustand. Sophia tanzt - leicht wie die Zeit - ihren kosmischen Tanz. Ihre Melodie ist der wilde Urknall, dem Wirbel, Bewegungen, Töne entsprangen, Räume, Zukünfte, erste Vergangenheiten. Sie erstreckt sich über das sich freudig ausdehnende All. Fröhlich streckte Sophia Gott die Arme entgegen. Und Gott tanzte mit." Schöpfer unserer Wirklichkeit war demzufolge ein Götterpaar, das höchst spielerisch miteinander umgeht und sich bei der Schöpfung in seiner lustvollen Schaffenskraft gegenseitig beflügelt hat. Hier ergänzten sich also Sophias kosmischer Ideenreichtum und Gottes Tatkraft. (S. dazu: http://www.artedea.net/sophia-alttestamentarische-goettin-der-weisheit/ )

 

 

 

 

 

 

Dreifaltigkeit

Dreifaltigkeit (Bild: tpsdave/pixabay.com)

Die bleibende Erinnerung an die Heilige Geistin und Muttergöttin Sophia

Mit der Durchsetzung des Patriarchats im Christentum wurde besonders in der römischen Kirche die Weisheits- und Schöpfungsgöttin Sophia und damit die Weiblichkeit des Heiligen Geistes aus Kultur und Alltag und damit auch aus dem Bewusstsein der Gläubigen verdrängt. Der Heilige Geist "mutierte" zu einem geschlechtslosen sphärischen Wesen. In der griechisch-orthodoxen sowie in der russisch-orthodoxen Kirche wird Sophia dagegen bis heute hingebungsvoll verehrt, und es gibt viele Kathedralen, die ihr gewidmet sind, wobei die im sechsten Jahrhundert erbaute Hagia Sophia in Istanbul die wichtigste ist. Aber auch im westlichen Christentum wird insgeheim die Erinnerung an die Heilige Geistin und ihre Verkörperung in der Göttin Sophia wachgehalten. So war die Taube - durch die der Heilige Geist üblicherweise symbolisiert wird - im antiken Orient ein Symbol für alle großen Göttinnen.

Sehr eindrucksvoll ist auch die bildliche Darstellung der Dreifaltigkeit in der romanischen St.-Jacobus-Kirche zu Urschalling in Prien am Chiemsee. Und zwar sieht man hier drei Gesichter, deren Heiligenscheine ineinander übergehen und deren übrige Gestalt von einem einzigen Mantel umhüllt ist, was auf die Einheit der drei göttlichen Personen, die hier dargestellt sind, hinweisen soll. Die rechte Gestalt ist ein weißbärtiger alter Mann, unstrittig Gott der Vater, die linke Gestalt ist ein braunbärtiger jüngerer Mann, offensichtlich Gott der Sohn. Die Gestalt in der Mitte, die den Heiligen Geist zeigen soll, aber trägt deutlich weibliche Züge. Man schaut in ein freundliches, jugendlich wirkendes Gesicht mit roten Wangen, eingerahmt von langem, braunem Haar- offensichtlich eine Heilige Geistin. - Schöner kann man die Dreifaltigkeit als Heilige Familie meiner Meinung nach nicht darstellen. (S. dazu: http://www.pistissophia.org/de/Der_Heilige_Geist/der_heilige_geist.html, 2. Bild unten)

 

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Fazit

Aufgrund der patriarchalischen Prägung des Christentums sind wir gewohnt, uns Gott als Mann vorzustellen und folglich die Dreifaltigkeit, bestehend aus Gottvater, Heiligem Geist und Gottessohn, als Einheit dreier "männlicher Wesen". Die Bibel – wenn man sie nicht absichtlich falsch interpretiert – kommt hier zu ganz anderen Aussagen. Danach ist der Heilige Geist als ein weibliches Prinzip zu betrachten, als das schöpferische Prinzip des Lebens, der Schöpfung überhaupt und damit als Muttergottheit. Man kann hier auch von einer göttlichen Gefährtin sprechen. Hinzu kommt Gottes Sohn. Es handelt sich hier jedoch nicht um mehrere unabhängig voneinander existierende Götter, sondern das Göttliche ist - wie es die Dreifaltigkeit besagt - immer schon eine Beziehung zwischen drei göttlichen Personen. Und diese Beziehung ist von Liebe getragen und deshalb die Basis für die Liebe Gottvaters, der göttlichen Gefährtin Gottvaters und des Gottessohnes zu den Menschen.

 

Bildnachweis

Dieter Schütz/pixelio.de

pixabay.com

Autor seit 3 Jahren
105 Seiten
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