Makaber und berührend zugleich

Zwar muss man einen Sinn fürs Makabre mitbringen, um die meisten Geschichten entsprechend genießen zu können, doch in einigen Texten überrascht Hill mit poetischer Zärtlichkeit unter einem an sich rauen Erzählton.

Bestes Beispiel hierfür ist "Pop Art", die ungewöhnliche Freundschaft eines Jungen mit seinem Klassenkameraden Art, der auf Grund eines seltsamen Gendefekts verletzlich und leicht wie ein Luftballon ist. Arts Leben ist unablässig in Gefahr, denn selbst die gespitzte Mine eines Bleistifts könnte ihm buchstäblich die Luft rauslassen.

Auf anrührende, niemals aber übertrieben sentimentale Weise streicht Hill die Nöte, Sorgen, aber auch Freuden eines vom Schicksal hart geprüften Menschen heraus. Letztendlich ist es die Normalität, mit der ihn sein Freund behandelt, die Art Respekt und Lebensfreude schenkt, nicht Mitleid oder übertriebene Behutsamkeit.

Kafka lässt grüßen

In "Der Gesang der Heuschrecken" adaptiert Hill Franz Kafkas berühmteste Kurzgeschichte "Die Verwandlung" und verlegt die Handlung in eine amerikanische Kleinstadt. Anders jedoch als Gregor Samsa weiß der in einen riesigen Käfer mutierte Junge mit seinem Schicksal umzugehen: Er rächt sich an all jenen, die ihn in seiner menschlichen Gestalt stets unterdrückt und gedemütigt haben.

Neben dem trockenen Humor funktioniert die Geschichte vor allem dank ihre parodistischen Züge prächtig – statt seine übermenschlichen Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache zu stellen, benützt sie der (Anti-)Held für einen blutigen Rachefeldzug.

Das ist zwar unmoralisch, aber – trotz der Verwandlung in ein Insekt – zutiefst menschlich und nachvollziehbar

Immer wieder popkulturelle Referenzen

Ob Graf Draculas Widersacher Van Helsing oder der "Erfinder" des modernen Zombie-Mythos, George Romero: Hill macht aus seinen Einflüssen kein Geheimnis und treibt dieses Spiel sogar auf die Spitze, indem er etwa George Romero direkt als Nebenfigur in eine romantische Zombie-Mär einbindet.

Aber auch ohne das entsprechende Hintergrundwissen sind Hills Geschichten meist ein Volltreffer. Das können einige weniger gelungene Texte nicht verhindern, weshalb "Black Box" jedem Fan sanften Horrors mit Augenzwinkern wärmstens empfohlen werden kann.

Literarische Nähe zu Roald Dahl

Tatsächlich wirken viele seiner Geschichten wie im Geiste Roald Dahls, dem Meister makabrer Kurzgeschichten, geschrieben. Freilich: Wer auf seinen Pommes Ketchup und auf seinen Horrorgeschichten Blut braucht, wird von Hill gewiss nicht enttäuscht werden.

Ob der 1972 geborene Autor die Erfolge seines Vaters überflügeln kann, ist ungewiss. Dass er mit tänzerischer Leichtigkeit längst aus seinem Schatten getreten ist, darf man hingegen ruhigen Gewissens postulieren.

Nikakoi, am 06.12.2013
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Autor seit 4 Jahren
59 Seiten
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