Weit mehr als ein gewöhnlicher Krimiautor

Jussi Adler Olsen - fotografiert von Phillip Drago Jörgensen

Jussi Adler Olsen

Bereits als Kind machte Jussi Adler Olsen Bekanntschaft mit den Randfiguren unserer Gesellschaft. Er wurde geboren als Sohn eines Oberarztes. Dessen Profession als Anstaltsleiter eines psychiatrischen Heimes erforderte, dass er mit seiner Familie in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes wohnte, um im Notfall ständig einsatzbereit zu sein. Der kleine Jussi fand es ganz normal seinen Vater zu begleiten und sich mit den Leidenden zu unterhalten, wie er bei einer Lesung des Hamburger Literaturfestivals HarbourFront im Jahr 2010 verschmitzt sagt. Dieser Mangel an Berührungsängsten und die Offenheit gegenüber denen, die als anders gelten, findet sich auch in seinen Romanen wieder. Schonungslos legt er hier die Marotten seiner Figuren offen, gestaltet sie facettenreich und bis ins kleinste Detail ausgefeilt. Wiedersprüche eines Charakters verstehen sich dabei von selbst, ebenso wie (unfreiwillige) Komik.

Während seines Studiums setzte er sich weiter intensiv mit dem menschlichen Wesen auseinander. Mit Medizin studierte er ein Fach, welches die biologischen Bedingungen untersucht, mit Soziologie eines, welches sich gesellschaftlichen Zusammenhängen widmet. Schließlich belegte er auch noch Filmwissenschaft und lernte so die Grundsätze kultureller Darstellungsformen. Nach seinem Studium erkundete er ausgiebig den Literaturmarkt. Er arbeitete im Verlagswesen, als Journalist und Redakteur, als Übersetzer und Herausgeber. Er schrieb Drehbücher für Zeichentrickfilme und komponierte Filmmusik. Mit dreißig Jahren schrieb er seinen ersten Roman, der jedoch unveröffentlicht blieb. Erst siebzehn Jahre später veröffentlichte er sein Debüt "Das Alphabethaus" in Dänemark. Es dauerte weitere zehn Jahre bis der erste Kriminalroman über Carl Mörck vom Sonderdezernat Q erschien. Von diesem Zeitpunkt an (2007) widmete sich Jussi Adler Olsen dem Schreiben dann in Vollzeit.

Für viele Krimifans mag es zunächst eine Verzweiflungstat gewesen sein als sie den ersten Band der Carl Mörck Serie "Erbarmen" kauften. Gerade sechs Monate vorher war der letzte Band der Millenium-Trilogie des verstorbenen Stieg Larsson als Taschenbuch erschienen. Der Verlust dieses Ausnahmeautors wurde sowohl von der Presse als auch von Lesern sehr bedauert. Jussi Adler Olsen galt als viel versprechender Nachfolger. Spätestens nach Erscheinen des zweiten Bandes stand jedoch fest, dass die literarische Welt es hier mit einem ganz eigenen Vetreter zu tun hatte.

Jussi Adler Olsen - fotografiert von Phillip Drago Jörgensen

Jussi Adler Olsen

Erbarmen - Der erste Fall für Carl Mörck

Carl Mörck kehrt nach einem "Arbeitsunfall" bei dem einer seiner Kollegen erschossen, ein anderer schwer verletzt wurde, zum ersten Mal zur Arbeit zurück. Schnell wird klar, dass der schwer traumatisierte und absolut beratungsresistente Kriminalkommissar in keinem Team mehr einsetzbar ist. So ruft sein Chef das Sonderdezernat Q ins Leben, eine Abteilung, die sich mit ungelösten Fällen beschäftigen soll. Leiter und einziger Mitarbeiter: Carl Mörck. Lediglich zum Abstauben der Akten bekommt er eine Hilfe an die Seite gestellt. Der dunkelhäutige Assad hat einen starken Akzent und Carl kann noch nicht einmal sagen, aus welchem Teil der Welt er genau kommt. Dieses ungleiche Paar beginnt sich auf höchst unterschiedliche Weise über die alten Fälle her zu machen.

Es ist in der Tat ein brisanter und vollkommen abgeschlossen erscheinender Fall, auf den Carl und Assad zuerst stoßen. Eine aufstrebende junge Politikerin wurde vor fünf Jahren entführt und aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet. Der Mörder wurde nie gefasst, die Leiche nie gefunden. Was die Ermittler nicht wissen, erfährt der Leser in einem parallelen Erzählstrang: Die junge Frau lebt. Jahr und Tag gefangen gehalten in einer abgeschlossenen Druckluftkammer wartet sie auf ihre Hinrichtung. Diese wird, so hat ihr Peiniger ihr zugesagt, von außerordentlicher Grausamkeit sein.

Jedes Jahr hat er den Druck um einen Bahr erhöht, sodass sich der Körper seiner Gefangenen langsam an die unnatürlichen Bedingungen gewöhnt. Auf einen Schlag will er den Druck wieder auf ein normales Niveau bringen, sodass seine Gefangene platzen muss.

Nicht nur bei der Ausgestaltung seines Ermittlerduos sondern auch bei der des Falles zeigt sich Adler Olsens ausgewachsenes Talent für Nuancen der menschlichen Psyche. Er zeichnet den muffigen Carl ebenso detailliert und glaubhaft wie den lebhaften Assad. Dieser wirkt nicht zuletzt durch seine sprachlichen Schwierigkeiten auf den ersten Blick naiv und beinahe kindlich. Im Showdown kommt dann allerdings seine unglaubliche kämpferische Kraft zu Tage. Adler Olsen kombiniert Humor mit Action. In der Schilderung des Falles nutzt er sein medizinisches und psychologisches Wissen zur Beschreibung des Opfers und kreiert ein Szenario, welches dem Leser buchstäblich die Luft zum Atmen nimmt. Der erste Roman der Krimiserie birgt bereits hohes Suchtpotential.

Schändung - Carl Mörcks zweiter Fall

Der zweite Fall von Carl Mörck ist ebenso ungewöhnlich und brisant wie der erste. Eine Horde von Jugendlichen hat vor vielen Jahren aus Lust an der Gewalt Menschen überfallen und ermordet. Die Aktendeckel schlossen sich jedoch schnell, da ihre Väter allesamt angesehene Persönlichkeiten der High Society waren. Doch Carl und Assad lassen sich davon nicht abschrecken und finden heraus, dass die Gruppe eine undichte Stelle hat. Eine Frau, die psychisch sehr labil ist, lebt seit neuestem wieder in der Stadt ohne Kontakt zu den anderen zu haben. Meist als Obdachlose unterwegs, ist sie eine Meisterin der Tarnung. Da sie sich von der Gruppe verraten fühlt, sucht sie Rache.

Auch bei diesem Fall fällt wieder Adler Olsens psychologisches Gespür auf. Der Leser bekommt einen intensiven Einblick in die Psyche der Obdachlosen Gewalttäterin und kommt ihr auf diese Weise sehr nahe. Doch ihre Person ist komplex. Sie ist gleichzeitig Opfer und Täterin, sowie ihre damaligen Freunde ebenfalls Opfer und Täter zugleich sind. Sie alle lieben die Gewalt und sind doch verwundbar. Als Leser wird man gezwungen über diese Kategorien neu nachzudenken. So wird aus einem einfachen Kriminalfall eine nahezu philosophische Auseinandersetzung mit den Abgründen nicht nur von abnorm wirkenden, sondern auch von besonders normal erscheinenden Menschen.

Erlösung - Carl Mörcks dritter Fall

Eine Flaschenpost, die bereits einige Jahre alt ist, führt Carl und Assad zu einer neuen geschlossenen Akte. Der Brief ist mit Blut geschrieben und aufgrund seines Alters nur lückenhaft erhalten. Mit Hilfe ihrer neuen Mitarbeiterin Rose und ihre "Schwester" und Krankheitsvertretung Yrsa gelingt es den Ermittlern den Urheber des Briefes heraus zu finden. Leider ist er bereits seit dreizehn Jahren tot.

Sein Mörder hingegen, der dem Leser wieder in einem parallelen Handlungsstrang präsentiert wird, ist immer noch aktiv. Seit Jahren entführt er Kinder aus religiösen Sekten, um ihre Eltern zu erpressen. Als Carl und Assad auf die Flaschenpost stoßen, hat er gerade eine neue passende Familie mit fünf Kindern gefunden. Zwei von ihnen wird er schon bald ihrer Freiheit berauben.

Mit Rose und Yrsa erhält das kleine Sonderdezernat erfrischende und ganz nach Adler Olsen Manier sehr ungewöhnliche weibliche Verstärkung. Das Team wird dadurch noch bunter, die Situationskomik häuft sich. Der zu Herzen gehende Fall von wiederholter Kindesentführung und -Ermordung bildet dazu einen krassen Gegensatz und sorgt für Herzrasen. Da neben den Ermittlern auch die Eltern der Kinder diesmal den Entführer verfolgen, gibt es einen erweiteren Showdown. Auch im dritten Fall für Carl Mörck ist Hochspannung garantiert.

Jussi Adler Olsens Debütroman erscheint im Januar

Kein Fall für das Sonderdezernat Q aber bis zur Übersetzung des vierten Teils sicher ein guter Lückenfüller ist Adler Olsens Debütroman "Das Alphabethaus", welcher im Januar 2012 erscheint. Man darf gespannt sein!

MHoeckendorff, am 21.11.2011
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Bildquelle:
W. Zeckai (Wie macht man eine Lesung erfolgreich?)
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Autor seit 5 Jahren
7 Seiten
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