Ein genialer Ansatz aus der Abfallküche

Anfang der 1990er‑Jahre arbeiteten Dieter Bieniek und Prof. Dr. Dr. Klaus Fischer am Institut für Ökologische Chemie des GSF‑Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg an einer Idee, die ihrer Zeit weit voraus war. Während die Bodensanierung damals von teuren, chemisch‑technischen Verfahren dominiert wurde, suchten sie nach einer Lösung, die zugleich wirksam, kostengünstig und ökologisch verträglich sein sollte. Ihr Ansatz war ebenso einfach wie überraschend: Viele Reststoffe aus der Lebensmittel‑ und Agrarindustrie – Melasse, Molke, Treber, Knochen- und Federmehl – enthalten natürliche organische Moleküle wie Fruchtsäuren, Aminosäuren, Zucker und Proteine. Diese Stoffe können Schwermetalle umhüllen, lösen und in Form stabiler Komplexe mobilisieren. Was damals als minderwertiger Abfall galt, erkannten Bieniek und Fischer als unterschätzte Ressource.

Pexels, Bioabfall

Laborerfolge die Hoffnung machten

Bereits 1991 bestätigten erste Laborversuche, dass der Ansatz funktionierte. Unter kontrollierten Bedingungen zeigten die eingesetzten Reststoffe eine bemerkenswerte Fähigkeit, Schwermetalle aus Bodenproben zu lösen:

⦁ Fruchtsäuren mobilisierten Kupfer und Nickel aus Tonmineralen.
⦁ Zuckerhaltige Substanzen aus Melasse lösten nach einfacher Aktivierung selbst hartnäckige Elemente wie Chrom oder Blei.
⦁ Proteinhaltige Stoffe bildeten stabile Komplexe mit Zink, Cadmium oder Kupfer.

Die gelösten Metalle ließen sich anschließend aus dem Sickerwasser abtrennen und sicher auffangen. Damit entstand ein Verfahren, das wirksam, biologisch abbaubar und vergleichsweise kostengünstig war – ein bemerkenswerter Befund für die frühen 1990er‑Jahre.

Bild: Pexels

Warum die Methode damals verschwand

Trotz der überzeugenden Ergebnisse fand die Methode kaum den Weg in die Praxis. Die Bodensanierung war damals geprägt von etablierten Großverfahren wie:
⦁ Bodenwäsche mit synthetischen Komplexbildnern wie EDTA
⦁ Thermische Verfahren, bei denen kontaminierte Böden erhitzt wurden
⦁ Bodenluftabsaugung für flüchtige Schadstoffe
⦁ Abtragen und Deponieren "Dig & Dump"

Diese Methoden waren teuer, aber technisch standardisiert – und damit förderfähig. Biologische Reststoffe hingegen galten als minderwertige Abfälle, nicht als ernstzunehmende Ressource. Interdisziplinäre Forschung war weniger etabliert, und ein Verfahren, das Chemie, Ökologie und Abfallwirtschaft verband, passte nicht in die damaligen Förderstrukturen.
So geriet der Ansatz in Vergessenheit – nicht, weil er scheiterte, sondern weil er seiner Zeit voraus war. Auch die wissenschaftliche Landschaft spielte eine Rolle.

Was moderne Forschung daraus machen könnte

Schon vor 1991 beschäftigte sich Fischer mit einem Problem, das heute aktueller ist denn je: den hohen Stickstoffeinträgen des konventionellen Landbaus und der zunehmenden Versauerung landwirtschaftlicher Böden. Aus dieser Perspektive entstand die Idee, zwei Herausforderungen zu verbinden: den Anfall biologischer Reststoffe und die Notwendigkeit einer schonenden Bodensanierung.
Heute stehen der Forschung Möglichkeiten offen, die damals nicht existierten:
Diese Denkweise wirkt heute erstaunlich modern.

Kann man das eine Problem nutzen, um das andere zu lösen?
⦁ Hochpräzise Analytik erlaubt es, Metallmobilisierung in Echtzeit zu verfolgen
⦁ Standardisierte und veredelte Reststoffe ermöglichen maßgeschneiderte, biologisch abbaubare Komplexbildner.
⦁ Mikrobiologie kann organische Stoffe mit Bakterien oder Pilzen kombinieren, die Metalle reduzieren, oxidieren oder ausfällen.
⦁ Modulare, mobile Anlagen machen dezentrale Sanierungen wirtschaftlich attraktiv.
⦁ Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit sind heute zentrale Förderkriterien.
Damit könnte der Ansatz zu einem modernen, hybriden Verfahren weiterentwickelt werden – wissenschaftlich fundiert, ökologisch verträglich und technisch skalierbar.

Warum es sich wirtschaftlich lohnt, die Methode wieder aufzugreifen

 

Die Kosten konventioneller Bodensanierungen steigen seit Jahren. Thermische Verfahren, synthetische Bodenwäsche oder das Abtragen kontaminierter Böden verschlingen schnell sechs- bis siebenstellige Beträge. Gleichzeitig wächst der Druck auf Kommunen und Unternehmen, Altlastenflächen zu revitalisieren.

 

 

  • Ein Verfahren, das auf biologischen Reststoffen basiert, bietet klare wirtschaftliche Vorteile:
  • Die Stoffe sind günstig, regional verfügbar und oft eher ein Entsorgungsproblem als ein Kostenfaktor.
  • Der Einsatz biologischer Komplexbildner reduziert den Bedarf an teuren synthetischen Chemikalien.
  • Mobile Anlagen senken Transportkosten und CO₂‑Emissionen.
  • Regionale Wertschöpfungsketten entstehen: Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Forschung und Umwelttechnik profitieren gemeinsam

Foto: Pexels

Sonnenblumen absorbieren Schwermetalle und Uran

Kurz gesagt:

Die Frage ist nicht, ob sich die Methode wissenschaftlich lohnt – sondern, ob wir es uns wirtschaftlich leisten können, sie nicht weiterzuentwickeln.Die Methode von Bieniek und Fischer aus dem GSF‑Forschungszentrum Neuherberg zeigt, dass biologische Reststoffe Schwermetalle effizient aus Böden lösen können. Moderne Technik und die heutige Kreislaufwirtschaft machen diesen Ansatz wirtschaftlich attraktiver denn je. Wer Altlasten kostengünstig sanieren will, kann es sich kaum leisten, dieses Verfahren nicht erneut zu prüfen.

MonikaHermeling, vor 20 Stunden
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Bildquelle:
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