Klassenzimmer (Bild: PDPhotos)

Vor dem ersten Unterrichtstag wurden den Jungen die Haare abgeschnitten

1879 überredete er die US-Regierung, eine ähnliche Schule für Indianer in Pennsylvania zu gründen. Er vertrat die Überzeugung, dass die Umerziehung der Kinder nur gelingen konnte, wenn man sie fern der Heimat an die Ostküste schickte. Die Regierung stellte ihm einen ehemaligen Armeeposten in Carlisle, Pennsylvania zur Verfügung und erlaubte ihm, zweiundachtzig Kinder aus den Reservaten von Rosebud und Pine Ridge in die neue Indian Industrial School zu schicken.

Das Leben in der Schule war militärisch organisiert. Die Jungen trugen Uniformen, die Mädchen viktorianische Kleider. Noch vor dem ersten Unterrichtstag schnitt man den Jungen die Haare ab. Bei den Indianern symbolisierten lange Haare den Fluss des Lebens, die nur bei großer Trauer abgeschnitten wurden. Außerdem zwang man die Kinder, sich amerikanische bzw. europäische Namen auszusuchen. Und sie durften sich nicht mehr in ihrer Muttersprache unterhalten. Nur Englisch war erlaubt. Verstieß jemand gegen dieses Verbot, wurde er meistens mit einigen Nächten im Kerker bestraft.

Weniger als acht Prozent der Schüler schafften den Abschluss

Während die Jungen morgens auf den Feldern und in den Werkstätten arbeiteten, bereiteten sich die Mädchen in Koch- und Handarbeitskursen auf ihr Hausfrauendasein vor. Nach dem Mittagessen begann der theoretische Unterricht, der genau wie alles andere darauf ausgerichtet war, die indianische Vergangenheit auszumerzen. Von den knapp zehntausend Schülern, die bis 1918 in Carlisle unterrichtet wurden, schafften weniger als acht Prozent den Abschluss.

Mehr als fünfzehn Prozent flohen. Viele Schüler starben an Krankheiten wie Tuberkulose und Grippe, weil sie keine Abwehrkräfte gegen die Krankheiten der Weißen hatten. Andere wurden missbraucht, zu Tode geprügelt oder zum Selbstmord getrieben. Aufgrund seiner menschenunwürdigen Erziehungsmethoden musste Pratt am 30. Juni 1904 zurücktreten. Von seiner Überzeugung und der Richtigkeit seines Handelns wich er jedoch bis zu seinem Tod nicht ab. Richard Henry Pratt starb am 23. April 1924 in San Francisco, Kalifornien.

BerndT, am 15.06.2013
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Bildquelle:
brigachtal (Die indianische Kunst des Feuermachens)

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