Wellen von Emotionen

Einen weiteren Einschnitt bildete der mit Psychologie angereicherte Briefroman Pamela oder Die belohnte Tugend von Samuel Richardson, ein Werk, das einen immensen Erfolg hatte und eine Art von gesellschaftlicher Enthierarchisierung einleitete. Selbst Dienstmädchen begannen zu lesen und gewöhnten sich die Sprache der Romane an. Bollmann geht chronologisch vor und landet natürlich auch bei Goethes Werther, der Wellen von Emotionen auslöste, zum Kult wurde in manchen Städten wegen einer angeblichen Suizidempfehlung auf der Blacklist stand. Dieses Buch galt als gefährlich, weil es verführte und die Einbildungskraft über Gebühr aktivierte. Das Lesen wurde für viele Frauen in Ermangelung von Weltkenntnis zur Ersatzhandlung, die die häusliche Orientierung vergessen ließ und die fehlenden Erfahrungen etwas ausglich. Der Dichter Clemens von Brentano ging so weit zu behaupten, dass gerade belesene, von Gefühligkeit angerührte Frauen mitunter eine Reproduktion der Romanfiguren seien.

Erste sexuelle Revolution

Mary Wollestonecraft (1759-1797) war zunächst die erste bedeutende Literaturkritikerin und schrieb später auch Romane, die eine Emanzipation der Frau einforderten. Sie war die Wegbereiterin einer ersten sexuellen Revolution, die, so der Autor, gegen 1800 einsetzte und einschneidender war als der sexuelle Aufbruch der 68er. Auf Frauen wurde plötzlich gehört, "die Opfer bekamen eine Stimme" (F. Dabhoiwala). Bollmann behandelt in ausführlicher Weise wichtige Schriftstellerinnen, etwa Jane Austen, Mary Shelley und natürlich Virginia Woolf. Ebenso beleuchtet er Schriftsteller wie Lord Byron und James Joyce, da sie mit schreibenden Frauen und Förderinnen in Kontakt kamen. Hier wird Bollmann in manchen Passagen zu weitschweifig, Beredsamkeit und Detailversessenheit geraten zur Geschwätzigkeit. Der Leser erhält Informationen, die vom eigentlichen Thema abgleiten und das auf Sprachartistik verzichtende, gut lesbare Buch unnötig anschwellen lassen.

Erotisches Lesen

Flauberts Madame Bovary war auch einer jener zeittypischen Romane, die eine Gefühlssteigerung bewirkten und bei besorgten Ehemännern die Befürchtung aufkommen ließen, die Mächte der Finsternis hätten durch das erotische und erotisierende Lesen Einzug gehalten. Die Behandlung von Lou Andreas-Salomé ("eine Ikone der Moderne") nimmt Bollmann zum Anlass, intensiv auf ihr Privatleben und den von ihr favorisierten Lebensstil einzugehen. Nach der Bewältigung der sicherlich bedeutenden Virginia Woolf landet Bollmann irgendwann bei Marilyn Monroe, die dem Image als Sexbombe noch das Image der beflissenen, gefühlstrunkenen Leserin hinzufügen wollte. Nach der "ästhetischen Rebellion" von Susan Sonntag – eins der interessantesten Kapitel – wird das Phänomen Fanfiction untersucht. Originalwerke werden von Leserinnen und Lesern fortgeschrieben, in Hinblick auf eine Kommunikation, die durch das Einstellen ins Internet bewerkstelligt wird: Der bemühte Hobby-Autor – nach Bollmann hauptsächlich eine Frau – wird zum Schöpfer und die Grenzen zwischen Unterhaltung und schöngeistiger Literatur werden verwischt. Der Schlusspunkt wird mit dem Bestseller-Roman Shades of Grey gesetzt: Leselust verwandelt sich in "Lustlesen", was auch teilweise etwas mit snobistischer Neugierde zu tun hat. Jedenfalls wurde den SM-Szenarien durch das Buch der Charakter des Perversen genommen. Insgesamt lässt sich Bollmanns Werk gut im Bett lesen – auch ohne Erotisierung.

Stefan Bollmann: Frauen und Bücher. Eine Leidenschaft mit Folgen. Deutsche Verlags-Anstalt: München 2013, 442 Seiten.

Bildnachweis: © DVA

SteffenKassel, am 30.10.2013
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