Das Lektorat für Selfpublisher

Nun ist seit einiger Zeit das amerikanische Phänomen "Selfpublishing" nach Deutschland geschwappt. Das hat es früher zwar schon gegeben, aber durch die Möglichkeit für Hobby-Autoren, ihren Text als eigenes eBook bei Amazon hochzuladen, ist das Selbstverlegen sehr populär geworden. Viele spannende Bücher, die es Dank der Verlagsauslese sonst nicht an die Öffentlichkeit geschafft hätten, stehen in den Verkaufscharts. Manch "Indie-Autor" (von independent = unabhängig) legt dabei Wert auf einen professionellen Auftritt: Er gibt das Cover bei einem Grafiker in Auftrag und investiert in ein Korrektorat.

Da komme ich ins Spiel.

Ein Korrektorat bedeutet, dass ein Lektor (bzw. Korrektor) den Text auf Rechtschreibung und Grammatik prüft. Inhalt und Stil bleiben außen vor – das gehört zum vollständigen Lektorat. Das Korrektorat ist dadurch deutlich günstiger als das Lektorat und somit für selbstverlegende Autoren bezahlbar.

Da ich als freie Lektorin arbeite, erhalte ich Aufträge von unterschiedlichen Arbeitgebern. Seit Amazon das "Kindle Direct Publishing"-Programm im April 2011 startete, bekomme ich auch von Indie-Autoren immer wieder Anfragen. Nach einigen Erfahrungen muss ich nun leider sagen: Nein. Ich arbeite nicht für Selfpublisher. Nie wieder.

Warum?

Da gibt es mehrere Antworten:

 

1. Das Manuskript, das ich von Selfpublishern erhalte, ist übersät mit Fehlern, pickepacke voll, und zwar von jeder Art.

Deswegen soll es ja auch korrigiert werden – stimmt. Aber es geht doch auch niemand mit Dreck unter den Fingernägeln zur Maniküre, oder? Ich bezweifle oft, dass der Autor sein Manuskript nach dem Runtertippen noch einmal gelesen hat. Dafür bekomme ich scherzhafte Kommentare wie: "Damit es nicht zu einfach für Sie wird!" Bei mindestens zehn Fehlern pro Seite (und das 300 Seiten lang) kann von "einfach" keine Rede sein.

 

2. Selfpublisher wollen keine Verbesserung, sie wollen einen fehlerfreien Text.

Das will ich als Lektorin auch! Das will vermutlich jeder. Aber obwohl ich nach meinen Korrekturen auch noch einmal den Duden-Korrektor benutze, übersehe ich Fehler. So, ich habe es gesagt. Ich bin Lektorin und ich übersehe Fehler. Erfahrungsgemäß sind es pro 100 Fehler ca. 2, die ich nicht korrigiere. Das ist bei anderen Lektoren ganz ähnlich. Und jetzt rechnet: Ein Roman mit 300 Seiten und 10 Fehlern pro Seite … macht 3.000 Fehler, von denen ich 2.940 entdecke! Andersherum sind es leider 60 Fehler, die immer noch im Manuskript sind. Das ist alles, was der Autor hinterher feststellt. "Was, da sind noch Fehler drin? Wieso habe ich überhaupt für ein Korrektorat bezahlt?!" Stellt euch vor, der Autor würde seinen eigenen Text vor dem Korrektorat durchgehen und zumindest die gröbsten Schnitzer herausnehmen. Wie wunderschön wäre das Ergebnis?

 

3. Selfpublisher sind ungeduldig.

Wenn ich für Firmen arbeite, funktioniert das meist so. Ich bekomme einen Text. Ich korrigiere den Text. Meine Arbeit wird überprüft und wenn alles gut ist, bekomme ich eine Rückmeldung und mein Geld. Der Ablauf bei Selfpublishern? Ich bekomme einen Text und die Frage, ob es nicht schneller geht als vier Wochen. Die Fans würden schon warten. Ich korrigiere trotzdem in aller Ruhe, mehr als 25 Seiten pro Tag sind bei mir nicht drin. Ich mache sogar Anmerkungen, wenn etwas unlogisch erscheint, obwohl das eher zum teuren Lektorat gehört, nicht zum Korrektorat! Dann bekommt der Autor sein Manuskript pünktlich und mit nachvollziehbaren Korrekturen zurück. Am nächsten Tag ist es als eBook online. Falls der Autor die unlogischen Stellen korrigiert hat (was ich selten erfahre), vermute ich, dass er es nicht ohne neue Rechtschreibfehler getan hat. Tage später erhalte ich nur eine Nachricht, dass die ersten Leser Fehler gefunden hätten und sich der Autor das Korrektorat so nicht vorgestellt habe, siehe Zitat oben. Schließlich hätte er auch Freunde drüberlesen lassen können! Puh. Jetzt rein theoretisch – sollte ich wirklich schlechte Arbeit geleistet haben, hätte ich jederzeit nachgearbeitet. Ich hätte auch vom Autor nachträglich überarbeitete Textstellen noch einmal gelesen, damit neue Fehler keine Chance haben. Aber wenn der Autor blindes Vertrauen in mich (was mich ehrt – aber ich bin nur ein Mensch!) und sich selbst hat und den Text einfach so veröffentlicht, ist der Schaden meist schon entstanden. Nämlich dass der Autor enttäuscht ist und die Leser sich bestätigt fühlen, dass selbstverlegte Bücher unprofessionell sind. Und ein weiterer Schaden kommt hinzu.

 

4. Selfpublisher sind gut vernetzt. Und emotional.

Wenn genau so eine Situation vorkommt – der Autor veröffentlicht das Buch im Schnellschuss, ohne vorher noch mal das Ergebnis überprüft zu haben – dann entsteht Unmut. Die lässt der Autor raus. Neben zehn glücklichen Kunden, die sich still in ihrem Kämmerlein freuen, gibt es den einen, der weitererzählt, dass diese Lektorin schlampig arbeitet und das Geld nicht wert ist. Er hat ja den Beweis! Schaut euch nur mal an, wie viele Fehler in seinem Text sind! Und dafür habe er die Summe x bezahlt!!! In solchen Momenten – die mir ja nur verspätet zugetragen werden – möchte ich am liebsten das Original vorzeigen: "Aber schaut euch an, wie es vorher aussah! Ich habe 2.940 Fehler korrigiert!"

 

Fazit:

Liebe Selfpublisher, auch Lektoren setzen sich das Ziel, einen Text so fehlerfrei wie möglich zu machen. Was sie aber eigentlich leisten, ist eine deutliche Verbesserung des Textes. Und 98 % Korrekturquote ist eine gute Arbeit! Achtet darauf, einen bereits lesbaren Text zum Korrigieren abzugeben. Nur dann kann das Ergebnis für alle Seiten zufriedenstellend sein.

P. S.: Wenn ihr etwas zu korrigieren habt, dann wendet euch bitte nicht an mich.

maclene, am 29.11.2012
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Bildquelle:
W. Zeckai (Wie macht man eine Lesung erfolgreich?)
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