Gelassenheit trotz KI‑Boom: Was Studien zeigen

Trotz der rasanten technischen Entwicklung lohnt sich ein Blick darauf, wie Beschäftigte selbst die Lage einschätzen. Eine viel zitierte Untersuchung, die IZA/XING‑Studie aus dem Jahr 2017, zeigt, dass die Wahrnehmung der Risiken nicht immer mit der öffentlichen Debatte Schritt hält. Nur rund 13 Prozent der Arbeitnehmer zwischen 25 und 54 Jahren glaubten damals, dass ihr Job in den kommenden fünf Jahren durch Automatisierung wegfallen könnte. Unter XING‑Mitgliedern, Nutzern des beruflichen Netzwerks, lag der Wert sogar bei 2 Prozent. Neuere Untersuchungen des IZA – des Instituts zur Zukunft der Arbeit – befassen sich zwar mit Digitalisierung und Strukturwandel, doch eine direkte Wiederholungsstudie zur subjektiven Jobangst liegt bislang nicht vor. Auffällig sind Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Männer schätzten ihr Risiko mit rund 16 Prozent höher ein, Frauen mit rund 9 Prozent deutlich niedriger. Beschäftigte, die regelmäßig im Beruf Probleme selbstständig lösen, fühlten sich besonders sicher.

Alarm aus der Praxis: Diese Jobs sehen Gründer gefährdet

Doch während Studien eher Gelassenheit widerspiegeln, klingt es aus der Praxis deutlich alarmierter. Unternehmer, die täglich mit KI‑Veränderungen konfrontiert sind, benennen konkrete Berufsgruppen, die ihrer Ansicht nach besonders unter Druck geraten. Auf der Digital-Life-Design-Konferenz (DLD) in München war die Rede von gefährdeten Büro‑ und Verwaltungsberufen, juristischen Tätigkeiten, Buchhaltung, Beratung und sogar Einstiegsjobs in der Softwareentwicklung.

Gleichzeitig betonen viele Gründer, dass KI nicht nur ersetzt, sondern auch entlastet: Routineaufgaben verschwinden, während kreative, kommunikative und strategische Tätigkeiten an Bedeutung gewinnen.

Zwischen Unsicherheit und Orientierung: Warum klare Informationen wichtig sind

Die widersprüchlichen Einschätzungen aus Praxis, Forschung und öffentlicher Debatte zeigen, wie groß die Informationslücken beim Thema KI sind. Während Studien Gelassenheit signalisieren, warnen Unternehmer vor tiefgreifenden Veränderungen. In sozialen Netzwerken verbreiten sich zudem vereinfachte oder verzerrte Darstellungen, die Zukunftsängste verstärken können. Der Eindruck einer unübersichtlichen Lage entsteht weniger durch Absicht als durch die enorme Geschwindigkeit, mit der sich KI entwickelt – und durch die Schwierigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu vermitteln.

Umso wichtiger ist der Blick auf fundierte Analysen und auf die Frage, welche Tätigkeiten im Wandel an Bedeutung gewinnen.

Foto:Dr.Andreas Bischof TUChemnitz

Welche Berufe gelten als zukunftsträchtig?

Aktuelle Arbeitsmarktanalysen, die auf der Digital-Life-Design-Konferenz (DLD) in München präsentiert wurden, zeigen, dass nicht nur Risiken entstehen, sondern auch neue Chancen. Besonders gefragt sind Tätigkeiten, die menschliche Stärken mit technologischem Verständnis verbinden. Dazu gehören:

  • Gesundheits‑ und Pflegeberufe

Hoher Bedarf, intensive menschliche Interaktion, kaum automatisierbar.

  • Pädagogische und soziale Berufe

Beziehung, Kommunikation, Empathie – zentrale Fähigkeiten, die Maschinen nicht ersetzen.

  • Technologie‑ und KI‑nahe Berufe

Datenanalyse, IT‑Sicherheit, KI‑Training, Systemintegration.

  • Handwerk und technische Facharbeit

Praktische Problemlösung, individuelle Anpassung, hohe Nachfrage.

  • Kreative und strategische Tätigkeiten

Konzept, Gestaltung, Innovation – Bereiche, in denen KI eher unterstützt als ersetzt.

  • Green Jobs

Energie, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft – wachsender Zukunftsmarkt.

Diese Perspektive zeigt: Der Wandel ist real, aber er ist gestaltbar. Und er eröffnet neue berufliche Wege, die weit über die aktuelle Debatte hinausreichen.

Forschung im Sprint: KI lernt vom Gehirn

Parallel zu diesen Einschätzungen arbeitet die Forschung längst an der nächsten Generation von KI‑Systemen. Ein neues Projekt zeigt, wie schnell sich die Technologie weiterentwickelt und dass sie sich zunehmend am menschlichen Gehirn orientiert.

An der TU Chemnitz und der Universität Magdeburg startete 2026 ein Pilotprojekt, das KI‑Modelle effizienter machen soll, indem sie vom Gewohnheitslernen des Gehirns inspiriert werden. Das Ziel: große neuronale Netze schneller, energieärmer und flexibler zu machen.

Das Gehirn automatisiert häufig wiederholte Abläufe, um kognitive Ressourcen zu sparen. Genau dieses Prinzip wollen die Forschenden auf KI übertragen: Tastenkombinationen, Shortcuts genannt, die Routineaufgaben mit deutlich weniger Rechenaufwand erledigen. So könnten KI‑Systeme künftig schneller reagieren, weniger Energie verbrauchen und gleichzeitig flexibel bleiben.

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Zwischen Risiko und Aufbruch: Ein Blick nach vorn

Diese drei Perspektiven – Gelassenheit, Warnung und technologische Innovation – ergeben zusammen ein vielschichtiges Bild. Sie zeigen, dass die Zukunft der Arbeit weder eindeutig bedrohlich noch ausschließlich verheißungsvoll ist, sondern sich irgendwo dazwischen bewegt. Klar ist: KI wird unseren Arbeitsalltag verändern. Die Frage ist nicht mehr, ob – sondern wie wir diesen Wandel gestalten.

Am Ende zeigt sich: Die Zukunft der Arbeit entsteht nicht aus einer einzigen Wahrheit, sondern aus dem Zusammenspiel vieler Entwicklungen. Beschäftigte blicken gelassen auf den Wandel, Unternehmer warnen vor tiefgreifenden Veränderungen, und die Forschung arbeitet bereits an der nächsten Generation energieeffizienter, gehirninspirierter KI. Zwischen diesen Polen liegt ein breiter Raum für Gestaltung. Wie stark KI unseren Arbeitsalltag verändern wird, hängt nicht nur von technischen Fortschritten ab, sondern auch davon, wie wir Qualifizierung, Verantwortung und Chancen verteilen. Der Wandel ist da – und wir haben Einfluss darauf, was er aus uns macht.

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