Wer Ende des 18. Jahrhunderts/Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Markt oder der Straße seine Notdurft verrichten musste, suchte oft vergeblich nach einer öffentlichen Toilette. Dafür aber gab es wenigstens die Abtrittanbieterin, welche dafür Sorge trug, dass die Menschen sich nicht auf öffentlichem Gelände erleichtern mussten. Aus anderen Quellen geht hervor, dass die Abtrittanbieterin bereits schon im 17. Jahrhundert unterwegs gewesen sein soll. Wer aber war sie? Was tat sie?
Kuriose Berufe von früher - Abtrittanbieterin - Buttenweib - Madame Toilette
Früher gab es noch kein „stilles Örtchen“, dennoch mussten die Menschen irgendwie ihr „Geschäft“ verrichten. Dies durften Sie bei der Abtrittanbieterin.
Wasser Marsch unter dem weiten Gewand der Abtrittanbieterin
Bei der Abtrittanbieterin handelte es sich um eine Art „Klo-Frau“, die in ein weites Gewand - Pelerine oder Mantel - gehüllt war und einen Stock - Schulterholz genannt - auf der Schulter trug, an deren Enden je ein Eimer mit Deckel befestigt war. So jedenfalls geht es aus zahlreichen Aufzeichnungen hervor. Das Buttenweib, unter welchem Namen die Abtrittanbieterin auch bekannt ist - manchmal war es auch ein Buttenmann - sorgte dafür, dass Bürger, die ihr „Geschäft“ verrichten wollten, dies ungestört tun konnten. Sofern unter diesem Aspekt überhaupt von ungestört die Rede sein konnte.
Moderne Klofrauen haben es einfacher als die damaligen Abtrittanbieterinnen, welche dafür sorgten, dass die Bürger in der Öffentlichkeit ihre sogenannte Notdurft verrichten konnten. Dies war nur hinter der schützenden Pelerine der Abtrittanbieterin möglich. Hierfür stellte die Dame den Eimer auf dem Boden, entfernte den Deckel - der mehr oder weniger dazu diente, die üblen Gerüche nicht ganz entweichen zu lassen - und schützte die Person, die sich erleichtern wollte, mit dem Umhang vor neugierigen Blicken.
Damit die mobile Toilettenfrau nicht erkannt wurde, war ihr Gesicht hinter einer Maske verborgen. Fräulein Toilette hatte durchaus keinen leichten Job. Sie trug nicht nur schwer an der Last, die auf ihren Schultern lag. Sie wurde zudem noch von lästigen Fliegen - die wohl deswegen „Scheißhausfliegen“ genannt werden - umschwärmt. Bestimmt hätte sich manch eine Abtrittanbieterin über andere Schwärmereien mehr gefreut als über die der Fliegen, die sie begleiteten.
Um nicht ganz so sehr dem beißenden Geruch ausgesetzt zu sein, trugen die Abtrittanbieterinnen nicht selten einen Strauß Rainfarn bei sich. Dessen kampferartiger Duft konnte zwar die übelsten Gerüche nicht ganz und gar „übertünchen“, jedoch ein wenig mildern. Auch Gewürzsträuße führten die mobilen „Klo-Frauen“ hin und wieder bei ihrem Gang durch die Stadt mit sich.
In Weimar schwimmt die Wurst im Eimer der Madame Toilette
Ob wohl heute noch Damen den kuriosen Beruf von früher ausüben? Eine Abtrittanbieterin inmitten moderner deutscher Großstädte ist kaum vorstellbar. Dennoch gibt es sie noch - oder wieder - die mobilen Klo-Frauen.
Madame Toilette ist tatsächlich in Weimar unterwegs. Die „Abtrittanbieterin“ kann viel über die Geschichte der Bedürfnisanstalten der Stadt Weimar erzählen. Wenn alles einmal wieder beschissen ist und Sie sich nur zu gerne verpissen möchten, sollten Sie vielleicht einmal eine kleine Tour nach Weimar oder Dresden unternehmen. Bei einem unterhaltsamen Stadtbummel kommen Sie ganz bestimmt auf andere Gedanken.
Hamburger Liebschaften
Der Autor des Buches Hamburger Liebschaften“ machte sich einst daran, Ahnenforschung zu betreiben. Dietmar Bittrich kam dabei tatsächlich einigen streng gehüteten Familiengeheimnissen auf die Spur. So fand er u.a. heraus, dass seine Urururgroßmutter väterlicherseits als junge Frau einen sehr kuriosen Beruf ausübte, von dem er selbst bis dato noch nie etwas gehört hatte. Sie war eine jener Abtrittanbieterinnen, die ihre Dienste auf den Straßen Hamburgs anbot.
Drauf geschissen heißt es im Schloss Rochlitz
Ganz ehrlich, über die Ausscheidungen und Fäkalien mag niemand so gerne reden. Jedoch ist es sicherlich interessant zu wissen, wie die Ritter sich einst erleichterten, als es noch keine Abtrittanbieterin gab, und an Toiletten an sich überhaupt noch nicht zu denken war. Könnte der „Thron“ nicht nur der Sitz der Könige und Kaiser gewesen sein, sondern zugleich auch das „stille Örtchen“?
Im Schloss Rochlitz gibt es seit dem 16.03.2012 eine Sonderausstellung, die den nicht gerade sehr anspruchsvollen Namen „Drauf geschissen“ trägt. Bis einschließlich 31.08.2012 kann die Ausstellung mit dem anrüchigen Thema im Schloss Rochlitz - gelegen in der gleichnamigen Stadt im Landkreis Niedersachsen - besucht werden.







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Kommentare
@Nante, freut mich sehr, dass ich dir ein kleines Lächeln entlocken konnte : )
Ich habe noch einige andere kuriose Berufe von früher im Sinn, über die ich gern schreiben würde, wenn ich Zeit genug hätte.
LG Kerstin
Ich habe diesen äußerst lesenswerten Artikel erst jetzt entdeckt, der außer Erstaunen auch mal ein Schmunzeln auf mein Gesicht zaubern konnte. Ein Däumchen von mir.
Danke euch allen für eure Kommentare : )
@Merlin, nachdem ich die Toilette - wenn von einer solcher überhaupt die Rede sein kann - der Gräfin von Cosel auf der Burg Stolpen gesehen habe, ist mir auch klar, weshalb Burgen damals zum "Himmel stanken". Leider ist das Bild der Toilette der Cosel im Cosel-Turm auf Stolpen nicht sehr "klar", weil das Gegenlicht zu stark war und zudem eine Glasscheibe - die der Tür - im Wege aber ansonsten sagt Foto und Beschreibung alles aus : )
Lest und schaut hier:
http://dresden-reise-elbflorenz.blogs...
LG Kerstin
Es gibt wirklich kuriose Berufe, die kaum zu glauben sind! Es gab mal im Dritten im Fernsehen einen Bericht über alte und in Vergessenheit geratene Berufe, darunter auch der der Abtrittanbieterin. Allen Mitlesern kann ich auch wärmstens die hier angegebenen Wikipedia-Links empfehlen. Hatte nämlich selbst hier schon vor ein paar Tagen offline mitgelesen und mich dann über diese Links in Wikipedia über Querverweise auf neue hochinteressante Pfade begeben. So ist z. B. ein Burgherr während seiner Sitzung auf seinem typischen nach außen offenen Abtritt durch einen Dolchstich von unten ganz fies umgebracht worden. Nicht nur deshalb haben wir es doch heute gut.
Das war mal wieder sehr interessant!
Grüße,
Angela
Früher stanken die Burgen der "Hohen Herrschaften" im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel! Fragte ein Händler einen Bauern nach dem Weg zum Schloss, war die Antwort;: "Immer der Nase nach". Daher kommt auch dieses
Sprichwort.
LG Merlin
Ein toller Artikel und sehr schön geschrieben.
Auch heute ist "Klofrau" ein schwerer Beruf.
In Frankfurt arbeiten sie in 8-stunden Schichten in den B-Ebenen der U und S Bahn Stationen. Dort gibt es keine Fenster und nur Neonlicht ...
Bin von Deinem Artikel total hingerissen!
Schwer vorstellbar, wie damals der Alltag aussah.
Das ist wieder einmal ein sehr interessanter Text. Pagewizz hebt die Allgemeinbildung!
Was bedeutet überhaupt "Abtritt"?
Ein paar Antworten gibt es hier -
http://de.wikipedia.org/wiki/Toilette
http://wiki-de.genealogy.net/Abtritt