Die wilden 60er Jahre

In den 60er Jahren boomte die Musikbranche wie nie zuvor: Kurz nachdem die Beatles ihren ersten Hit landeten, tauchte eine neue Band nach der anderen auf. Viele davon ahmten zunächst den Stil der Beatles nach, einige verschwanden schnell wieder aus den Hitlisten und von den Plattentellern, andere dagegen entwickelten mit der Zeit ihren eigenen Stil und konnte sich etliche Jahre halten.

Damals dominierte der Beat, aus dem sich wiederum einige neue Richtungen entwickelten, wie der Psychedelic Pop. Es gab noch keine elektronische Musik, die lieblos am PC zusammengeschustert wurde - die Musiker mussten noch selbst Instrumente spielen und singen können und die Bühnenshows waren im Vergleich zu Heute relativ brav. (Mick Jagger begann erst in den 70ern, von der Bühne zu pinkeln oder seine Männlichkeit sämtlichen Konzertbesuchern vorzustellen.) 

Doch selbst in der heilen musikalischen Welt der 60er Jahre gab es bereits erste  kleinen "Schummeleien" mit Studiomusikern und Auftritte um des Skandals Willen. 

 

Von der drittklassigen Garagenband zur Legende

Die britische Underground Formation "John`s Children" ist so eine Band. Sie konnten zwar keinen Nummer 1 Hit landen, aber ihre Auftritte und ein äußerst dreistes Studioalbum sind mittlerweile Kult.  Sie wurden damals sogar als die schrecklichste Band der Welt bezeichnet. Simon Napier-Bell, der Produzent selbst, schwärmte davon, wie schrecklich sie seien - im positiven Sinne.

 

John`s Children - wie alles begann

Simon Napier-Bell entdeckte 1966 eine kleine Band, bestehend aus Andy Ellison (Vocals), John Hewlett (Bass), Chris Townson (Drums) und Geoff McClelland (Gitarre), die unter dem Namen  "The Silence" auftraten. Ihre Musik soll nicht gerade das gelbe vom Ei gewesen sein, doch Napier-Bell sah Potential in den Jungs. Als Erstes änderte er ihren Bandnamen in "John`s Children" und verpasste den Jungs ein neues Outfit: Alle wurden von Kopf bis Fuß in weiße Kleidung gesteckt, was sie rein äußerlich extrem brav erscheinen ließ.

Die erste Single - in kein Genre einzuordnen

Im Oktober 1966 kam nun die erste Single der Band "The Love I Thought I'd Found" in Großbritannien heraus, in den USA wurde sie unter dem Titel "Smashed, blocked" nur zwei Monate später veröffentlicht. Napier-Bell und Hewlett hatten diesen Song gemeinsam geschrieben/komponiert, und man ist sich bis heute nicht sicher, welcher Musikstil das denn sein könnte. Irgendjemand bezeichnete es als "disorientierten Psychedelic Pop", was in etwa hinkommt. Trotz des eigenartigen Klangs schaffte es die Single in die Top 100 der amerikanischen Billbord Charts.

Der erste öffentlich vorgetäuschte Orgasmus

1967 nahm die Band ihr einziges Album "Orgasm" auf, das aber erst 1971 veröffentlicht wurde, da der Titel für die damalige Zeit - nun raten Sie mal - als zu anstößig galt.

Dieses Album sorgte weniger durch seinen Titel, als vielmehr durch die Aufnahmen für Publicity: Es war ein einziger, großer Fake. Da der junge (und hübsche) Bassist nicht Bass spielen konnte und es mit der Musikalität der restlichen Bandmitglieder auch nicht wirklich gut aussah, engagierte Napier-Bell einfach ein paar Studiomusiker, die die Songs einspielten.

Das wäre nichts Ungewöhnliches, der eigentliche Clou an diesem Album sind die geheimnisvollen Klänge im Hintergrund. Der Produzent fand es eine gute Idee, das Ganze wie ein Live-Album klingen zu lassen. Und tatsächlich: Auf "Orgasm" hört man kreischende Fans, einige von ihnen rufen hysterisch "John, John!" und man glaubt, man wäre bei einem großen Live-Konzert mit Tausenden von Zuhörern.

Nur lösten John`s Children eher selten solche Begeisterungstürme aus und füllten auch keine Stadien: Der Produzent verwendete einfach den Soundtrack eines Beatles-Films und mischte ihn mit den Studioaufnahmen seiner Band. Die "John"-Rufe galten John Lennon.

Allein schon wegen dieser Dreistigkeit ist es absoluter Kult!

Die anstößige "Desdemona"

Das Album blieb also vorläufig unter Verschluss, trotzdem erreichte die Band einen gewissen Bekanntheitsgrad. Zu verdanken hatten sie dies Marc Bolan, der später mit seiner Band "T. Rex" weltweite Erfolge feierte. Napier-Bell holte ihn in als Ersatz für McClelland in die Band. Marc schrieb und komponierte Songs, spielte Gitarre und ist als Backgroundsänger auf einigen Liedern zu hören.

Die Single "Desdemona" aus der Feder von Marc Bolan wurde herausgebracht und sie klingt absolut fantastisch! Leider blockierte die BBC diesen Song, da die letzte Zeile "lift up your skirt and fly" als zu anstößig galt. Trotzdem wurde es ihre erfolgreichste Single, die in keiner Plattensammlung fehlen darf.

Falls ihr musikalisches Gehör sich jetzt fragt, warum das plötzlich richtig gut klingt - nein, die Musiker nahmen nicht schnell noch Unterricht oder verbrachten täglich viele Stunden im Proberaum. Napier-Bell engagierte einfach bessere Studiomusiker für die Aufnahmen. Von den Bandmitgliedern sind nur der Sänger Andy und Marc Bolan zu hören. Das gilt übrigens auch für die anderen wenigen Singles der Gruppe. 

Was diese Band aber bei ihren Auftritten dann aus "Desdemona" und Bolans anderen wunderschönen, mit viel Liebe geschriebenen Songs machte, war alles andere als ruhmreich.

Die legendären Bühnenshows

Ein paar brav gekleidete Teenager, die  ein Instrument in die Hand nahmen, sich vor jedem Auftritt kräftig einen ansoffen, gingen auf die Bühne und konnten dann doch drei (!!) ganze Songs live spielen. Das war ihr Repertoire.

Massenschlägereien oder "Kunst"?

Ihre Auftritte endeten meistens in einer mittleren bis schweren Katastrophe: Kaum hatten sie ihre paar Songs gespielt, fingen sie an, ihre Instrumente zu zerschlagen und inszenierten eine wilde Schlägerei unter Verwendung von reichlich Kunstblut. Alice Cooper ist dagegen ein Waisenknabe. Gleichzeitig forderte der Sänger Andy das Publikum auf, sie sollen doch die Stühle zerdreschen - und das taten sie auch. Nicht selten kamen die Musiker mit blauen Flecken nach Hause. Andy nannte das Ganze "Kunst" - jedenfalls manchmal.

Gelegentlich lösten sie das auch ohne Schlägerei, mit der Hilfe von Bolans interessantem Talent: Marc konnte auf Kommando eine Bewusstlosigkeit vortäuschen. Nachdem die Band also ihr Liveprogramm (die drei Songs) hinter sich gebracht hatte, musst Bolan in Ohnmacht fallen und das Konzert wurde abgebrochen. Die Musiker konnten dann am gleichen Abend noch einen zweiten, besser bezahlten Auftritt wahrnehmen. Bolan war davon nicht besonders begeistert, aber er spielte notgedrungen mit.

John`s Children verhinderten ein "The Who"-Konzert

Irgendwie schafften es John`s Children tatsächlich, bekannt genug zu werden, um als Vorgruppe der Band "The Who" mit auf Deutschlandtournee zu gehen. Die Jungs waren sich einig: Sie wollten den großen "The Who" die Show stehlen. Und das haben sie geschafft: Ein Konzert musste bereits nach dem Auftritt der Vorband aus Sicherheitsgründen abgesagt werden.

Marc Bolan und der Heavy Metal

Ludwigshafen, 1967.

Andy, John, Marc und Chris Sie ließen es schon bei ihren Songs ordentlich Krachen und heizten damit die Stimmung gefährlich an.  Marc Bolan`s Gitarre soll geklungen haben, als würde sie Todesschreie ausstoßen. Es wurde eine Mischung aus - dem damals noch nicht existierenden - Punkrock und Bolan entlockte seiner Gitarre an diesem Abend erste Heavy-Metal-Klänge. 1967 war die Welt dafür allerdings noch nicht reif. Kurz nachdem Andy und der Rest seiner Truppe - wie üblich stark angetrunken -  die Zuschauer zur Zerstörung des Mobiliars aufforderten, geriet alles außer Kontrolle. Es artete in einer riesigen Schlägerei aus, die Fans versuchten, die Musiker von der Bühne zu zerren, es gab Platzwunden, kaputte Instrumente und sie konnten sich gerade noch in Sicherheit bringen. "The Who" mussten ihren eigentlichen Auftritt absagen, da die Masse nicht mehr zu beruhigen war.

Das Ende der Band

Leider gibt es von John`s Children keinerlei Live- Aufnahmen, so dass wir wohl nie erfahren werden, wie schrecklich sie tatsächlich waren. Schon im Juni 1967 verließen Marc Bolan und der Drummer Townsen die Band. Der Bassist John Hewlett wurde daraufhin ans Schlagzeug gesetzt (ich bezweifle stark, dass er auf die Schnelle dieses Instrument erlernen konnte) und da man einen neuen Bassisten brauchte, drückte man wurde kurzerhand einem Roadie den Bass in die Hand. In dieser neuen Formation studierten sie schnell mal ihre drei Songs ein, um dann bei jedem Auftritt zum gewohnten Ablauf zurückzukehren.

 

Es erschienen nochmals zwei Singles, aber die Fans fanden die immer gleiche Show mit der Zeit selbst etwas "abgedroschen" und die Band löste sich 1968 auf.

 

"The Who" hatten das Desaster in Ludwigshafen natürlich nicht so ohne Weiteres verziehen: Sie nahmen zwar Townsen kurzzeitig in ihre Band auf, als Keith Moon wegen Krankheit ausfiel, aber am Ende des Konzertes fegten sie ihn mit einem Feuerwerk regelrecht von der Bühne.

 

Ellison und Townson spielten noch einige Zeit in anderen Bands, u.a. "Radio Stars" und gerieten irgendwann in Vergessenheit. Was aus Hewlett wurde, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen.

 

 

Raritäten der Musikgeschichte

John`s Children sind heute eine Legende und ihre wenigen verkauften Singles heiß begehrt. Allerdings wären sie ohne Marc Bolan und seinen Songs "Desdemona" wohl in Vergessenheit geraten.

Die Single "A Midsummer nights scene" (Words and Music: Marc Bolan) wurde übrigens nie veröffentlicht! Es existieren lediglich einige Exemplare der unverkäuflichen Muster (Promos). Sollten sie zufällig eine solche besitzen (oder das legendäre Album als Originalpressung), dürfen sie mir diese gerne zukommen lassen, ich übernehme selbstverständlich die Unkosten.

Discographie

Singles:

  • "The Love I Thought I'd Found" / "Strange Affair" (Oktober 1966)
  • "Just What You Want – Just What You'll Get" / "But She's Mine" (Februar 1967)
  • "Desdemona" / "Remember Thomas à Becket" (Mai 1967)
  • "Midsummer Night's Scene" / "Sara Crazy Child" (Juni 1967, unveröffentlicht)
  • "Come and Play with Me in the Garden" / "Sara Crazy Child" (Juli 1967)
  • "Go Go Girl" / "Jagged Time Lapse" (Oktober 1967)
  • "It's Been A Long Time" / "Arthur Green" (Dezember 1967, Solo-Single Andy Ellison, John's Children auf der B-Seite)

Alben:

  • Orgasm (1967)

Und der Beginn von "T. Rex"

Marc Bolan war nach dem Auftritt in Ludwigshafen geschockt. Er sagte Napier-Bell, er würde nie wieder eine E-Gitarre anfassen - stattdessen gründete er zusammen mit Steven Ross Porter (Steve "Peregrin Took", benannt nach dem Took aus "Herr der Ringe") seine Band "Tyrannosaurus Rex". Nur mit einer akustischen Gitarre, ein paar Bongos und ihren Stimmen setzten die beiden Bolans Kompositionen in ihrer unvergleichliche Art um. Sie nahmen drei Alben und etliche Singles gemeinsam auf, darunter einige musikalische Perlen wie diese hier:
Nach einer - sagen wir: nicht ganz so erfolgreichen - USA-Tournee trennten sich Bolan von Took und holte sich den Maler und Musiker Mickey Finn als neuen Partner. Die großen Erfolge wollten sich einfach nicht einstellen, trotz einiger Fans aus der Underground-Szene. Marc wollte die Musik schon aufgeben, als die Single "Ride a white Swan" steigende Verkaufszahlen verzeichnete. Zu dieser Zeit kamen dann auch Steve Currie (Bass) und Bill Legend (Drummer) hinzu - die Band "T. Rex" war geboren. Den großen Durchbruch sollte 1971 ein Song bringen, den JEDER von Ihnen, und ich betone "jeder" kennen dürfte. Ich sage nur: La la la lalala la....

Marc Bolan wurde zum Weltstar - aber tatsächlich erst, als er das tat, was er nie wieder tun wollte: Er griff wieder zur E-Gitarre, arbeitete hart und nach "Hot Love" war der Erfolg nicht mehr aufzuhalten. Durch seinen eigenen Stil in der Musik, die ausgefallene Kleidung und eine magische Ausstrahlung schaffte es Marc Bolan (der aus einfachen Verhältnissen stammte und sich selbst das Musizieren beibrachte) zum ersten und bekanntesten Glamrockstar.

Nebenbei nahm er auch noch mit anderen Musikern unter Pseudonym den ein oder anderen Song auf, z.B. "Dib Cochran and the earwings" oder als "Big Carrot".

Und für alle diejenigen, die den Quatsch einiger Mainstream Schreiberlinge glauben wollen, Bolan wäre nur ein Teenie-Bopper gewesen, der musikalischen Einheitsbrei produzierte (das Rolling Stone Magazin hat dadurch die Achtung einer Leserin für immer verloren): Hören Sie sich doch bitte kurz den Anfang dieses Hits an: 

Die berühmten Girarrenriffs der Studioaufnahme von "Notbush City Limits" wurden von keinem anderen als Marc Bolan gespielt. Das lässt sich zwar nicht mehr beweisen, aber ich sehe keinen Grund, an der Aussage von Tina Turner zu zweifeln.

Marc Bolan - Beyond the rising sun...

Der wundervolle Marc Bolan mit der einzigartigen Gesangsstimme, den leidenschaftlichen Darbietungen bei seinen Auftritten und der Ausstrahlung einer Elfe (die Briten nennen ihn gerne "the boppin Elfe") starb am 16. September 1977 bei einem schweren Autounfall - kurz vor seinem 30. Geburtstag. Seine Fans lieben ihn noch heute und damit seine Musik für immer lebendig bleibt, hier ein paar musikalische Empfehlungen.

Zu den bekanntesten Hits von T. Rex gehören u.a.:

Marc Bolan in Concert at the Empire Pool, Wembley, March 1972 (Bild: AllPosters)

-Hot Love

-Get it on

-Metal Guru

-20th Century Boy

-Cosmic Dancer (auch bekannt aus dem Film "Billie Elliot")

-Children of the revolution

-Jeepster

Neben diesen Hits gibt es viele, viele weitere fantastische Songs von Marc Bolan und Tyrannosaurus Rex bzw. der späteren Band T. Rex, die ich Ihnen ebenfalls ans Herz bzw. Ohr legen möchte:

-Main Man (die akustische Version)

-Girl

-King of the mountain cometh

-Child Star

-Children of Rarn

-Blessed wild apple Girl

-Spaceball Richochet

-Mad Donna

-Thunderwing

- Pavillions of Sun

- The Wizard

- Deborah

- Lay on me Lena (Gedicht)

- Ride a white swan

- Dandy in the Underworld

Main Man
Grace, am 30.01.2013
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