Kleintierhaltung und eigener Garten sind in schlechten Zeiten Gold wert.

In den 50 Jahren waren in Deutschland nicht alle wohlhabend. Eher die wenigsten. Kriegswitwen und Kriegsversehrte mit geringen Renten waren häufig anzutreffen. Zerbombte Städte sorgten für Mangel an Wohnraum. Flüchtlinge aus den Ostgebieten fanden nur zögerlich Arbeit. Wer bei Verwandten oder Bekannten unterkam, hatte noch Glück. Unterkunft wurde teilweise zwangszugewiesen. Wer zwei Zimmer hatte, bekam einen Untermieter. Eine Toilette im Hof war normal. Gebadet wurde einmal die Woche in einer Zinkwanne. Fernsehen kam erst noch auf. Diese Zeit habe ich miterlebt. Wirklich Hunger aber nie. Wir hatten kaum etwas, fühlten uns aber nicht arm, weil fast keiner was hatte. Und die, die den Krieg überlebt hatten, waren Kämpfer, hatten gelernt zu organisieren. Sich mit wenig zu behelfen.

Armut ist auch immer relativ im Vergleich zu anderen zu sehen.

Die Leute wussten sich zu helfen, und jeder half auch dem anderen. Ein ehemaliger Soldat mit nur einem Arm sammelte in Trümmern und auf Baustellen alte Bretter, machte daraus Anmachholz und verkaufte das mit einem Bollerwagen. Ein anderer züchtete Karnickel, er sammelte Disteln mit einem Korb im Park. Verkaufte dann Fleisch für den Sonntagsbraten. Wieder ein anderer schnitt im Wald Ruten, und verkaufte Reisigbesen. Bei manchen Bauern durfte man nachernten. Obst und Gemüse wurden eingemacht. Wir gingen ständig irgendwohin zum Sammeln. Pilze, Hagebutten und so. Beeren wurden zu Saft, oder Gelee. Ein Nachbar war Schlosser. Der reparierte alte Fahrräder. Somit hatten wir auch bald welche. Als Kinder sammelten wir Altpapier, Metall und Glas. Dafür gab es ein par Pfennige. Genug für Eis, die große Kugel zu einem Groschen. Unsere Hosen waren geflickt. Ein Hausbewohner war Schuster, der reparierte nebenbei noch unsere Treter. Eine Zeit lang aßen andere Kinder bei uns mit, weil deren Vater keinen Job hatte.

Wir waren nicht arm, wir hatten nur kein Geld.  

Heute verrottet Obst auf Bäumen, die nicht abgeerntet werden.

Gemüse wurde in Spießbütten gezogen

Die Entwicklung lief weiter. Nach den "Fetten Jahren" des Wirtschaftswunders sind wir im real existierenden Egoismus angelangt. Profitoptimierung steht über allem. Der Billiglohnsektor wird ausgebaut. Werkverträge lösen die eh schon zweifelhafte Leiharbeit ab. Ausquetschen, soweit es geht. Profitoptimierung heißt das Zauberwort. Die Shareholder-Value muss ja bedient werden. Da bleiben viele auf der Strecke. Wer wegrationalisiert wird, findet kaum noch einen neuen Job. Besonders schlimm ist es bei denen, mit wenig Bildung. Die einfachen Arbeiten werden ins Ausland verlagert. Ist bei den Akademikern die Zahl der Arbeitslosen konstant wie seit 1970 geblieben, so ist sie bei den einfachen, ungelernten Tätigkeiten auf über 30 % gestiegen. Der Weg zu einer Informationsgesellschaft lässt wenig Platz für Ungelernte. Wir schreiten voran, lassen aber Teile der Gesellschaft zurück.

Dieses System hat auf der einen Seite enorme Vermögenszuwächse hervor gebracht.

Seit gut 10 Jahren gibt es die Harz IV Gesetze. Die Zuwendungen reichen zum Überleben, aber nicht zum Leben. Nebenbei gibt es auch noch die Tafeln. Ehrenamtlich und mildtätig, auf den ersten Blick. Die bekommen sogar von der Industrie Fahrzeuge gesponsort. Von der selben Industrie, die durch Billig-Arbeit Milliarden mehr verdient. Die durch Auslagerung erst Harz IV Empfänger erzeugt.

Die Autorin K. Hartmann greift in ihrem Buch "Wir müssen draußen bleiben" dieses System hart an.

Zitat aus einem Interview:

"Hartmann: Das Konzept klingt nach Verteilungsgerechtigkeit, aber die Tafeln erhalten nur das System, in dem Menschen auf Almosen angewiesen sind. Diese freiwillige Hilfe ist kein Ersatz für einen Rechtsanspruch auf Unterstützung, sie kann jederzeit verweigert werden. Im Gegensatz zu klassischen Einrichtungen wie Sozialkaufhäusern steckt außerdem eine ganze Industrie dahinter mit Beratungsbüchern von McKinsey und von Mercedes gespendeten Lieferwagen. Die Wirtschaftselite unterstützt die Tafeln durch Spenden und erhält damit das System, denn sie profitiert ja von der Armut: Sie ist auch das Ergebnis von Dumping-Löhnen, die den Unternehmen hohe Gewinne bescheren."

Leute, die Harz IV bekommen, werden verwaltet. Die können, dürfen und sollen sich gar nicht aus dem Schlamassel befreien. Warum werden die nicht wirklich qualifiziert? Es fehlen doch angeblich Facharbeiter. Ab nächstem Jahr bekommen die sogar 9,-- € mehr. Politiker bekommen ab sofort 1000,-- € mehr!  

Schlimm, dass viele resignieren.

Da ein Bezieher von Harz IV nicht wirklich etwas dazu verdienen darf, lässt er es auch bleiben. Sich selbstständig zu machen ist auch so erschwert worden. Das ist ein unübersehbares Risiko. Zu meiner Jugend hatten viele einen eigenen Laden. Aber durch Zwangsmitgliedschaft in einer Innung oder IHK fängt man schon mit Zahlungen an, bevor auch nur ein € in der Kasse ist.  Ein Bauchladen wie früher mal, ist auch nicht drin. Gewerbeanmeldung und Steuererklärung mit Steuerberater ist auch nicht kostenlos. Verordnungen, Gesetze und Beschränkungen verhindern Initiative. Karnickel schlachten und verkaufen? Noch keine Hygiene-Verordnung gelesen! Das dürfen nur Rumänen für 4,75 € die Stunde. 10 mal bei EBay was verkauft, schon hat man Post vom Anwalt. Meine Frau, Kunsthandwerkerin, hat einer Bekannten die Küche gefliest. Die musste dem Ordnungsamt erklären, wieso sie eine Tätigkeit außerhalb des Kernbereiches ihres Gewerbes ausführt. Die Banken wollen keine Leute, die selber Geld haben, Und unser Staat braucht keine selbstständigen Bürger, die nicht auf ihn angewiesen sind. Und er hat auch immer Angst, nicht genügend beteiligt zu werden. In Bonn wurde ein Parkscheinautomat extra umgebaut. Prostituierte müssen dort vor Schichtbeginn eine Steuermarke ziehen. So tief darf ein Staat nicht sinken. Nein, dieser Staat will mutwillig die Leute unten halten und kontrollieren. Früher waren wir arm, hatten aber eine Perspektive. Heute werden immer mehr Bürger und besonders Kinder arm, ohne wirkliche Chance auf Besserung. Obwohl mir manchmal die Knochen weh tun, bin ich froh über mein Alter, und würde mit keinem Jungen tauschen.  

Autor seit 5 Jahren
268 Seiten
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