Gerade in Deutschland formierte sich im Umfeld des Ashley-Madison-Hacks wieder einmal die Liga der Selbstgerechten. Offenbar bereitet hierzulande nichts mehr unbändige Freude, als das tatsächliche oder vermeintliche Fehlverhalten seiner Mitmenschen anzuprangern. Gelernt ist nun mal gelernt in einem Land der Denunzianten und Blockwarte. 

Nachdem mit der DDR der letzte deutsche Staat, der auf dem Grundpfeiler des Denunzierens errichtet worden war, längst Geschichte ist (wenn auch keine gute, weshalb unappetitliche Petitessen wie Schießbefehl an der Mauer oder Folter ähnlich einem peinlichen Familiengeheimnis unter den Teppich gekehrt und lieber an die "schönen Seiten" verrückterinnert wird), weicht der moralische Zeigefinger dem moralischen Cursor. "Selbst schuld" oder "geschieht denen recht!" sind die Schlagworte der Neo-Tugendwächter.

"Hm ... also wenn ich mich reinhacke, bin nicht ich schuld, sondern der Gehackte, oder?" (Bild: https://pixabay.com/)

Apostel der Selbstgerechtigkeit

Als 2014 offenbar der Apple-Dienst iCloud gehackt und private Fotos von Prominenten wie Jennifer Lawrence oder Jenny McCarthy ins Netz gestellt wurden, ergossen sich Häme und Spott über diese. Denn: Wie könne man nur so dämlich sein und private Fotos auf einen Cloud-Dienst hochladen? Während sich die Apostel der Selbstgerechten damals lediglich über die angebliche Dummheit überwiegend amerikanischer Prominenter, bei denen Mitleid ohnehin fehl am Platze ist, stehen US-Amerikaner in hiesigen Bereiten doch traditionell im Ruf, dumm wie Stroh zu sein – ganz im Gegensatz übrigens zu den hochgebildeten Deutschen, von denen nahezu jeder mehrere Fremdsprachen fließend spricht und keinerlei Vorurteile gegenüber anderen Kulturen kennt.

Während das "Fappening", wie der Vorfall betitelt wurde, da die übliche Watergate-Verballhornung ("Nipplegate", "Monicagate") nach über 40 Jahren ein ganz kleines Bisschen an Witz verloren haben dürfte, noch als Lappalie angesehen wurde, lädt der Ashley-Madison-Hack zum moralischen Abreagieren ein.

Die irre Täter-Opfer-Umkehr

Fast logisch, sieht sich doch auch das Team hinter dem Hack im Recht. In einer Erklärung (Link: https://yuc3i3hat65rpl7t.onion.to/stuff/impact-team-ashley-release.html) heißt es dazu: "Find yourself in here [Anmerkung: Gemeint ist die veröffentlichte Datenbank]? It was ALM that failed you and lied to you. Prosecute them and claim damages. Then move on with your life. Learn your lesson and make amends. Embarrassing now, but you'll get over it."

Fast könnte die Vermutung naheliegen, es handle sich bei den Hackern "Impact Team" um ein paar deutsche Tugendwächter, die es in einem Aufwischen den Kapitalisten, den Amerikanern sowie den unmoralisch agierenden Usern gezeigt haben: "Hallo! Darf ich Ihnen einen Tugend-Wachturm schenken und Ihnen kurz erklären, wer die Guten und wer die Bösen auf dieser Welt sind? Es ist wirklich ganz, ganz einfach!"

Oder ist es vielleicht doch nicht so einfach? In einer wahnwitzigen Täter-Opfer-Umkehrung werden die Täter zu Helden stilisiert und die Opfer zu den wahren Tätern, die sich gefälligst schämen, ihre Lektion daraus lernen und damit fertigwerden sollten. Embarrassing now, but you'll get over it. Sicher, ist doch nichts dabei, wenn die eigene Frau, die Freunde, vielleicht sogar die Arbeitgeber wissen, dass man bei einem Seitensprungportal angemeldet ist.

Seitens der üblichen Verdächtigen in Punkto "Datenschutz" ist es verdächtig still. Was Wunder, geht es doch nicht um die böse "Datenkrake" Google, die – shocking! – etwa Suchergebnisse ihrer User speichert, was praktisch die Menetekel von Orwells "1984" an die Wand malt, sondern bloß darum, dass Leute mit ihren Namen und ihren sexuellen Fantasien und Vorlieben an den Internet-Pranger gestellt wurden.

"I want you ... to be ashamed of ...

"I want you ... to be ashamed of yourself!" - Uncle German (Bild: https://pixabay.com)

Nicht die Tat, die Gesinnung zählt

In einer Art Shyamalan'schem Plottwist sind nicht die Hacker die unmoralisch Agierenden, sondern die öffentlich Desavouierten. Und der Kniff funktioniert so: Jemand hackt sich in ein fremdes Computersystem (was nach Wissensstand des Artikelautors sowohl in den USA, als auch in Deutschland als kriminelle Handlung gilt), entwendet mehrere Gigabyte an sensiblen Userdaten, erpresst den Betreiber einer Website damit, diese Daten ins Netz zu stellen, so er seine Website nicht stilllege, und veröffentlicht schließlich diese Daten. Nur ein kindlich-naiver Kleingeist könnte zu der Feststellung gelangen, dass der Hacker mehrere Straftaten gesetzt hat. Nicht doch! Im modernen Tugendstaat zählt nicht bloß die Straftat, sondern die dahintersteckende Gesinnung. Hausfriedensbruch ist "vielleicht nicht legal, aber legitim", solange er sich gegen ein verpöntes Unternehmen richtet. Ob dieselbe Ansicht auch dann gälte, besetzten rechte "Aktivisten" die Parteibüros der "Linken", ist fraglich. Legitim scheint jedenfalls das Veröffentlichen sensibler Daten dann zu sein, wenn der erpresste Betreiber einer Website den Forderungen nicht nachkommt. Ja, mehr noch: Prosecute them and claim damages. Soll heißen: "Wer, ich? Ich habe doch nichts Unrechtes gemacht! Beschwert euch bei jenen, die eure Daten gesammelt haben! Ich habe sie lediglich öffentlich zugänglich gemacht."

Ein wahrer Geniestreich! Die Schuld wird abgewälzt, die Opfer werden mit Schimpf und Schande übergossen, und Kommentatoren können sich im Eau de Selbstgerechtigkeit wälzen. Kostprobe gefällig? Da schreibt Jennifer Weiner, die nur einen Buchstabendreher von brüllend komischen Schenkelklopfern entfernt ist, mit Hinweis darauf, dass zahlreiche Beamte mit den Mailadressen ihrer Regierungsstelle aufgedeckt wurden, in der New York Times süffisant: "How, I ask you, can a country be great when its government workers aren't smart enough to scurry over to the anonymous embrace of Hotmail and Yahoo when they want to cheat? […] Maybe it shouldn't come as a surprise that D.C. is full of cheaters, but why, oh why, did it have to be full of stupid cheaters, cheaters too lazy and incurious to go to Gmail.com before they cheated?"

Thüringer Hackerangriff

Thüringer Hackerangriff (Bild: https://pixabay.com/)

Weiß, Amerikaner, konservativ? Voll Opfer, ey!

Fast schon zu gut, um wahr zu sein, ist es freilich, wenn es den Lieblingsfeind der hippen Post-68er-Generation trifft: Den konservativen, gläubigen, weißen US-Amerikaner. Ein gewisser Josh Duggar, bekannt aus einer Reality-Show, wurde unfreiwillig als Ashley-Madison-User geoutet, samt seiner sexuellen Vorlieben, unter denen zumindest "Schaumbad für 2" und Knuddeln doch wieder sehr konservativ anmuten.

Gewiss: Man mag das Geschäftsmodell des Seitensprungportals Ashley Madison, bekannt auch für seinen eingängigen Slogan "Das Leben ist kurz. Gönn' Dir eine Affäre" ("Life is short. Have an affair") moralisch bedenklich oder gar verwerflich finden. Es ist aber legal, was wiederum seine Kunden zu völlig normalen Geschäftspartnern macht, die ein Anrecht auf Datenschutz besitzen. Ist das Betreiben eines Seitensprungportals nicht bloß unmoralisch, sondern auch zynisch? Vielleicht. Das zu beurteilen obliegt jedoch den Mitgliedern, nicht selbsternannten Tugendwächtern.

 

Unzweifelhaft zynisch ist das Veröffentlichen hochsensibler Daten, ebenso wie die Schadenfreude, die den Opfern entgegenschlägt. Wie viele Partnerschaften oder Familien der Ashely-Madison-Hack zerstören wird, bleibt im Dunkeln. Darüber möchte man auch gar nicht so recht erfahren, denn weitaus amüsanter ist doch das Beobachten, welche Kreise die ganze Affäre zieht. Da erfährt in Australien eine Hörerin live auf Sendung, dass ihr Ehemann auf besagter Website registriert ist. Ausgerechnet die Moderatoren bringen nach der Sendung das eigentliche Dilemma auf den Punkt: "The presenters also said that, just because Jo's husband had an account, it did not necessarily mean that he had cheated on her."

"Sondermeldung: Mein Nachbar betrügt seine Frau mit ... was? Mit meiner Frau?!?" (Bild: https://pixabay.com/)

Wer nichts zu verbergen hat ...

Selbstredend lässt sich unmöglich erheben, zu wie vielen Seitensprüngen Ashley Madison tatsächlich verholfen hat. Offenbar spielt das nach Ansicht der Selbstgerechten keine Rolle: Wer auf einem Seitensprungportal registriert ist, gilt als überführt. Auch, aber nicht nur deshalb verstößt das "Impact Team" gegen den wichtigsten Ehrenkodex von Hackern: "Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen". Millionen sensibler Daten der Internetmeute zum Fraße vorzuwerfen ist zynisch und bar jeglicher Rechtfertigung.

Die Täter-Opfer-Umkehr, wonach es ja ohnedies die "Richtigen" erwische, erinnert an die durchgeknallte "Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten"-Logik hinter der Beschneidung persönlicher Freiheiten. Nun, dann kann man ja ruhig Kameras oder Mikrophone in den Wohnungen der "Staat über alles"-Apologeten installieren. Oder haben die am Ende etwas zu verbergen? Warum sonst sollten sie dagegen sein? Und warum veröffentlicht man nicht am besten gleich sämtliche sensiblen Daten? Wem schadet es zu wissen, wer was auf Amazon oder bei einem Online-Sexshop einkaufte? Dagegen können doch nur Leute etwas einzuwenden haben, die nach dem Kauf schmuddeliger Sexvideos ein schlechtes Gewissen haben, oder?

Wer kann diesem treuen Hundeblick ...

Wer kann diesem treuen Hundeblick schon widerstehen? (Bild: https://pixabay.com)

Natürlich ist das Abwälzen der moralischen Verantwortung kein zeitgeistiges Phänomen der Moderne. Einer der Grundpfeiler des Katholizismus ist die Beichte. Sündigen ist schlecht, aber, nun ja, Gott sei Dank kann man ja beichten und hernach ist die Sünde vergeben. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Gratis-Gutmenschentum im Zeitalter von Facebook & Co. "Gefällt mir" zu beliebigen Themenbereichen gedrückt, schon hat man sich und der Welt bewiesen, zu den Guten zu zählen. Wer sich nun in Form von Witzeleien oder geheuchelter Empörung über die User des Seitensprungportals Ashley Madison ereifert, darf sich im wohligen Gefühl der Selbstgerechtigkeit wälzen und erhält allerorts Zustimmung.

Sicher: Es obliegt dem Betreiber einer Website, für den Schutz seiner Kundendaten zu sorgen. Daraus aber nun den seltsamen Schluss zu ziehen, wer sich widerrechtlich dieser Daten bedient sei kein Krimineller, ist reichlich absurd, etwa so, als würde man einem Räuber anerkennend auf die Schultern klopfen, weil er so clever war und eine unversperrte Hintertür zum Ausräumen des Juwelierladens nutzte.

Ob diverse Vorwürfe gegen Ashley Madison gerechtfertigt sind, tritt plötzlich völlig in den Hintergrund, obwohl die Hacker des "Impact Teams" betonten, ihnen ginge es eben gerade darum, auf die angeblichen Betrügereien der Betreiber aufmerksam zu machen. Richtig glaubwürdig will das nicht erscheinen, ebenso wenig wie die verlogene Empörung über die fehlende Moral der potenziellen Seitenspringer. Das Geheimnis hinter dem Erfolg der Schadenfreude ist übrigens die Angst, irgendwann selbst Opfer derselben zu werden. Und das wiederum ist ebenso typisch deutsch: Die german angst.

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Autor seit 6 Jahren
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