"Was machst Du?" - "Ich bin arbeitslos" - "Oh, ich danke Dir!".

Ein solcher Dialog ist wohl eher schwer vorstellbar in unserer Gesellschaft.

Derjenige, der energisch dem materiellen Heil und der vollendeten Leistung hinterherläuft, gilt als achtenswert, wird bewundert, beneidet, hofiert, belohnt. 

Wer das Pech hat, keine Arbeit zu finden (und hier meine ich nicht unwürdige Schlecker-Ausbeutung oder ähnliche Neo-Sklaverei), also arbeitslos ist und auch noch mit seinem Nichtstun Steuergelder verbraucht, hat schon eine weniger gute Stellung.

Wer nun gar keine Lust hat, das Rattenrennen mitzumachen, gilt schnell als asozial oder Schmarozzer.

Nun, zum einen sind wohl die asozialen Schmarozzer viel eher jene, die sich exorbitante Vorstandsgehälter gönnen und um der immer höheren Rendite willen immer mehr Menschen ihres Arbeitsplatzes berauben.

Zum anderen sollten wir aber auch einmal daran denken, dass unser Wertesystem keinesfalls ein Naturgesetz, sondern in Jahrhunderten, ja Jahrtausenden geschichtlich gewachsen, vom Menschen gemacht und eben nicht universell gültig ist. Ein Habenichts, der morgens um 9 den ersten Joint raucht und anschließend den Tag damit verbringt, versunken dazusitzen und nichts weiter zu erwarten vom Leben wird bei uns als Aussteiger und Versager angesehen. In Indien wird er unter Umständen als Heiliger verehrt, ihm wird großzügig gespendet, man verneigt sich vor ihm, der die irdischen Begehrlichkeiten überwunden hat. Auch dies ist ein gültiges Wertesystem, nicht a priori besser oder schlechter als das westliche, nur anders eben und gelegentlich ist es hilfreich, sich dessen bewusst zu werden.

Gaku Zan - C. René Hirschfelds Blog zu Dharma und Welt

http://gakuzan.de/

Zurück nun also zu unserer Gesellschaft.

Auch hier möchte ich gern einmal eine abweichende Sichtweise aufzeigen, als Denkanstoß, durchaus auch als Provokation.

Ein Arbeitsloser verzichtet nicht nur auf einen materiell gehobenen Lebensstandard und damit verbundene Möglichkeiten, Bequemlichkeiten, Spontaneitäten. Er ist vor allem eines sinn- und strukturstiftenden Inhalts für sein Dasein beraubt, eines Inhalts, der ihn spüren lässt, dass er gebraucht wird, durch den ihm Anerkennung zuteil wird und die Freude, am Ende des Tages auf etwas Geleistetes stolz sein zu können.

Für wen verzichtet er auf all dies?

Für uns. 

Für dieses System. 

Denn ohne die Schar von Arbeitslosen wäre dieses System, so wie es ist, nicht überlebensfähig.

Der entlassene Automechaniker im Großkonzern ermöglicht dem Vorstand seine Prämie, der Hartz IV - Bezieher sorgt dafür, dass ein ganzer Verwaltungsapparat zu tun hat, dass Behörden gebraucht, Formulare gedruckt, Kontrollen durchgeführt werden müssen. 

Der Arbeitslose ermöglicht dem Rest der Gesellschaft Arbeit und Wohlstand!

Dies ist ein untragbarer Zustand und eine soziale Schieflage, die zum Himmel stinkt und von einer ungesunden Gesellschaft zeugt. Dieses menschliche Misere wird noch dadurch verstärkt, dass dieses Opfer von niemandem gewürdigt, oder auch nur gesehen wird, sondern im Gegenteil, ein Großteil nicht nur der politischen Kaste sondern auch der arbeitenden Bevölkerung den Arbeitslosen, den "Leistungsempfänger" eben als Gegenteil zum "Leistungsträger" definiert. Er ist aber nicht sein Gegenteil. In unserem Wirtschaftssystem sind beide einander existenzielle Voraussetzung.

Das dies auf Dauer nicht funktionieren kann, dass die soziale Schieflage und Spaltung der Gesellschaft ebenso wie Fehlbewertungen weiter wachsen werden, muss nicht erwähnt werden. Ein Lösungsansatz wäre das bedingungslose Grundeinkommen. Warum dies eine Lösung sein kann und warum die Folgen weit radikaler sein könnten als vermutet, werde ich demnächst in einem anderen Artikel besprechen.

Bis es so weit ist, wir Politiker mit Mut und Unternehmer mit Gewissen haben, bleibt uns aber immerhin, gelegentlich einmal genauer hinzuschauen, wie sozial unser Denken ist und nach welchen Wertmaßstäben wir unsere Mitmenschen betrachten.

 

© C. René Hirschfeld


Autor seit 5 Jahren
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