Die deutsche Version von "Krieg der Welten"

Huhn oder Ei? Wells oder Laßwitz?

Auf zwei Planeten - CoverEs fällt schwer, nicht sofort an Carl Gustav Jungs Konzept der Synchronizität zu denken, wenn die Rede auf den wohl berühmtesten und einflussreichsten Science-Fiction-Roman aller Zeiten kommt: "Krieg der Welten" (Im Original: "War of the Worlds") von H. G. Wells. Denn was fast völlig in Vergessenheit geriet ist die Tatsache, dass rund ein Jahr zuvor, 1897, ein thematisch verblüffend ähnlich gelagerter Roman erschienen war, nämlich "Auf zwei Planeten" vom deutschen Autor Kurd Laßwitz.

 

In beiden Büchern landen Marsianer auf der Erde, was zwangsläufig zu Konflikten führt. Doch während H. G. Wells eine ausschließlich düstere Perspektive einnahm und den technologisch weit fortgeschrittenen Marsbewohnern jegliche Emotionen entzog, beschrieb sie Laßwitz sogar als die "besseren Menschen".

 

Grausame Marsianer

So radikal unterschiedlich beide Sichtweisen auch sein mögen, so einleuchtend werden diese in den jeweiligen Romanen erklärt. Der Sozialist und erklärte Kritiker der britischen Kanonenboot-Politik Wells extrapolierte den Gedanken einer rein vernunftbegabten Gesellschaft, die keinerlei Rücksicht auf Gefühle wie Mitleid oder Empathie nimmt. In "Krieg der Welten" wird der Mars als sterbender Planet beschrieben, weshalb seine Bewohner nach einem neuen Zuhause Ausschau halten. Als Nachbarplanet bietet sich die Erde geradezu an. Pragmatisch starten die Marsianer – deren Körper kaum mehr als gigantische Gehirne darstellen, eine ironische Überhöhung des kühlen Vernunftmenschen – eine Invasion, besiegen die damals stärkste irdische Militärmacht binnen weniger Tage und beginnen, die Erde für ihre Zwecke zu transformieren. Moralische Bedenken kennt diese Spezies keine.

 

Empathische Marsmenschen

Ganz anders Curd Laßwitz' Zugang zu diesem populären Thema. Seine Marsianer unterscheiden sich äußerlich kaum von den Menschen (wenngleich sie mit dem Problem derweitaus stärkern Erdgravitation konfrontiert sind). Technologisch sind sie, gleich Wells' erbarmungslosen Eroberern, weitaus fortgeschrittener. Doch ihre Absichten sind friedlicher und bisweilen sogar selbstloser Natur. Sie vermitteln den Menschen ihre Technologie und Forschung, um sie gleichsam als Brüder und Schwestern im All auf eine höhere wissenschaftliche und somit intellektuelle Ebene zu transferieren.

 

Jegliche Kriegshandlungen werden von den Menschen geschürt. Gleich zu Beginn des Romans "Auf zwei Planeten" führt die Entdeckung einer marsianischen Station auf dem (damals unerforschten) Nordpol in weiterer Folge zu militärischen Auseinandersetzungen mit dem britischen Königreich, das freilich hoffnungslos unterlegen ist und eine demütigende Niederlage einstecken muss.

 

Marsianisches Protektorat

Anstatt nach dem Sieg über die stärkste Militärmacht auf Erden sich den gesamten Planeten einzuverleiben, streben die Marsianer weiterhin eine friedliche Koexistenz an, erklären aber die Erde zu ihrem "Protektorat", um der Menschheit Friede und Wohlstand zu gewährleisten. In einem ungeheuer provokanten Akt wird beispielsweise die Aristokratie verboten. Man lese dies mit den Augen und dem gesellschaftlichen Hintergrund eines Zeitgenossen Ende des 19. Jahrhunderts und man wird verstehen, wie unerhört ein solches Werk aufgefasst werden musste.

 

Doch die guten Absichten haben unvorhergesehene Konsequenzen: Die Menschen fordern Selbstbestimmung, was wiederum in einem militärischen Konflikt mit den Marsianern mündet …

 

Mit seinem stark pazifistischen Unterton und den klaren Absagen an Aristokratie oder Rassismus erweist sich "Auf zwei Planeten" selbst retrospektiv betrachtet als verblüffend aufgeklärte Science-Fiction-Literatur.

 

"Krieg der Welten" vs. "Auf zwei Planeten"

Freilich weist Laßwitz' Hauptwerk einige Schwächen auf. Mitunter werden technologische oder wissenschaftliche Details erklärt, was sich wie ein staubtrockener Vortrag liest. Zu viele Charaktere, Schauplätze und Nebenhandlungen werden eingestreut, die das Tempo verlangsamen und letztendlich kaum irgendeinen Zweck erfüllen. Trotzdem kann man angesichts der interessanten Thematik und des ungewöhnlich optimistischen Grundtons "Auf zwei Planeten" diese Schwächen nachsehen.

 

Zweifellos erweist sich im direkten Vergleich der ersten "Invasion vom Mars"-Romane "Krieg der Welten" als der atmosphärisch dichtere und spannendere, der selbst weit über hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts an Faszination eingebüßt hat. Einen Beleg dessen bildet die multimediale Verwertung des Science-Fiction-Klassikers. Seien es Filme wie die Leinwandadaption aus 1953 oder durch Steven Spielberg 2005, seien es Hörspiele, das großartige Musical von Jeff Wayne oder Computerspiele. Würde H. G. Wells noch unter uns weilen, hätte er alleine mit diesem einen Werk ausgesorgt.

 

Kurd Laßwitz hingegen ist heute nur noch wenigen Genrefans ein Begriff. Zu Unrecht, denn "Auf zwei Planeten" ist ein echter Klassiker ohne Ablaufdatum. Doch sein Werk litt wie so viele andere unter der kulturellen Säuberung der Nazis, die auch vor der einst in Mitteleuropa populären Science Fiction nicht halt machte. Ein Schlag, von dem sich das Genre nur mühsam erholte. Umso wichtiger erschiene es, sich der Wurzeln deutschsprachiger Science Fiction zu besinnen und "Auf zwei Planeten" als jenes Meisterwerk mit kleinen Schwächen zu würdigen, das es darstellt.

Die deutsche Version von

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