1. Von einer Religion zur anderen recycelt: Die Säulen der Moschee von Córdoba

Recycling ist viel älter, als der Begriff vermuten lässt. Ein Beispiel? Die Moschee von Córdoba in Südspanien gehört zu den größten Sakralbauten der Erde. 179 Meter lang und 134 Meter breit ist sie. Klar, dass da jede Menge Baumaterial nötig war, als der ummayadische Emir von Córdoba Abd ar-Rahman I. im achten Jahrhundert mit dem Bau begann. Die 856 Säulen, die die Hufeisenbögen stützen, stammen aus dem römischen Tempel, der zuvor an dieser Stelle gestanden hatte, wie auch aus anderen Gebäuden dieser Zeit. Einfach eins zu eins übernommen. So hat Córdoba heute eine katholische Kathedrale, die architektonisch aus dem frühen Islam stammt. Und das Material hat noch die Zeiten römischer Gottheiten erlebt. Auch wenn die Römer den Einbau ihrer Säulen in eine Moschee wohl schwerlich als Upcycling begriffen hätten: Aus heutiger Sicht ist auf diese Weise ein einmaliges Bauwerk entstanden.

2. Altpapier-Verwertung anno dazumal: Wie eine Weltkarte 500 Jahre unbeschadet überstand

Der Kartograf Martin Waldseemüller zeichnete 1507 erstmals eine Weltkarte mit den Umrissen des gerade neu entdeckten Kontinents, den er – fälschlicherweise – Amerika nannte, nach dem angeblichen Entdecker Amerigo Vespucci. Es gibt nur noch fünf dieser Globussegment-Karten, die dazu gedacht waren, ausgeschnitten und zur Weltkugel zusammengeklebt zu werden. Zuletzt entdeckt wurde ein Exemplar 2012 in der Münchner Unibibliothek. 

Hintergrund - Seit wann gibt es das Wort Upcycling denn eigentlich?

Upcycling – ein Wortschöpfung aus "up" für hoch und "recycling" für Wiederverwerten – meint nutzlos gewordene Dinge in neuwertige Produkte zu verwandeln, verbunden mit einer stofflichen Aufwertung. Laut Wikipedia hat der Ingenieur Reiner Pilz diesen Begriff 1994 erstmals verwendet, als er das Baustoff-Recycling kritisierte: "Recycling – ich nenne es Downcycling. Sie schlagen Steine kaputt, sie schlagen alles kaputt. Was wir brauchen ist Upcycling, bei dem alte Produkte einen höheren Wert erhalten, keinen geringeren." 

Mit dieser Karte war vor 200 Jahren ein Geometrie-Buch eingebunden worden. Auch wenn es für Waldseemüller als Kartograf zunächst nicht schmeichelhaft ist, dass seine Karte als Bucheinband herhalten musste: Vielleicht hat der wertvolle Druck ja nur aufgrund der konsequenten Altpapier-Verwertung anno dazumal die Jahrhunderte unbeschadet überstanden.

3. Der Stahlhelm als Salatsieb: Notzeiten-Recycling

Nein, der reine Genuss war es nicht, ausgediente Stahlhelme von Soldaten des Zweiten Weltkriegs als Abtropfsieb für Salate zu nutzen – eher die schiere Not der Nachkriegszeit. Und ein bisschen makaber vielleicht außerdem. Wenn schon nicht im Krieg von Kugeln durchlöchert, dann hinterher... Nichtsdestotrotz: Die deutsche Kriegs- und Nachkriegszeit bedeutete Hochsaison in Sachen Wiederverwerten und Umnutzen. Was da alles möglich war, ist auf der Website www.nachkriegszeit.de minuziös dokumentiert. Mit Staun- und Gruselfaktor.

In den 50er-Jahren waren es vor allem die Hausfrauen, die zu Recycling- und Upcycling-Profis avancierten, das Geschenkpapier bügelten, alte Pullover auftrennten, um die Wolle wieder zu verstricken, und aus jedem Betttuch noch Schlafanzüge und Kinderleibchen zu nähen wussten. Zu Haute Coutoure zählte das freilich nicht. Es sollte allerdings noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis Designer mit dieser Aus-alt-mach-neu-Strategie die Laufstege eroberten. 

Recycling-Mode

Recycling-Mode (Bild: Redesign Hamburg)

4. Der Krawatten-Rock: Aus alt mach trendy

Ein Jackett wird zum Cordrock, die Karo-Tischdecke zum Kleid, der Nadelstreifen-Anzug zum kleinen Schwarzen, die alten Krawatten fügen sich zum schicken Minirock. Häckelspitzen vom Fenstervorhang avancieren zur Rockbordüre. Aus alten Kleidern lassen sich neue Lieblingsstücke kreieren. Mit Ideen und entsprechendem Knowhow kommt dabei richtige Designermode heraus. Die Redesign Recyclingmode hat das Wiederverwerten zu ihrem Markenzeichen gemacht. Die Modelle waren früher einmal Vorhänge, Stoffrestposten oder weggeworfene Kleider. 

Die Hamburger Modedesigner setzen ihr Konzept des nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen konsequent um: Selbst die Etiketten werden auf alte Postkarten gedruckt, die Nähmaschinen laufen mit Ökostrom. Weitere Infos: www.redesign-hamburg.de.

Apropos Recycling und Design: Es gibt einen Recycling Designpreis, den der Arbeitskreis Recycling e.V. in Herford jährlich vergibt. Wen es interessiert, was es in diesem Bereich so alles gibt, kann sich die Preisträger-Beiträge der vergangenen Jahre ansehen. Tolle Sachen.

5. Ein Liter Licht: Sonnenschein für Slumhütten

Zugegeben: Ich hatte mir nie Gedanken gemacht, dass es in Slums stockdunkel ist. Die Wellblech-Hütten sind Wand an Wand gebaut, keine Fenster. Elektrisches Licht gibt's nicht oder ist für die Menschen kaum zu bezahlen.

Die philippinische Initiative "Isang Litrong Liwanag", übersetzt "Ein Liter Licht", begann 2011, mit PET-Flaschen Licht ins Dunkel zu bringen. Dazu wird einfach ein Loch ins Dach gebohrt, eine zu zwei Dritteln mit Wasser, Algenschutz und Bleichmittel befüllte Flasche eingesetzt und alles gut abgedichtet. Eine denkbare einfache Technik. Und gerade deswegen so genial: Das Wasser gibt das Sonnenlicht ins Innere weiter. 

Eine weitere Recycling-Idee aus armen Ländern, die sich zum Exportschlager gemausert hat: Taschen aus Getränketüten. In Weltläden gehören sie seit einigen Jahren zum Standardsortiment. Man kann sie aber auch selbst machen: Schnittmuster gibt es hier.

6. Schick und charmant: Alte Dinge umwidmen

In den 60er- und 70er-Jahren landeten alte Möbel bei uns meist auf dem Sperrmüll. Wahrscheinlich haftete ihnen zu sehr der Geruch von Krieg und Entsagung an. Und zu glücklich waren alle, sich mit dem neuen Wohlstand auch neue Dinge leisten zu können. Es sollte bis in die 80er-Jahre dauern, bis angesichts wachsender Müllberge und der einsetzenden Diskussion um Nachhaltigkeit das Recyclen und Umnutzen wieder entdeckt wurde. 

Besonders charmant ist da die Strategie, alten Dingen einen ganz anderen Sinn und Nutzen zu geben. Klappstühle werden zu Kleiderschränken, alte Tennisschläger machen sich prima als Wandspiegel oder Glühbirnen avancieren zu Öllampen. Oder wie wäre ein Kindertisch aus drei ausrangierten Skateboards und ein Koffersessel? 

Waren solche Umwidmungen am Anfang eine Sache von Ökofreaks und Bastlern, präsentiert sie der Handel inzwischen als besondere Design-Idee – wenn auch nur mit halb so viel Charme. Es gibt sogar Schmuck aus Solarzellen, aus alten Nespresso-Kapseln oder Patronenhülsen.

7. Kulinarische Finessen: Upcycling ist das Geheimnis vieler Spezialitäten

Aus Resten was Leckeres machen: In der Küche ist das ein ebenso bewährtes wie vielversprechendes Rezept, das im Zuge der Diskussion um die Verschwendung von Lebensmitteln ("Taste the Waste") aktuell neue Nahrung bekommt. Die Pizza ist so eine klassische Möglichkeit, Überbleibsel von Gemüse als Spezialität zu servieren.

Oder wie wär's mit einem schwäbischen Ofenschlupfer aus hart gewordenen Brötchen? Ganz unter uns: Es soll sogar Menschen geben, die absichtlich ein paar Brötchen zu viel kaufen, damit sie mal wieder einen Grund haben, Ofenschlupfer zu machen. Der Vollständigkeit halber: Hier ist ein Rezept.

Die Fotos stammen von: www.redesign-hamburg.de (Bearbeitung: Heimo Cörlin), Mondstein (Bearbeitung: Heimo Cörlin), Archiv der Mittelbadischen Presse in Offenburg (Bearbeitung: Heimo Cörlin), Pixabay

Mondstein, am 25.04.2013
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