Wirklich echtes Silber? Was der Silberstempel verrät

Zunächst gilt es bei einem alten Besteck herauszufinden, ob man es überhaupt mit echtem Silber zu tun hat und wie hochwertig es ist. Da hilft es schon, die guten Stücke genau unter die Lupe zu nehmen. Im wahrsten Sinn des Wortes! Denn bei Silberbesteck findet sich auf der Rückseite des Griffs häufig ein winziger Echtheitsstempel. Zu verdanken ist das einer Vorgabe aus dem Jahr 1888, also aus Zeiten des Deutschen Reichs. Damals wurde die Stempelung für Silber erstmals einheitlich geregelt. 

Dementsprechend besteht der Echtheitsstempel aus einer Zahl (beispielsweise 800, 900), manchmal in Verbindung mit dem Herstellernamen und/oder einer Auftragsnummer. Erscheinen die Symbole Halbmond plus Krone, dann stammt das Besteck aus deutscher Produktion. 

Die Zahl 800 steht für einen Silbergehalt von 80 Prozent reines Silber, 900 entsprechend für 90 Prozent. Ältere Bestecke aus der Zeit vor 1888 haben oft Lotangaben: 10 Lot entsprechen einem Silbergehalt von 65 Prozent, 16 Lot stehen für 99,90 Prozent. Wer sich mit Silberstempeln intensiver beschäftigen will: Wikipedia weiß noch mehr. 

Bestecke sind allerdings nur selten durch und durch aus Silber. Als Grundmaterial diente dabei lange Zeit die Alpacca-Legierung aus Kupfer-Nickel-Zink, die anschließend versilbert wurde. Diese Legierung ist robuster, hat aber ein ähnliches Gewicht wie Silber, so dass sich diese versilberten Bestecke "echt" anfühlen. Bei modernem Silberbesteck wird Edelstahl als Grundmaterial verwendet.

Bei meinem Besteck von Oma hatte ich es mit einem 100er-Silberüberzug zu tun. Das bedeutet: Zwölf Gabeln und zwölf Löffel zusammen sind mit 100 Gramm Feinsilber überzogen. Die Herstellerfirma laut Echtheitsstempel: Wirths.

Silberstempel (Bild: Mondstein/Bearbeitung: Heimo Cörlin)

Einen Käufer finden: Wie ist der Marktwert?

Google sei Dank: Als ich die Suchmaschine mit den Begriffen Wirths und Bestecke fütterte, landete ich prompt bei der Paul Wirths Bestecke GmbH & Co. KG in Solingen. Die Firma gibt es also noch. Wenn ich ein Besteck gehabt hätte, das verspricht, wirklich wertvoll zu sein, hätte ich vielleicht beim Hersteller um genauere Angaben gebeten oder aber bei Antiquitätenhändlern vor Ort nachgefragt. Mit viel Glück findet man auch in Museen Fachleute mit Erfahrung in diesem Bereich. Wenn es um hohe Werte geht, kann es sinnvoll sein, einen Sachverständigen zu befragen. Die Industrie- und Handelskammern führen in ihrem zentralen Sachverständigenverzeichnis derzeit einen Fachmann in Solingen, der sich mit Tafelsilber auskennt. 

Doch in meinem Fall war klar: Das Besteck stammte aus den 50er-Jahren. Keine wirkliche Antiquität also. Um die Marktlage zu sichten, war deswegen erst einmal eBay gefragt: Und prompt gab es dort unter dem Stichwort altes Silberbesteck reihenweise Angebote, darunter auch mein Wirths-Dekor. Zu meiner Ernüchterung musste ich feststellen: Es handelte sich bei mir offensichtlich um ein 08/15-Besteck. Denn ich war bei weitem nicht die Einzige, die sich genau dieses Besteck bei eBay versilbern lassen wollte.

Oft hatten meine Mitbewerber sogar einen kompletten Satz samt Originalverpackung zu bieten. Dagegen hatte sich In meiner Familie im Lauf des jahrzehntelangen Gebrauchs ein gewisser Schwund eingestellt. Mein Gebot hätte wohl ziemlich dürftig ausgesehen. Es ging um 39 Teile und zwar:

10 Messer (laienhaft mit Schleifstein nachgeschärft), 9 Gabeln, 4 Esslöffel, 2 Vorlegelöffel, 1 Schöpfkelle, 6 Kuchengabeln, 5 Teelöffel, 1 Obstmesser, 1 Soßenlöffel.

Zum Vergleich: Bei einer eBay-Versteigerungen erbrachte ein 29-teiliges Wirths-Bestecks (100er-Silber) für sechs Personen, bei dem jedoch eine Kuchengabel fehlte, ganze 22,22 Euro. Und man konnte nicht gerade behaupten, dass die Interessenten Schlange gestanden hätten. Nur 13 Gebote waren dafür abgegeben worden.

Offensichtlich ist es beim Preis ganz entscheidend, bei Bestecken einen vollständigen Satz anzubieten. Ein 36-teiliges altes Silberbesteck mit je zwölf Löffeln, Messer und Gabeln erbrachte immerhin 146 Euro.

Damit war für mich klar: Die guten Stücke bei eBay zu versteigern oder anderweitig zu verkaufen war in meinem Fall keine Option angesichts des abgenutzten Sammelsuriums, das ich zu bieten hatte. Ich hätte höchstens versuchen können, ein paar Euro für Einzelstücke wie die Schöpfkelle oder den Vorlegelöffel zu erzielen. 

Dekor eines Silberbesteck von Wirths aus den 50er-Jahren (Bild: Mondstein)

Die Alternative: in einer Scheideanstalt einschmelzen lassen

Wer bei Google Silberbesteck verkaufen eingibt, landet ganz schnell bei sogenannten Scheideanstalten. Sie kaufen versilbertes Besteck auf, um es einzuschmelzen. Recycling also, Rohstoffe sind knapp. Gezahlt wird nach Gewicht und Silbergehalt entsprechend dem aktuellen Silberpreis. Der kann übrigens stark schwanken. Insofern lohnt sich vorab ein Blick auf den aktuellen Silberkurs, um zu entscheiden, wann der Zeitpunkt für einen Verkauf günstig ist. 

Die Abwicklung selbst ist ganz einfach: 

Schritt 1: Das Besteck mit der Küchenwaage wiegen. Messer werden getrennt erfasst, weil für sie nicht so viel gezahlt wird. Denn die Schneide ist aus Edelstahl und auch der schwere Griff birgt ungewöhnlich viel Füllmaterial. Als Mindestgewicht muss ein Kilo zusammenkommen, damit die Scheideanstalten den Auftrag annehmen. Bei mir waren es knapp 2,5 Kilo. Genug also.

Ein Messer wog in meinem Fall 90 Gramm, die Gabeln waren jeweils 55 Gramm schwer. Am meisten brachte die Schöpfkelle mit 157 Gramm an Gewicht auf die Waage. 

Schritt 2: Auf der Website beider Scheideanstalten finden sich Ankaufsrechner, um vorab zu kalkulieren, wie hoch der Erlös ist.

Schritt 3: Das Ankaufformular herunterladen, ausfüllen und es samt Besteck per Paket an die Scheideanstalt schicken. In meinem Fall war das die GS-Kraft GmbH in Isernhagen. In Rheinfelden gibt es mit der ESG Edelmetall-Service GmbH & Co. KG ein weiteres Unternehmen dieser Art. Bitte das Besteck unbedingt als Paket versenden, denn dann ist der Inhalt bei Verlust bis zu 500 Euro versichert!

Schritt 4: Nach wenigen Tagen erhielt ich von der Scheideanstalt per E-Mail ein Angebot, was ich für mein Silber bekommen könnte. Und so sah die Rechnung aus:

1,51 Kilo Gabeln, Löffel ... zum Preis von 19 Euro/Kilo = 28,69 Euro

0,95 Kilo Messer zum Preis von 5,50 Euro/Kilo = 5,23 Euro

zusammen also 33,92 Euro

Falls ich damit nicht zufrieden gewesen wäre, hätte ich das Angebot ablehnen können und das Besteck postwendend zurückbekommen. Aber ich akzeptierte. Und so landeten nach wenigen Tagen 33,92 Euro auf meinem Konto.

Wer kein gutes Gefühl dabei hat, sein Silber einfach "ins Blaue" zu schicken: Die Scheideanstalten bieten in Annahme-Centern auch persönliche Besuchstermine mit Beratung an.

Ausführliche Infos zum Silberankauf gibt es auf den Websites von Scheideanstalten.

Fazit: Zwar war die Aktion "Silberbesteck verkaufen" wegen gut 30 Euro ein ganz schöner Aufwand. Aber mir hat die Idee gefallen, dass das Silber damit sinnvoll recycelt wird. Ich hätte wahrscheinlich niemanden gefunden, der für dieses Sammelsurium an Messern, Gabeln und Löffeln wesentlich mehr gezahlt hätte. Allerdings lohnt sich das Einschmelzen erst ab einer gewissen Menge. Denn eigentlich muss ja auch noch das Porto fürs Paket in die Rechnung einbezogen werden.

Kleiner Exkurs: Wofür Silber heute verwendet wird

Das Edelmetall Silber (chemisches Zeichen ist Ag, abgeleitet vom lateinischen "argentum") hat ganz besondere Eigenschaften: Es ist sehr weich, dehnbar und sehr leitfähig – sowohl für Wärme wie für Elektrizität. Und es hat von allen Elementen die höchste Absorptions- und Reflexionsfähigkeit für Licht. Außerdem ist es völlig unempfindlich gegen Salzsäure.

Deswegen ist es in der Foto-, Elektro- und der chemischen Industrie gefragt – und das in wachsendem Maß: für die Herstellung von Fotokameras beispielsweise, für Computer, Batterien, Katalysatoren und Spiegel. Etwa 70 Prozent des Silbers werden industriell verarbeitet, nur 30 Prozent werden für Schmuck verwendet.

Silberplatine (Bild: Geralt/pixabay.com)

Was tun, wenn sich der Verkauf nicht lohnt?

Tja, was tun, wenn man ein Silberbesteck im Schrank an, das keinen nennenswerten Markt- oder Sammlerwert hat? Hier drei Möglichkeiten:

Ein warmer Farbton am Tisch: Wer ein Silberbesteck von Oma hat, kann sich immer überlegen, es doch mal selbst zu nutzen. Ich habe eines von meiner Patentante, das ich wirklich gerne verwende. Mit seinem warmen Weißton ist so ein Besteck am Tisch eine echte Abwechslung zu bläulich schimmerndem Cromargan. Bei Kerzenschein schimmert Silberbesteck besonders schön. Ständig in Gebrauch, läuft es übrigens kaum schwarz an. Ansonsten ein Tipp zum Reinigen: Das Besteck auf eine Aluplatte legen und mit heißem Salzwasser übergießen. Die Verfärbungen verschwinden innerhalb einer halben Minute von alleine. 

Für einen guten Zweck: Wohlfahrtsverbände freuen sich immer, wenn sie solche Bestecke für ihre Gebrauchtläden bekommen oder sie an Bedürftige abgeben können. Dann wird das Besteck wenigstens verwendet statt im Schrank vergessen zu werden.

Suppenlöffel für den Garten: Große Silberlöffel lassen sich auf eine nette Art umnutzen: Einfach plattklopfen und dann als Gartenschilder mit eingravierten Pflanzenamen in die Beete stecken. Hier ein paar Fotos der fertigen Löffelschilder. Und die Anleitung, wie's geht's. Schade, dass sich so etwas mit Gabeln und Messern nicht auch machen lässt ...

Mondstein, am 21.10.2013
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Bildquelle:
Amazon (Rollos für die Dusche, selbsttrocknende und platzsparend)

Autor seit 4 Jahren
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