Das Cotbus DelictiIn Paris zählen brennende Autos bereits zum alltäglichen Bild: Zur Rechten der Eiffelturm, links ein paar brennende Wagen - so erleben Touristen die Stadt der Liebe und globalisierungskritischen Randale. Der spießige Deutsche hingegen war bislang viel zu verkrampft, um sich derlei erwärmenden Freizeitaktivitäten hinzugeben. Bislang, denn nun brennen auch im Herzen der Autoindustrie die Wagen. Nachdem spontane Selbstentzündungen ausgeschlossen werden können, reagieren Exekutive und Legislative auf die Anschlagsserie, die alleine in Berlin bereits weit über hundert Automobile das Leben kostete. Empörte Stimmen der GrünInnen sind verdächtig dünn gesät - eine gewisse Schadenfreude dürfte hierbei im Spiel sein.

Von ganz anderem Kaliber ist Innenminister Friedrich: Er plädiert für ein hartes Vorgehen gegen die Täter. Offenbar möchte er dabei nicht einmal traditionell zwischen menschenverachtenden rechtsradikalen Straftaten und linken Protesten unterscheiden. Der geneigte Leser möge diese Unterscheidung nicht für Mumpitz halten und etwa einwenden, dass es doch egal sei, ob man von einem springergestiefelten Skinhead zusammengeschlagen werde, der danach zwei Monate brummen müsse, weil er seine Tat mit dem arischen Gruß abschloss, was natürlich Wiederbetätigung darstellt, oder von einem Linken, der sich im Recht wähnt, da man ein Hawaii-Hemd mit braunen Farbtupfern getragen habe. Mitnichten, werte Leser! Nicht bloß die Tat, auch das Motiv zählt! Schließlich wird ja auch unterschieden, ob man jemanden aus niederen Motiven - Hass etwa, oder weil man sich vom Rasierwasser des anderen olfaktorisch belästigt fühlte - umbringt oder in Notwehr handelt.

Aus diesem nachvollziehbaren Grunde müssen wir uns den Sirenenklängen der Rechtspopulisten verwehren und hinter den Brandstiftern nicht einfach gewöhnliche Kriminelle vermuten, sondern sollten versuchen zu ergründen, warum Menschen so etwas tun. Da es sich bei vielen der abgefackelten Wagen um deutsche Erzeugnisse handelte und die Autos nicht mit Hakenkreuzen verunziert wurden, kann man einen rechtsradikalen Hintergrund ausschließen, wiewohl Bürgermeister und Freizeitpolizist Wowereit meint: "Wir haben ein völlig undefiniertes Täterprofil."

Vielleicht sollte sich die Polizei der hellseherischen Fähigkeiten des überlebenden DDR-Fossils Gregor Gysi bedienen.

"Das sind junge frustrierte Leute", sagte Gysi über die Brandstifter. Ähnlich wie bei den jüngsten Krawallen in London handele es sich um Menschen, die keine Chancen in der Gesellschaft und keine beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten hätten und nicht beachtet würden. "Und dann verschaffen sie sich pubertär ein Machtgefühl."

Falls diese Vermutung stimmen sollte - und wer, außer einem menschenverachtenden Rechtspopulisten, würde Zweifel an den Vermutungen eines Linkspolitikers hegen? - haben wir es mit typischen westlichen Globalisierungsverlierern zu tun. In ihren vom Steuergeld anderer Leute bezahlten Wohnungen haben sie keine Möglichkeit, sich weiterzubilden oder aktive Schritte auf dem Arbeitsmarkt zu unternehmen. Ihre desparate Lage verhindert jegliche Integration in die Gesellschaft. Selbstständige, Arbeiter und Angestellte wechseln die Straßenseite, alsbald sie eines solchen Globalisierungsverlierers angesichtig werden; oftmals werden diese armen Menschen auch noch von weißhaarigen alten Damen in Pelzmänteln bespuckt.

Manche dieser mutmaßlichen Brandstifter besitzen zudem keinen eigenen Wagen. Nun soll aus diesem Umstand selbstverständlich keine Rechtfertigung für die Untat abgeleitet werden. Aber Verständnis kann, ja muss man für sie zeigen, wenn sie frustriert durch die Straßen latschen und von den Statussymbolen unserer oberflächlichen Konsumgesellschaft optisch verhöhnt werden. Zufälligerweise finden sich Grillanzünder und Feuerzeug in den Hosentaschen, und schon ist es geschehen.

Anstatt mit Verständnis, reagieren viele der betroffenen Autozüchter- und Halter mit Verstimmung, bisweilen sogar Ärger. Dabei bedenken sie freilich nicht, dass sie die Brandstiftungen de facto mutwillig selbst herbeiführten. Wer seinen noblen VW Polo arrogant ins Blickfeld der Unterschicht stellt darf sich nicht wundern, wenn der Zorn der Unterdrückten über den Ausbeuter hereinbricht. Vielmehr wäre jene erwähnte Verständnisfähigkeit gefragt, um den Kreislauf aus Gewalt (Zurschaustellung des eigenen Wohlstandes) und Gegengewalt (flammender Protest) zu durchbrechen. Weshalb, so der Vorschlag des Autos, kann angesichts der brennenden Autos nicht jemand Würstchen, Bratkartoffeln und eine Gitarre organisieren, auf der "Kumbaya My Lord" gezupft und somit für gute Stimmung gesorgt wird?

Denn: Wem nützt es, sich zu ärgern? Rechtsnationalradikale Populisten versuchen ohnehin nur Profit aus den verzeihbaren Streichen zu schlagen. Schlagen wir zurück! Zeigen wir den kaltherzigen Unmenschen und Kapitalismusapologeten, dass wir uns nicht gegeneinander aufwiegeln lassen, nur weil jemand unsere Karre, auf die wir drei Jahre lang gespart haben, abfackelte. Berauscht von den Benzindämpfen mögen unsere vom Neoliberalismus erkalteten Herzen auftauen und danach trachten, die so grausam Ausgestoßenen in unsere Mitte aufzunehmen. Vielleicht kann man sogar einen Kompromiss treffen. Beispielsweise jenen, den nächsten Wagen mit dem bedauernswerten Brandstifter zu teilen. Im Gegenzug verspricht das Kapitalismusopfer, ihn nicht anzuzünden.

Was auf jeden Fall notwendig sein wird, ist die Einrichtung einer Beratungsstelle für Autoanzünder - natürlich aus Steuergeldern jener finanziert, deren Wagen bereits ausbrannten, weil sie zu geizig waren, eine Garage für ihren seelenlosen Gefährten zu errichten - Strafe muss sein!

Überhaupt gibt es für die Politiker quer durch alle Fraktionen noch viel zu tun, bis die Utopie einer S-Klassenlosen Gesellschaften endlich Realität werde. Letztendlich sind die Brandstifter somit Utopisten, die ihrer Zeit einfach nur weit voraus sind. Freundschaft, Genossen!

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Autor seit 6 Jahren
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