Private Einblicke in eine völlig andere Welt

Das autobiografische Buch "Tochter des großen Stroms" von Hong Ying, gibt ungewöhnliche und private Einblicke in diese für uns völlig fremde Welt. Es beleuchtet die Hungersnot in Sichuan, mit Millionen von Toten, das Leben von Frauen in China und die "sechziger Jahre" in China. (Die Begebenheiten wurden offiziell angezweifelt. Der Bericht: 36 Millionen Tote beim größten Menschheitsexperiment, liefert Hintergründe) Ganz selbstverständlich wird der Leser "an die Hand genommen" und darf in den Alltag einer Durchschnittsfamilie der sechziger Jahre hineinsehen. Dort ist es die Mutter, die fernab der Heimat für die Familie arbeitet. Der sehbehinderte Vater erzieht die zahlreichen Kinder, von denen die Autorin die "Nummer Sechs" ist. Erst mit ihrem 18. Lebensjahr erlangt sie ein selbstbewusstes und realistisches Lebensbild von sich.. Die Jahre ihrer Kindheit und ihres Heranwachsens sind von unendlicher Armut geprägt. Sie schämt sich deswegen permanent. Ein durchgehendes Gefühl der Not und Enge sowie Platzmangel und Wasserknappheit bestimmen den Alltag. Tochter "Nummer Sechs" fühlt sich immer wieder von einem ihr unbekannten Mann beobachtet.
Stolz kann die junge Chinesin auf ihre guten Schulzeugnisse sein, denn ihr gelang, was etwa 10 Jahre am Ort kein Schüler schaffte. Ihr wurde von der Gemeinschaft der Besuch einer Universität ermöglicht. Sehr anschaulich schildert die Autorin die Hungersnot von 1961, die allein in Sichuan 7 Millionen Menschenleben forderte.

Tochter des großen Stroms, von Hong Ying (Bild: Amazon)

Die sechziger Jahre in China

Die Autorin Hong Ying lässt uns, als ihre Leser, in eine Welt schauen, in der andere Gesetze und Regeln gelten. Es ist keine beschreibende, unterhaltende Erzählung, die der Lesende nach dem Gebrauch, ohne berührt zu sein, im Bücherregal verschwinden lässt. Neben dem spannenden Haupterzählungsstrang erfährt er nebenbei einiges über die Wirtschaft und Politik Chinas und über das private Leben seiner Bewohner.

Im Lesen innehaltend überlegt er vielleicht, was sich um 1962 in seinem eigenen Lande zutrug und was er zu dem Zeitpunkt selbst gemacht hat. In Europa war in dieser Zeit nach dem Krieg die Hochphaseedas "Wirtschaftswunders". Es kündigten sich weitgreifende soziale neue Orientierungen mit einem Wertewandel an. Schlagwörter aus der Zeit sind: antiautoritäre Erziehung, sexuelle Revolution, Selbstbestimmung der Frau. Wie aus einer anderen Entwicklungsperiode der Menschheit mutet dagegen der Bericht aus dem fernen China an.

Hautnah kann ein fantasiebegabter Mensch die Gefühle nachempfinden, welche "die Sechste Tochter" in jungen Jahren spürte, als ihr jüngerer Bruder bei einem Unfall sein Bein verliert; der Vater erkrankt und in einem weit entfernten Krankenhaus sein Augenleiden behandeln lassen musste. Lebensecht ist die Schilderung, die Bezug darauf nimmt, mit welchem starken Überlebenswillen die Mutter die große Kinderschar mit dem Erlös harter Knochenarbeit über Wasser hält. Die Not der Kinder, die während der Abwesenheit der Eltern sich selbst überlassen bleiben, ist unermesslich groß.

Eine geheime Herkunft in der Regierungszeit Mao Zedongs

Kein Wunder, dass das junge Mädchen von einem Leben ohne Armut und Leid, voller Liebe und Vertrauen träumt. Ein bitteres Geheimniss lastet auf der Familie. Eine Auswirkung ist, dass besonders der "Sechsten Tochter" mit Misstrauen und Hass begegnet wird. Erst als die junge Frau das Rätsel ihrer Herkunft ergründet, bricht für sie eine hoffnungsvollere Zukunft an.

Der Roman, in dem die junge Frau unverblümt die Schicksalsjahre unter der Regierung Mao Zedongs beschreibt, ist zu Herzen gehend und in dieser Ausführlichkeit und Lebensnähe bisher einzigartig. Wer das Buch liest, möchte mehr von dem kleinen Mädchen erfahren, das im Alter von fünfeinhalb Jahren, nach dem Unfall des Bruders, zielstrebig am Jangtsefluss entlang rennt. Sie ist nur von dem einen Gedanken getrieben, die Mutter zu holen, die irgendwo auf einer Werft als Trägerin arbeitet.
Heute präsentiert sich China als aufstrebende Wirtschaftsmacht. Es verdrängte bereits Deutschland als Exportland Nummero eins.

Etwas über die Autorin Hong Yin

Hong Ying,1962 in Sichuan geboren, wuchs in den Slums von Chongqing am Rande des Jangtse in China auf. Mit 18 Jahren verlies sie ihren Heimatort und begann in Peking ein neues Leben als Autorin. Später siedelte sie, angesichts von Repressionen und Zensur nach England um, wo sie heute noch lebt. International wurde Hong Ying durch ihren Roman "Der chinesische Sommer", ihre Lebensgeschichte "Tochter des großen Stromes" und "Der Pfau weint" bekannt. Die Feuilletons der großen Zeitungen feiern die Asiatin als Rebellin, die mit ihrem Roman "Die chinesische Geliebte" engagiert gegen die chinesischen Zensurbehörden einen aussichtslosen Kampf kämpft.
YING, HONG: Tochter des großen Stroms. Roman meines Lebens. Aus dem Chinesischen übersetzt von Karin Hasselblatt. Aufbau Verlag, Berlin 2006. 315 S., 19,90 €.

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