Das Navi hat recht. Nur: Wo ist die Straße?

Es geht direkt von der Hauptverkehrsader auf ein einspuriges Sträßchen, dessen Belag Assoziationen an Kriegsgebiete erweckt, und über drei Abzweigungen zur "Aula Didáctica"; die letzte ist mit einem winzigkleinen Holzschild gekennzeichnet, auf dem mit der Rückseite zur Fahrtrichtung schlicht "Cueva" (Höhle) zu lesen ist. Von dort ist das Ziel allerdings bereits gut zu sehen.

Drei Autos parken vor dem kleinen Gebäude: Sicherlich die Besucher der 10.15-Uhr-Führung? Ein Irrtum, wie immer mehr zur Gewissheit wird. Kein Mensch nähert sich – auch kein Führer, der unserer Reservierung um 11.15 nachzukommen gedenkt.

Tagesfrequenz der Höhlenbesichtigung: 2 Personen.

Nachdem bis halb zwölf niemand aufkreuzt, suchen und finden wir auf einem Infoplakat Telefonnummern, die wir systematisch anwählen. Es stellt sich heraus, dass die vor Wochen erfolgte Reservierung die eine Sache ist, das Abholen und Bezahlen der Tickets aber im nahe gelegenen Oficina de Turismo in Panes zu erfolgen hätte. Da ich glaubwürdig versichern kann, dass mir das niemand gesagt hatte, erklärt sich der Mann am anderen Ende der Leitung bereit, die Führung dennoch zu machen und die Tickets mitzubringen: Wir sind immerhin zu zweit – und die einzigen, die an diesem Tag La Loja besichtigen möchten.

 Ganz in seinem Element: Der Archäologe präsentiert einen versteinerten Rentier-Unterkiefer im prähistorischen XXL-Format. Foto: Helmuth SantlerWenig später parkt sich ein hellgrüner Kleinwagen schwungvoll ein und heraus springt ein klein gewachsener, mittelalter Mann in sommerlicher Touristenkleidung: T-Shirt, kurze Hose, Sandalen. Nachdem die Marlboro glüht, begrüßt er uns mit Handschlag: "Encantado." Miguel Fueyo hat Archäologie studiert und steckt voller jungenhafter Begeisterung für "seine" Höhle und die ganze paläolithische Höhlenkunst. In den folgenden zweieinhalb Stunden dürfen wir Schädeldecken eines Mannes aus dem Mittelalter und eines Neandertalers in die Hand nehmen und vergleichen, was dem Ausdruck "Dickschädel" eine völlig neue Dimension verleiht. Enthusiastisch drückt er uns Werkzeug in die Hände, von dem besonders ein perfekt geformtes Steinmesser beeindruckt: Ergonomie ist eine Erfindung der Neandertaler und seit mindestens 37.000 Jahren ein alter Hut. Zwischen unzähligen weiteren Zigaretten, von denen ihn auch das "Rauchen verboten"-Schild in der Aula Didáctica nicht abzuhalten vermag, erfahren wir mehr oder minder themenbezogenen Info-Gossip: Die Beschilderung von der Hauptstraße sei deshalb nicht vorhanden, weil es sich um eine kantabrische Straße auf asturischem Gebiet handle und das Aufstellen eines Hinweises bei Strafe verboten. Anders als in Österreich bekommt man in Nordspanien ja mit der Zeit das Gefühl, von einer autonomen Region zur anderen tatsächlich ein neues Land zu betreten: Touristische Karten zeigen rund um das präsentierte Gebiet grundsätzlich nur weiße Flächen. Als ich noch weniger mit dieser provinzchauvinistischen Haltung vertraut war, machte ich einmal den Fehler, in einer kantabrischen Touristeninfo nach einer asturischen Höhle zu fragen. Nur mein Kredit als ahnungsloser Ausländer hat verhindert, dass ich spontan des Lokals verwiesen wurde – ich erntete lediglich zornige Blicke und wütendes Dementieren, dass es eine solche Höhle überhaupt gebe.

Ergonomie: eine Erfindung der Neandertaler

Das Steinmesser, das wir tatsächlich ausprobieren dürfen, ist ein Werk der Neandertaler und mindestens 36.000 Jahre halt. Es liegt perfekt in der Hand. Foto: Helmuth SantlerMiguel plaudert munter weiter, erklärt, die weltberühmte französische Chauvet-Höhle stehe unter Fälschungsverdacht (was unbegründet ist), setzt uns seine Abneigung gegen Engländer auseinander, möchte die Neandertaler als durchaus kunstverständige Personen aufgewertet wissen, berichtet von den Versuchen, den monströsen Auerochsen aus den drei existierenden, mit der Urform aller Kühe am nächsten verwandten Rinderrassen rückzuzüchten: Eine Schulterhöhe von zwei Metern habe das Ur gehabt, "una tonelada y media de toro", eineinhalb Tonnen Stier. Die an Höhlenwänden häufig gemalt und/oder geritzt anzutreffenden, kleinen gedrungenen Pferde brauchen hingegen nicht im Wege des gentechnischen Reverse Engineerings wiedererfunden zu werden: Man sieht sie allenthalben auf den asturischen Weiden.

Dickschädel-Vergleich: links Bruchstück der Schädeldecke eines spanischen Mannes aus dem Mittelalter, rechts das eines Neandertalers. Foto: Helmuth SantlerSeñor Fueyo würzt seinen ausschweifenden Vortrag mit Kraftausdrücken, allen voran "coño", das spanische Vulgärwort für das weibliche Geschlecht, einzusetzen analog zum US-amerikanischen "fuck" bei jeder noch so fragwürdigen Gelegenheit. Dazwischen macht er Komplimente über die Attraktivität meiner Frau, die mitunter einen leicht gequälten Gesichtsausdruck zur Schau trägt. Schließlich kommen wir aber doch noch zum eigentlichen Anlass unserer Visite: die Höhle, die, nächster didaktischer Exkurs, skandalöser- und unverständlicherweise nicht wie fünf andere asturische Höhlen den Welterbestatus erhalten hat (es gibt auch Welterbe-Höhlen in Kantabrien und im Baskenland, das interessiert an dieser Stelle aber selbstverständlich nicht im Geringsten). Die Empörung ist indes nachvollziehbar: Nicht nur ist die steinzeitliche Kamee-Technik, bei der man die gesamte Malfläche schwarz grundierte und anschließend die Umrisse durch Abkratzen der Farbe herausarbeitete, nur hier und ein weiteres Mal in einer französischen Höhle zu finden; auch die Qualität der Darstellung ist bemerkenswert und der Erhaltungszustand ausgezeichnet – ganz im Gegensatz etwa zur Welterbe-Cueva de Candamo, die nach Jahrzehnten als Versteck im Spanischen Bürgerkrieg und darauffolgender Verwahrlosung aufgrund neuzeitlicher Kritzeleien und Schimmelbefall großteils nur noch als Replik etwas erkennen lässt.

Der Strand der Stille
Playa del Silencio, der Strand der ...

Playa del Silencio, der Strand der Stille: Ostseite des Titelstrandes. Gut ein Kilometer ist per pedes zurückzulegen, um hinzugelangen. (Bild: Gabriela Heidegger)

FKK-Separee
Playa Ballota: mit eigenem ...

Playa Ballota: mit eigenem FKK-Bereich (Felsmauer). Auf den meisten nordspanischen Stränden macht aber ohnehin jede/r, was er/sie will. (Bild: Helmuth Santler)

Der Inlandsstrand
Gulpijury ist ein Naturdenkmal: ein ...

Gulpijury ist ein Naturdenkmal: ein Inlandsstrand. Das Meeresplanschbecken lockt v.a. Familien mit Kleinkindern. (Bild: Gabriela Heidegger)

Nach der Kultur die Kulinarik und die Qual der Strand-Wahl

Wieder im Freien, wobei sich unsere Brillengläser kurz beschlagen, geht die ausgedehnte Führung rasch ihrem Ende entgegen – Miguels Handy läutet und die Mama ruft zu Tisch. Wenn auch wohl nicht alles für bare Münze zu nehmen war und die Präsentation das Gegenteil der feinen englischen Art: Wir sind mehr als zufrieden – noch dazu für 3 Euro Eintritt pro Person (Vollzahler, ermäßigt 1,50).

Meer und Kalkstein = bizarre Steilküste. An dieser Stelle nahe dem Playa Ballota findet sich ein weiterer Mini-Inlandsstrand und eine Höhle, durch die man zum Ufer gelangt. Foto: Gabriela HeideggerAuch für uns wird es Zeit für ein Menú del Día: zwei Gänge (mit Tunfisch gefüllte Zwiebel, geschmortes Huhn, Paella, gegrillte Pfahlmuscheln, Tunfischsteak …), dazu Brot, Wein und Wasser und ein Dessert oder Kaffee um 10, 11 Euro sind problemlos zu bekommen und meist einfach köstlich. Danach haben wir die Qual der Wahl: Asturien verfügt über rund 350 Strände, da ist ein Dutzend immer ein unmittelbarer Reichweite. Schön sind sie alle, spektakulär etliche, vielbesucht die allerwenigsten.

 

Auch für die Strände gilt das asturische Prinzip: Es ist nicht immer ganz einfach, hinzugelangen. Doch schafft man es, fällt die Belohnung überreichlich aus.

 

P.S.: Der Korrektheit halber soll nicht unerwähnt bleiben, dass diese Geschichte aus dem Jahr 2013 stammt. Mittlerweile wurde eine neue Abzweigung zur Cueva La Loja gebaut und ordentlich beschildert. Die Besucherfrequenz dürfte sich daher schätzungsweise verfünffacht haben, auf ca. zehn Personen ...

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