Der erste Gedanke

... ist ja oft auch der Beste. Stimmt zwar nicht immer, aber im Nachhinein und in diesem Fall dann
doch. Aber der Reihe nach. 

Erst eins, dann noch eins und das Auto wird immer kleiner. Die Kinder sind also schuld. Also muss ein größeres Fahrzeug her. Das bedeutet dann auch fast immer höhere Kosten. An erster Stelle natürlich der Spritverbrauch. Diese Gedanken plagten mich zum Ende des letzten Jahrtausends. 

Mir wurde schlagartig klar, das wird nicht von alleine besser. Die Benzinpreise werden nie wieder das Niveau der 70er oder 80er erreichen.  

Überlegungen, auf einen PKW zu verzichten wurden sofort wieder verworfen. Die Fahrzeuggröße war auch irgendwie vorgegeben. Alternativen zu Benzin, also Diesel schienen auch nicht wirklich die richtige Lösung zu sein. 

Durch einen Bekannten, ein Mitarbeiter eines Gasversorgungsunternehmens, wurde ich dann auf die Möglichkeit des Erdgasantriebs aufmerksam gemacht. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los und die Suche begann.

Marktsondierung

Bestimmte Parameter waren für die Entscheidung zum Kauf eines Erdgasfahrzeuges sehr wichtig: 

Keine Platzeinbußen

Die zur Speicherung des komprimierten Erdgases benötigten Flaschen brauchen Platz. Um eine akzeptable Reichweite mit Erdgas zu gewährleisten, werden also Tanks mit ca. 100 bis 120 Liter benötigt. 

Um diese unterzubringen, gab es im Wesentlichen zwei Ansätze. Der schlechtere war die Unterbringung im Kofferraum und der daraus resultierende Platzverlust. Der zweite Ansatz war die
sogenannte Unterflurtechnik. Diese war jedoch nicht für jeden Fahrzeugtyp möglich, aber dennoch die für mich beste Lösung. 

Akzeptable Reichweite

Durch die Unterflurtechnik war es möglich, ca. 18 bis 20 kg Erdgas mitzuführen. Bei einem
durchschnittlichen Verbrauch von ca. 6 kg/100 KM also eine theoretische Reichweite mit Erdgas von etwa 300 bis 350 Kilometern.  

Nicht nur Gas allein an Bord

Ein Fahrzeug nur mit Erdgas an Bord kam nicht infrage. Also musste die Entscheidung getroffen werden, ob ein vollwertiger Benzintank, oder ein Notbenzintank die bessere Lösung ist. Fahrzeuge mit einem vollwertigen Benzintank galten als bivalent und waren somit nicht von der KFZ-Steuer zeitlich befreit. Ein PKW mit einem Benzintankvolumen von weniger als 15 Liter galt als monovalent und wurde somit für 3 Jahre von der KFZ-Steuer befreit. Diese 15 Liter garantierten weitere ca. 180 KM Reichweite. In Summe also ca. 500 bis 550 Kilometer.   

Sicherheit der Technik

Grundsätzlich müssen alle Gasflaschen einem sogenannten "Berstdruck" von 600 bar standhalten. Im Falle eines Fahrzeugbrandes würde dieser Druck erreicht. Aus diesem Grunde müssen alle Flaschen zusätzlich mit einer "Schmelzsicherung" ausgestattet sein. Diese lässt ab einer bestimmten Temperatur durch Schmelzen das Erdgas kontrolliert ab. Es kann zu keiner Explosion kommen.  

Sicherheit der Gesetzgebung

In der EU und auch in Deutschland wurde ein Gesetz verabschiedet, dass die steuerliche Befreiung von der Mineralölsteuer für erdgasbetriebene Fahrzeuge bis 2016 garantierte. Dieser Zeitraum wurde danach noch um 2 Jahre bis 2018 verlängert. Dies garantierte also einen Preis pro Kilo Erdgas von damals ca. 60 Cent.

 

Ein gutes Konzept - der Opel Zafira ...

Hier sind vor allem folgende Punkte für eine Entscheidung wichtig:

  • Unterflurtechnik und damit kein Platzverlust im Innenraum
  • mit ca. 19 KG bei 200 Bar ausreichend Gas an Bord
  • das Fahrzeug kann in der gewählten Kraftstoffart auch gestartet werden
    (andere Modelle von anderen Herstellern sind oft nur im Benzin-Modus startbar)
  • die Möglichkeit, schnell und ohne Einbau von zusätzlichen Sitzen, aus dem Wagen einen
    7-Sitzer zu machen

Erdgasantrieb - was man alles wissen muss

Weitere Entscheidungshilfenfür den Einsatz von Erdgas als Antrieb waren folgende Punkte:

Gasqualitäten

Erdgas wird in zwei Qualitäten angeboten:

  1. L-Gas
    Der Methangehalt liegt bei ca. 70 - 80 Prozent.
  2. H-Gas
    Der Methangehalt liegt bei über 90 Prozent. 

Daraus ergibt sich für H-Gas eine höhere Energieausbeute was bedeutet, dass der Verbrauch auf 100 KM ca. 10 % niedriger ist. Dieser Umstand hat aber auch zur Folge, dass H-Gas an der
Zapfsäule teurer ist. 

Speicherung und Umrechnung von Volumen auf Gewicht

Gespeichert wird Erdgas im komprimierten Zustand. Zulässig sind 200 Bar. In der Praxis werden aber auch Drücke von bis zu 270 Bar erreicht. Gehen wir aber von 200 Bar aus. 

Das Gewicht für einen Kubikmeter unkomprimiertes Erdgas der Qualität H beträgt ca. 900 Gramm. Für L-Gas ca. 830 Gramm. Oder anders gesagt: 1 KG H-Gas sind ca. 1,1 m³ und 1 KG L-Gas ca. 1,2 m³. 

Das Volumen für einen Kubikmeter unkomprimiertes Erdgas beträgt natürlich, ja genau, einen
Kubikmeter. Mit 200 Bar komprimiert wird das Volumen um dass 200-fache reduziert. Genauer gesagt: 1.000 Liter / 200 = 5 Liter. 

Wie viel Volumen müssen nun Gasflaschen haben, wenn ich 20 KG H-Gas mitführen will?

Ermittlung des unkomprimierten Volumens:

20 KG * 1,1m³ = 22m³ 

Ermittlung des Flaschenvolumens bei 200 Bar:

22m³ * 1.000 Liter = 22.000 Liter

22.000 Liter / 200 Bar = 110 Liter Flaschenvolumen

Im Fahrzeug muss also für ca. 20 KG H-Gas ein Speichervolumen von ca. 110 Liter vorgehalten werden. Natürlich ist es noch etwas mehr, weil ja noch die Flaschenwandstärke hinzugerechnet
werden muss. Außerdem sind die Flaschen rund, was ja auch nicht wirklich Platz spart.

Verbrauch auf 100 Kilometer

Der Verbrauch eines erdgasbetriebenen Fahrzeugs wird in KG gemessen.

Beispiel für das Einsparpotential zwischen Benzin und Erdgas der Qualität H:

(Voraussetzung ist derselbe Fahrzeugtyp, hier ein Opel-Zafira)

Benzin                         9 Liter
Erdgas          5,5 KG

 

Endlich gekauft

Bis zum Kauf hatte es dann jedoch noch ca. ein halbes Jahr gedauert, aber diese Wartezeit hat sich
gelohnt. 

Da damals der Verkauf von Erdgasfahrzeugen forciert wurde, u.a. auch durch Förderungen von
Versorgungsunternehmen und Rabattangeboten von Opel, musste ich nur auf den richtigen
Zeitpunkt warten. 

Ein Rabatt von 20% auf den Neupreis, sowie 1.000 KG Erdgas waren dann die richtigen Argumente, um im Oktober 2002 den Kaufvertrag zu unterschreiben.  

Mit 1.000 KG Erdgas kam ich dann bei einem Durchschnittsverbrauch von ca. 6 KG auf eine Strecke von ca. 16.000 Kilometern (meine jährliche Fahrleistung zu dieser Zeit), ohne dafür auch nur einen Cent an Sprit zu zahlen. Bei dem Vorgängermodell, einem Opel Vectra Kombi, 1.6 Liter und 100 PS, hätte ich für diese Strecke ca. 160 x 8 Liter Super verbraucht. Also 1.280 Liter zu damals je 1,20 €. Eine Einsparung von etwa 1.536 €. Die Mehrkosten für die Ausstattung des Zafira betrug damals
brutto 2.500 €, abzüglich einem Rabatt von 20% waren das dann 2.000 €. Die Mehrkosten waren also im ersten Jahr schon fast wieder hereingeholt.

Erfahrungen mit einem Sparschwein auf 4 Rädern

Das Glückgefühl kann man kaum beschreiben. Vielleicht kommt der Begriff "diebische Freude" dem am nächsten. Ich meine den Moment der ersten Bargeldübergabe an der Tankstellenkasse. 

Für ca. 320 KM Fahrt ein Wahnsinnsbetrag von etwa 13 Euro.  

Ja gut, ein vergleichbarer, benzinbetriebener Zafira wäre mit einer Tankfüllung ca. 500 KM weit gekommen (mein Schwager für einen). Das mit Erdgas hochgerechnet hätte dann etwa einen
Betrag von 20 Euro ausgemacht. Ha, Pille Palle!!!!  

Der erste Rückschlag:

Der Gastank war leer und ich schaltete auf Benzin um. Sofort ruckelte der Wagen, die Tanknadel für Benzin (15 L vollgetankt) bewegte sich wie vom Magnet gezogen gegen null. Außerdem roch es nach Benzin. Nach 4 Kilometern war die Fahrt zu Ende. Das Auto war leer. Ein Anruf beim ADAC, der Wagen hatte eine Mobilitätsgarantie, ließ mich 20 Minuten später wieder aufatmen. Mit dem Wagen war alles o.k. Bei der Endkontrolle wurde vergessen, den Flansch für die Benzinleitung im Motorraum fest anzuziehen. Gut, dass der Motor zu diesem Zeitpunkt noch kalt war.  

Der zweite (kleine) Rückschlag:

Am Urlaubsort eine super Tankstelle entdeckt. H-Gas und mehr als 200 Bar Druck. Aber leider gingen nie mehr als 16 Kilo rein.

Wieder zu Hause, ab in die Werkstatt. Das Ventil einer Gasflasche funktionierte nicht mehr und wurde ausgetauscht. Natürlich kostenfrei. Danach alles wieder gut.  

Der dritte (aber größere) Rückschlag:

Kurz nach Ablauf der 3-jährigen Garantiezeit wieder Ruckeln. Diesmal war es eins der Einspritzventile. Bei Erdgas natürlich besondere und auch noch der ersten Generation. Also war es nix damit, nur das Schadhafte auszutauschen. Alle vier mussten dran glauben und ich hätte bei dem Preis auch fast dran geglaubt: Satte 3.000 Euro sollte das kosten. Aber Opel war kulant und so musste ich nur die Stunden bezahlen. Immerhin noch 700 Euro.  

Seit dem läuft mein kleines Schweinchen wie geschmiert.  

Argumente der Gegner von alternativen Antrieben (oder sollte ich lieber Angsthasen und Neider sagen?) 

"Da stehst Du ja nur an der Tankstelle, wenn Du überhaupt eine findest."

Okay, ich ging statt zwei Mal, nun drei Mal tanken. Umgerechnet ein sehr guter Stundenlohn, nämlich ca. 60 Euro.

Tankstellen gab es glücklicherweise drei in unmittelbarer Nähe meines Wohnortes.

Zugegeben, für die Urlaubsfahrt musste man vorher etwas planen und vorher die Tankstellen auf der Route notieren. Aber wie war das mit dem Stundenlohn??

In den acht Jahren habe ich es vieleicht fünf Mal erlebt, dass ich wegen Defekt einer  Erdgastankstelle nicht tanken konnte. Aber es war ja noch Benzin an Bord. 

"Ja ja, wenn Du keine Förderung bekommen hättest...."

Förderung hin oder her, die Rechnung war ganz einfach: 9 Liter Super-Benzin stehen 6 Kilo Erdgas auf 100 KM gegenüber. In Euro ausgedrückt (Jahr 2002) ca. 11 Euro für Benzin und ca. 4,50 Euro für Gas. Ein Unterschied von 6,50 Euro auf 100 KM. Oder anders ausgedrückt, eine Ersparnis von 60%. Nach meiner Rechnung waren die Mehrkosten ohne Rabatt und ohne Förderung nach ca. 2,5 Jahren eingefahren.  

"Die Technik und die Gesetzeslage sind mir nicht sicher genug und ich will kein Versuchskaninchen
sein"

Wo wären wir heute, wenn es in der Geschichte der Menschheit nicht immer wieder Wagemutige auf der einen Seite gegeben hätte, die etwas Neues erfinden und es dann bauen, ohne zu wissen,
ob es ein Erfolg wird. Genau so hat es immer Wagemutige auf der anderen Seite gegeben, die Neuem und Unbekanntem offen gegenüberstanden und ausprobiert haben.  

Ja, wo wären wir? Wohl immer noch in ein Bärenfell gehüllt und an Knochen nagend in einer Höhle. 

Unterm Strich haben die, die nicht Versuchskaninchen sein wollen, immer von den Mutigen profitiert.

mein persönliches Fazit

Auch wenn es drei kleine Zwischenfälle gab und ich vielleicht auch etwas Glück hatte, würde ich es
wieder wagen. 

Man muss natürlich fairerweise zugeben, dass es ohne einen Wegfall der Mineralölsteuer für Erdgasfahrzeuge bis 2018 nicht wirklich günstig gewesen wäre. Aber man muss eben dann
zuschlagen, wenn es sich lohnt. Auch muss man erwähnen, dass Erdgas als Antrieb für Fahrzeuge in der Umweltbilanz nicht so gut da steht, wie man glaubt.

Ich habe mich nie dabei erwischt zu denken, "was habe ich da bloß gemacht". Geärgert habe ich mich nie, schon allein deswegen, weil ich einmal zusammengerechnet habe, was ich nach 8,5 Jahren und 150.000 Kilometern gespart habe. Da komme ich (im Durchschnitt gerechnet) auf folgende Rechnung:

1.500 mal 100 KM mal 7,40 Euro (Ersparnis) = 11.100 Euro.

Davon ziehe ich eine erdgasbedingte Reparatur von 700 Euro sowie die Mehrkosten beim Kauf des
Fahrzeuges in Höhe von 2.000 Euro ab und es verbleiben immerhin noch 8.400 Euro, die ich in 8,5 Jahren gespart habe. Also gut 1.000 Euro pro Jahr.

Wenn ich die erhaltene Förderung einrechne, waren es rd. 10.000 Euro.

Ich sage dass, weil es bis 2018 ja noch nicht zu spät ist, sich ebenfalls noch ein Sparschein zu halten. 

Heute würde ich mir allerdings wegen der höheren Reichweite ein Fahrzeug mit LPG zulegen. LPG wurde nie seitens der Energieversorger gefördert und das war damals für mich auch ein Punkt für die Entscheidung zu Erdgas. Da allerdings Erdgas heute nicht mehr von den Versorgern gefördert wird, kann man getrost sein Sparschein auch mit LPG füttern.

Also an alle Sparwilligen - traut Euch.

Autor seit 6 Jahren
22 Seiten
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