Charles Darwin und das Rätsel Schnabeltier

Als der weltberühmte Evolutionswissenschaftler Charles Darwin 1836 im australischen Bundesstaat New South Wales seinen Forschungen nachging, erblickte er erstmals das ihm nur aus Geschichten bekannte Schnabeltier [=Platypus(Engl.)]. Diese Begegnung hielt er in einem Tagebucheintrag vom 19.01.1836 wie folgt fest:

"In the dusk of the evening I took a stroll along a chain of ponds (which in this country represents the course of a river) and had the good fortune to see several of the famous Platypus [...]. They were diving and playing in the water [...], certainly it is a most extraordinary animal. The Specimens do not convey a proper idea of the head and beak, the latter being contracted and hardened."

[In der Abenddämmerung spazierte ich entlang einer Reihe von Teichen (welche in diesem Land den Verlauf eines Flusses darstellen) und hatte das große Glück, einige der berühmten Schnabeltiere zu sehen. Sie tauchten und spielten im Wasser; sicher ist es ein sehr außergewöhnliches Tier. Die Exemplare vermitteln nicht die eigentliche Idee eines Kopfes und Schnabels, da letzterer zusammengezogen und gehärtet ist.]


Tatsächlich bringen Schnabeltiere mit ihrer unkonventionellen Schnauze eine biologische Meisterleistung zustande. Da sie unter Wasser weder Sehen noch Hören noch Riechen können, benutzen sie den Schnabel, welcher etwa so weich wie ein Ohrläppchen ist, um nach ihrer Nahrung, beispielsweise Insektenlarven, zu suchen. Dabei setzen sie elektrosensible und berührungsempfindliche Poren ein, um die Umgebung auf winzige Muskelzuckungen der Beute und daraus resultierenden schwachen elektrischen Feldern abzutasten.

Diese natürliche und effiziente Sensortechnik gilt bis heute als Wunder der modernen Biologie.

(Bild: TwoWings)

Das Mysterium Schnabeltier

Die neu erforschten Fähigkeiten des Ursäugers sind einzigartig und hervorragend in ihrer Effektivität. Aber schon bei der Entdeckung des mystischen Wesens gab es Aufregung unter den Akademikern. Denn ein besonders rätselhaftes Geheimnis hat das Schnabeltier bei den Pionieren und Biologen zur Legende gemacht:

Schnabeltiere sind neben den Echidnas (Ameisenigel) die einzigen Säugetiere, die Eier legen. Daher werden diese zwei Tierfamilien auch Kloakentiere (Gabeltiere) oder Brückentiere genannt.

Im Juli bis Oktober findet die Fortpflanzung der Tiere statt. Zehn Tage nach der Befruchtung durch das Männchen schlüpfen die Säuglinge. Danach wird das junge Schnabeltier über das sogenannte Milchfeld der Mutter mit wertvollen Nährstoffen versorgt. Bis zu fünf Monaten ernährt sich das Junge von jenem Drüsenfeld, welches die Muttermilch mithilfe einer durchlässigen Membran über die Haut abgibt.
Ein eierlegendes Säugetier ist für die damalige und heutige Wissenschaft ein Traumfund. Forscher versprechen sich fundamentale Erkenntnisse über die Lebens- und Entwicklungsgeschichte von heutigen, modernen Säugern. Immer noch ist ungeklärt, in welchem Verwandschaftsverhältnis der Säuger eigentlich steht. Ist es ein Vorfahre des Vogels oder des Säugers oder eine Mischform aus Ente und Schwimmratte, wie es die Aborigines (Ureinwohner Australiens) in ihren Überlieferungen berichten? Das Mysterium Schnabeltier wird die Biologie noch eine lange Zeit in Atem halten.

 

Ein zweites Geheimnis steckt in den flossenartigen Hinterbeinen. Auch wenn das Tier auf den ersten Blick eher harmlos wirkt, zählt es zu den gefährlichsten Lebewesen Australiens. Und das bei einer Konkurrenz bestehend aus Schlangen, Spinnen und Skorpionen.
Der Grund ist ein kleiner Sporn am Ende der Flosse, der zur Verteidigung in den Körper von Angreifern gerammt wird.
Eine im Sporn mündende Giftdrüse verabreicht ein auch für den Menschen gefährliches Toxikum, dass extrem schmerzende Schwellungen verursacht und nur schlecht behandelt werden kann; es gibt weder ein wirksames Gegengift, noch helfen konventionelle Schmerzmittel.

 

Wie und wo sichte ich ein Schnabeltier?

Für alle deutschen Leser vorweg: Wer ein Schnabeltier wirklich einmal in der freien Wildbahn erleben will, darf sich auf eine kleine Weltreise freuen.

 

In deutschen Zoos kann man die seltene Spezies leider nicht bewundern. Denn heute kommt das Schnabeltier nur noch an der Ostküste Australiens und auf Tasmanien vor.
Das äußerst scheue Geschöpf ist in kleineren Flüssen und an den Ufern wilder Seen zu finden. Um ein Schnabeltier zu sichten, sollte man am besten morgens oder abends im schummrigen Licht der Dämmerung auf das Wasser blicken, da zu dieser Tageszeit ihre Aktivität am stärksten ist. Zudem ist wichtig, dass es windstill ist und kein Regenwetter herrscht, da dies die Säuger verschreckt.

 

Als Destinationen mit quasi hundertprozentiger Trefferwahrscheinlichkeit sind dabei die "Hauptstadt" des Schnabeltiers, Latrobe (Tasmanien) und der Platypus Bay Walk (Lake St. Clair National Park, Tasmanien) zu empfehlen. Alternativ zum Gang in die Wildnis zeigen sowohl der Zoo in Sydney als auch in Melbourne die seltenen Schnabeltiere in Aquarien.

Wer einmal ein Schnabeltier gesehen hat, wird die Faszination der ersten Entdecker nachvollziehen können und darf sich glücklich schätzen, eines der ältesten und mythischsten Lebewesen der Erdgeschichte erlebt zu haben.

 

Autor seit 4 Jahren
8 Seiten
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