Das Gleichnis

Es war einmal ein König. In seinem Königreich war ein großer Streit zugange. Einige Männer stritten darüber, wer Recht hatte. Der König war ein sehr weiser Mann und beschloss, den Herren eine Lektion zu erteilen. Er versammelte die streitenden Männer und bestellte einen Elefanten und sechs blinde Männer in seinen Palast. Die blinden Männer wurden zum Elefanten geführt. Nun forderte der weise König die blinden Männer auf, ihm das Aussehen des Elefanten zu beschreiben. Der erste blinde Mann sagte: "Ein Elefant sieht aus wie eine Säule." Er hatte das Bein des Elefanten angefasst. Der zweite blinde Mann meinte: "Ein Elefant sieht aus wie ein Seil." Dieser Mann hatte den Schwanz des Elefanten untersucht. Der dritte blinde Mann rief aus: "Nein, ein Elefant sieht aus wie ein Ast!" Er hatte den Rüssel des Tieres angefasst. Der vierte blinde Mann sagte: "Ein Elefant ist wie ein Handfächer." Er hatte das Ohr des Elefanten in Händen. Der fünfte blinde Mann meinte aufgeregt: "Ein Elefant ist wie eine Wand." Dieser Mann hatte den Rumpf des Tieres berührt. Der sechste blinde Mann äußerte sich: "Ein Elefant sieht aus wie ein hartes Rohr." Er hatte einen Stoßzahn des Tieres angefasst. Der weise König erklärte ihnen: "Jeder von euch hat Recht. Ihr habt alle die Wahrheit gesagt. Ihr habt unterschiedliche Teile des Tieres angefasst, deswegen habt ihr unterschiedliche Erklärungen gegeben."

Die Lektion des Königs

In seiner Lektion zeigt der König, dass Wahrheit aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und somit auch auf unterschiedliche Weise erklärt werden kann. Wahrheit ist somit relativ; was für eine Person wahr ist, kann für eine andere Person eine Lüge sein und dennoch haben beide in gewisser Weise recht. Die streitenden Männer haben gelernt, dass es verschiedene Wahrheiten gibt, die beachtet werden müssen. Sie mussten erkennen, dass niemals nur einer von ihnen alleine Recht haben wird.

Die Aktualität des Gleichnisses

Menschen haben unterschiedliche Ansichten und Glaubenssysteme, was ganz natürlich ist. Nur gilt es, dieses auch richtig zu verstehen, um Konflikte zu vermeiden. Die meisten Konflikte in unserer Gesellschaft entstehen durch dieses Missverständnis und gleichermaßen auch durch die Faulheit von Menschen. Es ist bequemer etwas zu verurteilen, was man nicht versteht, als sich die Mühe anzutun, es zu verstehen zu versuchen, Menschen müssen das Faktum begreifen, dass die Wahrheit relativ ist und andere Meinungen nicht zwangsweise falsch sein müssen. Auch die nötige Akzeptanz kann nur dann erreicht werden, wenn das Verständnis da ist. Es ist leicht für jemanden zu sagen: "Ich akzeptiere, dass du anderer Meinung bist." Aber das allein reicht nicht. Der Konflikt ist immer noch da, weil die andere Person die Wahrheit anders sieht. Menschen tendieren dazu zu sagen, dass sie andere Meinungen akzeptieren, aber nicht versuchen, sie wirklich zu verstehen.

Wolfgang Würz

Wolfgang Würz verwendete das Gleichnis als Grundlage für dieses Buch, das sich mit Islamischen Terrorismus beschäftigt. Seine sechs Charaktere erleben ihn unterschiedlich, erleben unterschiedliche Teilaspekte und machen unterschiedliche Erfahrungen zum Thema. Erst der Beobachter, der Leser, kann das Ganze zusammen fügen und seine eigene Wahrheit erkennen.

Die Lösung

Nun denken wir aber einmal an die blinden Männer. Was, wenn der König ihnen nicht erklärt hätte, dass sie alle recht haben und verschiedene Teile des Elefanten berührt haben? Wahrscheinlich hätten sie angefangen, zu streiten und zu argumentieren. Sie wussten ja vorher nicht, dass ein Elefant aus verschiedenen Teilen besteht. Der Konflikt wäre nur zu lösen gewesen, wenn alle blinden Männer nach der Reihe alle Teile des Elefanten erforscht und berührt hätten, um die Erklärungen der anderen zu verstehen. Gemeinsam hätten sie dann erfahren und erforscht, wie der Elefant als Ganzes aussieht. Sie hätten gemeinsam die ganze Wahrheit gefunden. Die in diesem Gleichnis aufgezeigte Blindheit der tatsächlich blinden Männer, eigentlich die Unfähigkeit mehr zu erkennen, als für einen selbst im Augenblick wichtig und richtig erscheint, steckt leider in vielen Menschen in unserer Gesellschaft. Diese Menschen tendieren dazu nur ihre eigene Wahrheit als richtig zu sehen, anstatt das einzig richtige zu tun: Sich zu bemühen, die Stückwahrheiten aller anderen zu verstehen, um gemeinsam den ganzen Elefanten, die ganze Wahrheit, zu erfassen, zu erforschen und zu verstehen.

Autor seit 4 Jahren
406 Seiten
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