Lieber Herr Gott,

Meine Mama und auch meine Lehrerin sagen immer, dass ich mich besser konzentrieren und nicht so hudeln soll, weil immer, wenn ich schnell sein will, dann mache ich zu viele Fehler und arbeite zu schlampert. Mein Religionslehrer, der Herr Pfarrer, hat gesagt, dass du die Welt in einer Woche gemacht hast. Ich glaub, da hast du auch gehudelt. Und deswegen warst du schlampert. Das wollte ich dir echt einmal sagen.  

Der Herr Pfarrer hat gesagt, dass du am ersten Tag Tag und Nacht gemacht hast. Das versteh ich immer noch nicht, weil, wenn das am ersten Tag war, dann war der Tag ja schon da. Und überhaupt, warum hast du es dann nicht so gemacht, dass überall gleichzeitig Tag und Nacht ist? Wenn der Papa nämlich auf Geschäftsreise in Amerika ist, dann kann ich mit ihm gar nicht in der Früh vor der Schule telefonieren, weil, wenn ich aufstehe, dann ist es bei ihm noch Nacht. Das macht doch gar keinen Sinn, oder? Und dann ist er auch immer ganz müde, wenn er kommt, weil er dann die Zeit von Amerika gewöhnt ist. Das ist doch ganz verwirrend für die Menschen. Vielleicht streiten sie deswegen immer überall, weil sie müde sind, wenn sie woanders hinfahren und, weil sie müde sind, dann sind sie grantig und fangen Krieg an. Aber an den ganzen Kriegen bist du sowieso schuld. Das werde ich dir später noch erklären. Ich glaube gar nicht, dass du daran gedacht hast, dass Tag und Nacht nicht überall gleich ist. Das hast du sicher vergessen, weil du eben gehudelt hast, weil Tag und Nacht sind ja große Sachen, die kann man einfach nicht an einem Tag machen. Hättest du dir nur mal mehr Zeit gelassen, dann hättest du das gemerkt und wärst weniger schlampig gewesen, verstehst du eh, was ich meine?

Savaoph, God the Father, 1885-96 (Bild: Victor Mikhailovich Vasnetsov / AllPosters)

Am zweiten Tag, hat der Herr Pfarrer gesagt, hast du den Himmel gemacht. Inzwischen hast du dich ja wenigstens ein bisschen ausgeruht, weil die Nacht hattest du ja schon gestern gemacht. Ausruhen dazwischen ist auch wichtig, sagt meine Lehrerin. Wir sollen uns nach der Schule immer ein bisschen ausruhen, bevor wir die Hausübung machen, weil die Schule eh schon anstrengend war und sonst kann man sich nicht genug konzentrieren, wenn man müde ist. Vielleicht hast du sich aber auch nicht genug ausgeruht. Beim Himmel hättest du dir nämlich schon mehr Mühe geben können, denn den müssen wir ja die ganze Zeit sehen. Wenigstens am Abend ist er schön bunt, wenn die Sonne untergeht und auch, wenn es einen Regenbogen gibt, aber den gibt es ja nicht so oft. Du hättest zum Beispiel die Wolken bunt machen können. Das wäre doch viel schöner, oder? Beim Malen sagt die Lehrerin immer, wir sollen nicht hudeln, sondern uns Zeit nehmen, damit das Bild schön bunt wird. Wenn die Wolken wie ein Regenbogen wären, dann wäre das doch schön oder? Ich finde es auch eigentlich gemein, dass die Wolken nur Luft sind. Letztes Jahr sind wir nach Griechenland geflogen. Da war die erste Wolke und da hatte ich zuerst Angst, weil ich gedacht habe, wir stoßen an die Wolke an, aber dann war die doch nur Luft! Wie langweilig ist das denn, bitte? Eigentlich schauen Wolken ja wie Zuckerwatte aus. Wäre das nicht cool, wenn die Wolken Zuckerwatte wären? Und Wolken gibt es doch ganz viele! Dann könnten die armen Kinder in Afrika, wenn sie nichts zum Essen haben, einfach auf einen hohen Berg klettert und von den Wolken naschen. Das wäre doch super, oder? Aber an solche Sachen hast du ja nicht gedacht, weil du wolltest ja hudeln und dir nicht länger Zeit lassen!

Clouds with God Rays (Bild: Panoramic Images / AllPosters)

Am dritten Tag, sagt der Herr Pfarrer, hast du das Land und die Bäume und die Blumen und das Gras gemacht. Ich finde, das hast du eigentlich gut gemacht, aber.... Hallo!? Du hast schon wieder voll gehudelt! Du warst ganz schön schlampert, weil du hast voll auf die Wüsten vergessen! Das kommt davon, wenn man hudelt und sich nicht Zeit nimmt und sich konzentriert!

Am vierten Tag hast du endlich einmal gut gearbeitet. Der Herr Pfarrer sagt, da hast du die Sonne und den Mond gemacht und ich weiß ja, dass die Sonne ganz wichtig für uns ist. Aber da muss ich dich einmal was fragen, wenn ich dir schon schreibe: Gibt es eigentlich den Mann im Mond wirklich? Ich hoffe, du antwortest mir, weil das wollte ich schon immer wissen! 

God Surrounded by Stars and Planets (Bild: Moloch / AllPosters)

Über deinen fünften Tag bin ich glücklich, weil da hast du meinen Bello gemacht. Bello ist mein Hund. Der Herr Pfarrer hat gesagt, du hast am fünften Tag ALLE Tiere gemacht. Ich glaube, es war so: In der Früh, da hast du dir noch Zeit gelassen. Da hast du Bello gemacht und Katzen, und Kühe, und Pferde, und Elefanten und so und vielleicht auch die Fische von Papas Aquarium. Dann hast du angefangen zu hudeln, weil du dir ja keine Zeit lassen wolltest und alles unbedingt an einem Tag machen wolltest. So sind deine schlampigen Tiere entstanden. Zum Beispiel Schlangen. Die mag ich überhaupt nicht! Und Spinnen! Obwohl der dicke Thomas aus meiner Klasse hat eine Schlange als Haustier. Vielleicht waren die Schlangen doch nicht so schlimm, weil der wäre sicher traurig, wenn er seine Schlange nicht hätte. Aber zum Beispiel die Gelsen! Die waren eine sehr schlampige Arbeit. Vielleicht wolltest du eigentlich Gelsenschmetterlinge machen und hast nur vergessen, sie fertig zu machen, weil du gehudelt hast? Die Gelsen sind nämlich ganz blöd. Die stechen nur und dann juckt es ganz furchtbar! Und Mama hat gesagt, dass die Gelsen in Afrika sogar Kinder totmachen. Warum hast du die denn gemacht?

The Creation of Adam (Bild: Michelangelo Buonarroti / AllPosters)

Am sechsten Tag, sagt der Herr Pfarrer, hast du die Menschen gemacht. Ich glaube, da hast du nach den letzten Tagen echt schon müde und wolltest nur mehr schnell-schnell fertig machen und hast gehudelt. Der Herr Pfarrer sagt, du hast die Menschen so gemacht, dass sie wie du ausschauen. Aber das stimmt doch gar nicht! Das habe ich ihm aber nicht gesagt. Du bist doch immer alt und schaust doch immer gleich aus. Und ich schau doch ganz anders aus. Und ich glaube das ist ein großes Problem. Weil die Menschen alle anders ausschauen, deswegen wollen sie immer so sein, wie die anderen. Und deswegen streiten sie auch. Es ist auch unfair, dass die Menschen so verschieden sind. Weil, wenn du nicht so schlampert gewesen wärst und alle gleich wären, dann würden nicht so viele Menschen sterben. Wenn alle gleich sind und alle gleich viel Geld haben, dann würde es keine hungrigen Kinder in Afrika geben. Und, weil alle das gleiche haben, gibt es auch nichts, was sie von den anderen haben wollen und müssen nicht streiten und kämpfen. Der Bruder von meiner Freundin kann nicht laufen und sitzt in einem Rollstuhl. Wenn alle gleich wären, dann würde er nicht im Rollstuhl sitzen und könnte besser mit uns Fußball spielen. Aber da warst du ja einfach schlampig. Wahrscheinlich hast du einfach vergessen, seine Füße ordentlich fertig zu machen, weil du gehudelt hast. Und dann verstehe ich auch nicht, warum du die Menschen in den verschiedenen Farben gemacht hast. Entweder du hättest alle gleich machen sollen, oder wenigstens bunte Farben aussuchen sollen! Ich glaube, die Menschen wären viel freundlicher, wenn sie bunter wären! Oder sind dir vielleicht die Farben einfach ausgegangen? Dann hast du sie dir vielleicht nicht richtig eingeteilt. Weil echt, weiß und braun und schwarz und so sind echt keine fröhlichen Farben. Da ist es echt kein Wunder, wenn immer alle schlecht gelaunt sind. Wenn die Menschen bunter wären, dann würden sie sicher auch weniger streiten. 

Am siebenten Tag, sagt der Herr Pfarrer, hast du dich ausgeruht. Ich habe ja schon gesagt, dass es gut ist, sich dazwischen auszuruhen. Aber da hast du auf jeden Fall etwas vergessen! Meine Lehrerin sagt immer, wenn wir einen Aufsatz schreiben, dann sollen wir ihn nachher nochmal in Ruhe durchlesen und Fehler suchen. Das hättest du an diesem Tag machen sollen! Dann hättest du sicher noch die Menschen bunt gemacht, die Gelsen wären Schmetterlingsgelsen, die Wüsten hätten mehr Pflanzen, die Kinder in Afrika wären sowieso nicht hungrig, weil die die Wolken essen könnten und der Bruder meiner Freundin würde mit uns Fußball spielen!

Good in the Form of God and Evil in the Form of the Devil are Present the World Over (Bild: Cosson Smeeton / AllPosters)

Herr Gott, ich hoffe, du hast mich trotzdem noch lieb, auch, wenn ich das alles geschrieben habe? Ich meine das ja nicht böse. Ich wollte dir ja nur Tipps geben, damit du nächstes Mal besser bist. Es ist wirklich wichtig, sich Zeit zu lassen und nicht so zu hudeln, sagt meine Lehrerin! Und ich glaube, das musst du noch lernen!

Hast du mich noch lieb?

Ich hoffe echt, du antwortest mir, damit ich weiß, ob du mich noch lieb hast. Außerdem will ich das mit dem Mann im Mond echt unbedingt wissen!

Viele Grüße in den Himmel!

(Wäre das nicht auch für dich toll, wenn du von den Wolken naschen könntest?)

Ich habe dich trotzdem lieb.

Jennifer-Sophia, 9 Jahre, aus Österreich (aber das weißt du ja eh)

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