Der lange Weg vom Komplexen zum Lebendigen

Eine deutlich bescheidenere Herangehensweise ist angebracht. So ist zu vermuten, dass das Leben nicht als deus ex machina von einem Moment auf den anderen auf die Bühne sprang und anfing, sein Wesen zu treiben. Vielmehr dürfte auf geochemischer Ebene eine lange Entwicklung vorausgegangen sein, bevor Moleküle entstanden, die das Zeug zu biologischer Komplexität hatten.

Könnten wir die einzelnen Übergangsformen besichtigen, so würden wir wohl feststellen, dass die Festlegung zwischen lebendig und nicht lebendig weder möglich ist, noch allzu viel Sinn macht. Nicht schwarz und dann weiss, sondern jede Menge Grauschattierungen.

Abgesehen davon, dass man sich nicht darüber einigen kann, was das Leben ausmacht, gibt es keine zwei Meinungen darüber, dass es hier auf der Erde ohne jeden Zweifel Leben gibt. Daran schliesst sich unausweichlich die Frage, ob es das Leben nur auf der Erde gibt.

Trotz grösster Anstrengungen hat man noch keinen Hinweis darauf gefunden, dass Leben auch ausserhalb unseres Planeten existiert. Dennoch ist die Mehrheit der Menschheit davon überzeugt. Dabei wissen wir gar nicht, wonach wir suchen sollen. Weil wir uns noch nicht einig darüber sind, was Leben ist, könnte es uns in den Allerwertesten beissen, ohne dass wir es erkennen.

Halten wir uns deshalb an das Greifbare: Leben gibt es auf der Erde. Bis auf Weiteres nur auf der Erde.

Der Arten-Wirrwarr

Kommen wir zu den Erscheinungsformen des Lebens. Hier sollten verlässliche Daten vorliegen. Wir haben jeden Winkel unseres Heimatplaneten mehr oder weniger erforscht und sollten in der Lage sein, dazu brauchbare Aussagen zu machen. Verlässliche Daten? Weit gefehlt. Schon bei den Arten tappen wir vollständig im Dunkeln. Die Schätzungen für die verschiedenen Arten reichen von 4 bis 120 Millionen. Diese Zahlen sind nicht Ergebnis eines Ratespiels, sondern das Resultat seriöser wissenschaftlicher Forschung.

Die Abweichungen kommen daher, dass die Biester beim Zählen nicht stillhalten. Auch haben die Forscher verschiedene Ansichten darüber, was welcher Art zuzuordnen ist.

Einig ist man sich dann wieder darüber, dass sich derzeit wohl mehr Arten von der Erde verabschieden als neue dazu kommen. Ein Nettoverlust von 58.000 Tierarten pro Jahr wird kolportiert. Nicht irgendwelche exotischen Lebensformen, sondern Tierarten! Vor allem Amphibien trifft es hart. Bei den Pflanzen, Pilzen, Bakterien, Viren und so weiter hatte man noch nie den rechten Überblick. Der fehlt auch unter Wasser, vor allem in grösseren Tiefen.

Das Leben lässt sich nicht fassen

Carl von Linné hatte noch die Illusion, man könne alles Leben systematisch erfassen. Ein für alle mal. Weil die Arten konstant bleiben. Charles Darwin bereitete dem ein jähes Ende durch seine Evolutionstheorie. 

Heute versucht man, nach Basen-Sequenzen einzuteilen und den Arten einen DNA-Bar-Code aufzustempeln. Nicht dass das unumstritten wäre. Es ist aber die neueste Sau, die durchs Artendorf getrieben wird.

Eigentlich haben wir im Informationszeitalter alle Möglichkeiten, die Erscheinungsformen des Lebens zu katalogisieren. Je weiter wir aber vordringen, desto mehr entzieht sich das Leben unserem Zugriff. Wir bekommen es weder historisch, noch aktuell und schon gar nicht in unseren Vorhersagen unter Kontrolle. Das Leben lässt sich einfach nicht in die Karten schauen, egal, welche Tricks wir auch anwenden. 

Daten über das Leben werden deshalb Momentaufnahmen bleiben. Sie werden neue Theorien befeuern und alten das Licht ausblasen. Wir werden ihnen nicht über den Weg trauen können. Wir werden sie als das nehmen müssen, was sie sind: interessante Einblicke mit begrenzter Haltbarkeit.

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