Der Blick auf den Hund

Hunde und Menschen leben seit Tausenden von Jahren zusammen. Doch was wissen wir überhaupt über unsere "besten Freund"? Hunde in der Forschung – das hieß bis vor Kurzem, die unglückliche passive Rolle in Tierversuchen zu übernehmen, gequält werden, damit der überlegene Mensch Wissen für seinen eigenen Fortschritt erlangen konnte.

Doch vor einiger Zeit fand eine Wende in der Hundeforschung statt. Nun geht es um den Hund, seine Wahrnehmung, Sinne, Intelligenz, Herkunft und Domestikation.

Die Ergebnisse erstaunen. Fast nichts ist wirklich so, wie wie wir ursprünglich glaubten.

Aufgrund ihrer optischen Vielfalt ging man früher davon aus, dass der Hund von verschiedenen Wildcaniden, dem Wolf und dem Schakal, abstammt. Moderne molekularbiologische Methoden zeigen aber eindeutig, dass der Wolf der einzige Stammvater des Hundes ist.

Auf der Basis von Fossilienfunden datierte man den Zeitpunkt der Domestikation auf etwa 15 000 Jahre in die Vergangenheit. Wieder zeigte die Molekularbiologie, dass es Hunde schon länger, nämlich 25 000 – 50 000 Jahre gibt.

Domestikation

Warum domestizierte der Mensch den Wolf? Oder waren wir es gar nicht? Domestizierte sich der Wolf am Ende selbst?

Menschen und Wölfe jagten gemeinsam, heißt es immer wieder. Wie mag das ausgesehen haben? Der Wolf stellt die Beute. Der Mensch erlegt sie mit einem Pfeil. Der Wolf ist viel schneller dort und beansprucht sie erstmal für sich. Aber dann teilt er sie mit dem Menschen, weil der ja den Pfeil beigetragen hat. Wohl kaum. Heute scheint auch festzustehen, dass es Hunde schon lange gab, bevor das erste Nutztier – die Ziege – domestiziert wurde. Hätte man also damals einen Hütehund gebraucht? Eher nicht.


Also wozu Hunde?

Im Umfeld der menschlichen Siedlungen tat sich eine neue ökologische Nische auf. Es fiel ständig allerlei für Wölfe Essbares an. Zutrauliche Wölfe mit geringer Fluchtdistanz konnten diese Ressourcen für sich nutzen. Scheue Wölfe fühlten sich immer wieder gestört und flüchteten. Womöglich flüchteten sie zu früh und zu weit, während ihre zutraulicheren Artgenossen sich von der Nähe des Menschen nicht stören ließen. Sie sparten sich die Energie für die Flucht und konnten zusätzlich von den vorhandenen Ressourcen mehr für sich sichern. Dieses Plus an Energie bereitete ihnen einen selektiven Vorteil, eine bessere Fitness, die sie in Nachkommen umsetzten.

Das Kriterium zur Hundwerdung war also Zutraulichkeit und eine geringere Fluchtdistanz. Eine genetische Veranlagung, die sich mit der Zeit verbreitete. Diese Wölfe suchten die Nähe des Menschen und bestritten ihren Lebensunterhalt als "Kulturfolger". Die Populationen trennten sich und aus den zutraulichen Wölfen wurden die ersten Hunde. Der Mensch hat dazu nichts beigetragen.

Diese Zutraulichkeit und Zahmheit der Hunde ist genetisch verankert. Im Gehirn von Hunden und Wölfen, genauer im limbischen System, dem Sitz der Emotionen, sind einige Gene unterschiedllich stark aktiv. Diese veränderte Genaktivität könnte die Ursache für Zutraulichkeit und Zahmheit des Haushundes sein.

Mit der Zahmheit erschienen auch die ersten optischen Veränderungen. Die ersten Hunde sahen vermutlich aus wie Wölfe, trugen aber Schlappohren und Ringelschwänze.

Koevolution

Wölfe leben in sehr gut organisierten sozialen Strukturen, praktizieren Arbeitsteiliung und pflegen Freundschaften. Heute fragt man sich, ob die Menschen damals nicht vielleicht von den Wölfen gelernt haben und neue, wölfische soziale Werte übernahmen. Wären wir vielleicht ohne Wölfe bzw Hunde nicht das, was wir heute sind?

Hund und Mensch

Wir Menschen verstehen Hunde. Dieses Wissen ist uns angeboren. Schon Säuglinge können aggressive Hundegesichter und -lautäußerungen richtig zuordnen. Aber was verstehen Hunde von Menschen?

Heute weiß man, dass Hunde extrem gut an das Zusammenleben mit dem Menschen angepasst sind und soziale kognitive Fähigkeiten besitzen, mit denen sie Schimpansen aber auch Kleinkinder übertreffen.

Hunde wissen, ob sie im Fokus unserer Aufmerksamkeit stehen, weil wir sie ansehen und - ob wir sie überhaupt sehen können.

Hunde verstehen menschliche Zeigegesten, verstehen, dass damit Informationen preisgegeben werden. Sie verwenden aber auch aktiv "Zeigegesten" durch abwechselnden Blickkontakt mit dem Menschen und Blicken auf das Objekt, auf das die Aufmerksamkeit gelenkt werden soll.

Hunde können lernen, Sprache zu verstehen – nach dem gleichen Prinzip wie Kleinkinder Sprache erlernen.

Und das ist noch lange nicht alles. Viele dieser Fähigkeiten hätten wir einem "Tier" niemals zugetraut.

Autor seit 5 Jahren
4 Seiten
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