Griechenland – Die Südflanke der EU und der NATO

Tatsächlich machte der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark im März des Jahres 2015 einige interessante Details zur Griechenlandrettung öffentlich. So hätte etwa US-Präsident sowie dessen Finanzminister Geithner die Europäer anno 2010 massiv zur finanziellen Intervention in Griechenland gedrängt, unter anderem mit der »Bitte«, die Europäische Zentralbank möge doch griechische Staatsanleihen aufkaufen, ganz ähnlich wie die Fed in den USA. Obama habe mehrmals persönlich mit den Eurohütern über diese Thematik gesprochen. Moment. Die USA und der Euro?

Anscheinend haben die Vereinigten Staaten mächtige Interessen an einem Verbleib der Griechen im Euroverbund. Es wird befürchtet, dass – sollte Griechenland aus dem Euro ausscheiden – automatisch ein Austritt aus der EU insgesamt anstünde. Wirtschaftlich gesehen wäre dies für die Mehrheit der Staaten Europas verkraftbar, ja, eine »Amputation« der Schwachstelle würde die übrigen Eurostaaten sogar stärken können. Geopolitisch betrachtet wäre dies allerdings der Albtraum der USA. Nachdem bereits das NATO-Mitglied Türkei seit einigen Jahren vermehrt sein eigenes Süppchen kocht und sich zur Führungsmacht im Nahen Osten aufschwingen will, fürchtet Washington, einen weiteren Stützpunkt in dieser Region zu verlieren. Der Weg der USA nach Syrien würde erheblich länger werden. Daneben ginge die Kontrolle über den Bosporus – das Tor der russischen Schwarzmeerflotte zur Welt – flöten.

Darüber hinaus existieren seit Jahrzehnten erhebliche Differenzen zwischen den Hellenen und den Türken. Historische Grenzstreitigkeiten, die Besetzung Nordzyperns sowie Flüchtlinge trüben die Beziehungen der Nachbarstaaten erheblich ein. Ohne der Zugehörigkeit der beiden Länder zur NATO drohte hier ein neuer Konflikt, unter Umständen sogar militärisch. Die USA, welche nach den Feldzügen in Afghanistan, Irak und Libyen mehr und mehr die Kontrolle über weite Teile der Region zu verlieren drohen, wären einem weiteren Krisenherd nicht gewachsen. Aus ihrer Sicht garantiert die Mitgliedschaft der Griechen im Euroverbund Stabilität. Für die USA selbst.

Über Jahrzehnte hinweg steckte Griechenland massiv Gelder in Rüstungsprodukte. (Bild: tpsdave/Pixabay)

Immer wieder Russland

Die neu ins Amt gewählte Regierung der Syriza schlägt dabei eine äußerst clevere, wenn auch riskante Vorgehensweise an. Griechenland selbst hat nach mehr als einem halben Jahrzehnt Dauerkrise, Massenarbeitslosigkeit und Verarmung kaum noch etwas zu verlieren. Flüchtlinge aus Syrien gelangen über die Türkei nach Hellas und belasten die eigenen Kassen, was die Spannungen im eigenen Land verschärft.

Was liegt da näher, als die Drohung des nationalistischen Verteidigungsministers Griechenlands, im Falle eines Bankrotts die Flüchtlinge einfach weiter gen Norden zu schicken? Besonders für Frankreich ein Schreckensszenario, wäre doch genau das Wasser auf die Mühlen des Front National, der sich selbst mit Marine Le Pen an der Spitze bereits im Elysee-Palast wähnt.

Auf der anderen Seite verlautbaren Politiker der linken Syriza, eine engere Anbindung an Russland anzuvisieren und bringen hier und da einen Austritt aus der NATO ins Spiel. Die Sanktionen gegen das östlichste europäische Land belasten die ohnehin stark malträtierte griechische Landwirtschaft enorm. Für die Vereinigten Staaten, die in Griechenland sage und schreibe 500 Militärbasen unterhalten, ein eindeutiger Wink mit der Dachlatte: »Entweder ihr helft uns, neue Gelder von den anderen EU-Staaten zu akquirieren, oder aber wir lassen uns vom Russen helfen.«

Denn während Washington weiterhin Verbände in Osteuropa zusammenzieht, um für den Ernstfall gewappnet zu sein, kann sich das US-Militär eine derartige Schwächung »seiner« Infrastruktur nicht erlauben. Des Weiteren erfüllt die Mitgliedschaft Griechenlands im Eurosystem eine weitere ganz pragmatische Funktion: Europa als solches kann sich nicht von innen heraus einen und somit zu einer ernsthaften Konkurrenz für die Vereinigten Staaten werden.

Griechenland als Splitter im Auge Europas

Denn was geschähe, wenn sich die Eurozone erholen würde? Wenn sie tatsächlich »gestärkt aus der Krise« hervorgehen würde? Der gegenwärtig mächtigste Wirtschaftsblock der Erde könnte eigene Wege beschreiten, Wege, die unter Umständen gar nicht im Interesse des »großen Bruders« wären. Während nämlich in den USA die Deindustrialisierung und Auslagerung wertschöpfender Betriebe bei gleichzeitigem Ausbau des militärisch-industriellen Komplexes ungebremst voranschreitet, existiert auf dem »alten Kontinent« tatsächlich noch eine zivile Wirtschaft. Ein geeinter, gesunder Euroraum wäre eine existentielle Bedrohung des Papier-Dollars, jener Währung, welche sich gegenwärtig ausschließlich durch militärische Stärke halbwegs noch auf den Beinen zu halten vermag.

Vermutlich würde sich dieser Wirtschaftsraum verstärkt mit Russland engagieren. Denn im Gegensatz zu den USA ist Europas wertschöpfende Industrie auf Rohstoffe aus seinem östlichsten Land angewiesen. Nicht nur Öl oder Gas, sondern gleichfalls Stahl und Erze. Tatsächlich würde dieser Weg die Unabhängigkeit Europas von China und den arabischen Staaten ein wenig vergrößeren. Der US-Think-Tank »Stratfor« machte es zu Beginn des Monats Februar (2015) deutlich: Vorrangige Strategie Washingtons muss es sein, ein Bündnis Deutschlands und Russlands zu verhindern, da allein eine solche Achse fähig wäre, die Macht des Weißen Hauses über die Welt zu brechen. Dann stelle man sich ein Bündnis der weitaus größeren Eurozone mit Russland vor ...

Es ist interessant festzustellen, dass mit dem kleinen Griechenland so vieles stehen und fallen wird. Der von den USA eingeschlagene Pfad des Konflikts mit Russland hängt eng mit der Zukunft Griechenlands im Euroverbund ab. Würden die Hellenen an der neu entdeckten Freiheit von den Spardiktaten gefallen finden, würde sich vielleicht der ein oder andere Grieche fragen, wozu man dieses gewaltige Heer an fremden Soldaten auf eigenem Boden benötigte.

Autor seit 4 Jahren
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