Riesentukan

Riesentukan (Bild: © Morku)

Der Mythos

Der junge Häuptling Tamaquaré wollte sich mit einer Schwester des Gottes Jurupari verheiraten. Eines Tages wandte er sich an seinen mächtigen Schwager, denn er wolle nicht mehr auf dem Boden schlafen oder in den Ästen wie die anderen Menschen. Er hatte nämlich Angst, seine schöne und junge Ehefrau könnte von wilden Tieren angegriffen werden. Jurupari bat den Tukan, er möge Tamaquaré zeigen, wie man eine Hängematte zum Schlafen macht. Und dieser Vogel machte eine schöne Hängematte. Sie war versteckt hinter Lianen, die von den höchsten Zweigen eines Laubbaumes herabhingen. Dort würde das junge Ehepaar in Sicherheit und Frieden schlafen können, geschützt vor den Blicken anderer Menschen und außerhalb der Reichweite wilder Tiere.

Tamaquaré war sehr zufrieden und empfahl dem Tukan, niemandem von dem Geheimnis der Hängematte zu erzählen. Aber der Vogel war sehr stolz auf seine Arbeit. Und dann kam die Hochzeitsfeier. Es gab viel berauschendes Caxiri, und der Tukan trank so viel, dass er betrunken wurde. Schließlich erzählte er allen und jedem vom Geheimnis der Hängematte. Tamaquaré wurde sehr wütend. Er packte ihn am Schnabel, zog mit aller Kraft daran und stieß einen Fluch aus: "Von jetzt an wird dein Schnabel riesengroß sein und dein Gesang krächzend. Das ist die Strafe dafür, dass du zu viel redest. Auch wirst du nicht mehr hoch und weit fliegen können. Denn ich möchte nicht, dass du siehst, wo ich mit meiner Frau schlafe."

Das Volk der Arara

Das Volk der Arara lebt an den Ufern eines Nebenflusses des Rio Xingu. Der Name Arara, auf Deutsch Ara, ist der Name einer Papageienart, und verweist darauf, dass sich das Volk auf die Abstammung von diesem Vogel beruft. In Mythen, die die Ethnologogin Betty Mindlin in ihrem Buch "Der gegrillte Mann" herausgegeben hat, wird von den Arara als einem geisterhaften Volk berichtet, das sich zwischen den Eigenschaften der Vögel und der Menschen bewegt.

Bis vor einigen Jahren lebte das Volk in einem Gebiet nördlich der Transamazonica. Durch den Bau dieser Straße, und den damit verbunden Zerstörungen, mussten sie jedoch ihre angestammte Heimat verlassen. Heute lebt das Volk der Arara in zwei indigenen Territorien (TI) südlich der Transamazonica, dem TI Cachoeira Seca Iriri und dem TI Territorio Arara, an den Ufern eines Nebenflusses des Rio Xingu. Ihre Anzahl wird auf etwa 200 Personen geschätzt.

Warum sind diese Mythen wichtig?

Wie viele Geschichten, die den indigenen Völkern in Brasilien – und weltweit -  widerfahren, ist dies eine traurige Geschichte. Wie viele Völker sind die Arara in ihrer Lebensweise und ihrer Kultur bedroht. Doch versinken diese Geschichten oft in einer anonymen Trauer über den "Umgang mit der Natur". Deshalb ist es wichtig, nicht nur die erschreckenden Bilder im Kopf zu behalten, sondern auch die Schönheit dieser Kulturen.

Für die indigenen Völker Brasiliens sind Mythen, wie dieser, ein wichtiger Bestandteil  ihres kulturellen Erbes. Sie dienen der Unterhaltung, aber auch der Weitergabe der Werte. Und nicht zuletzt stellen sie eine Verbindung her zu den Zeiten der Vorfahren, die für die indigenen Völker von unschätzbarer Bedeutung sind.

Für die Bewohner der industrialisierten Welt bieten sie jedoch einen neuen Zugang zur Natur, zu den Denkweise der indigenen Völker, wo der Mensch nicht über der Natur steht, sondern ein Teil von ihr ist. Sie bieten aber auch eine Sichtweise, dies nicht als lästigen Verzicht zu sehen, sondern als eine Alternative, als einen wunderbaren kulturellen Reichtum.

Autor seit 3 Jahren
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