Reittier der Götter und vornehmstes Opfer zugleich

Unten in der Arena stehen sie, die großen Akteure der Gefahr, die Schauspieler der Kühnheit, mit
ihren merkwürdigen, kurzen Zöpfen, die ein Abzeichen ihres Standes sind.
Plötzlich wird es still. Alle Blicke richten sich auf ein dunkles Tor in der Holzbalustrade, die
die Arena umgibt. Aus diesem Tor kommt jetzt der Stier heraus geschossen. Geblendet bleibt er in
der grellen Sonne stehen, schnaufend, zitternd vor Erregung, die Flanken schlagend, schwarz,
drohend, die Hufe in den Sand gestemmt, ein wie von Gott gebranntes Monument ungeheuerlicher
Kraft und Lebendigkeit. Altes heiliges, mediterranes Tier! Reittier der Götter und vornehmstes
Opfer zugleich! Auf Stieren sitzen in archaischer Zeit die Göttinnen der Fruchtbarkeit. In einen
Stier verwandelte sich Zeus, als er Europa raubte. Auf der Balustrade des Niketempels in Athen
reitet die Göttin des Sieges auf einem Stier. Schon immer war der Stier, ein Tier des Kampfes.

Mit der Suerte de picar beginnt der Kampf. Die Capeadores mit ihren bunten Tüchern reizen den Stier. Gesenktem Hauptes mustert er seine Feinde. Immer zögert er lange, um dann mit unvermuteter Schnelligkeit, wie ein vorwärtsgeschleuderter Felsblock, loszuspringen. Immer ist die Richtung seines Angriffs vollkommen gradlinig. Darin liegt die Chance der Kämpfer, im Ausweichen mit äußerster Kühnheit die Geschicklichkeit zu verbinden. Jeder Angriff des Stiers führt handbreit am Tod eines Menschen vorbei. Die Männer mit den bunten Tüchern verlocken den Stier zum Angriff auf die berittenen Lanzenträger, die Picadors. Sie bohren ihm die Lanze in den Nacken. Der Stier beginnt, von den Lanzenstichen zu bluten. Seine Kraft und seine Wut scheinen unerschöpflich. Jetzt versuchen die Banderilleros, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie halten spitze, mit Wiederhaken versehene, oben mit Bändern geschmückte Stäbe in der Hand, in jeder Hand einen. Diese Stäbe haben sie dem Stier in den Nacken zu stoßen. Mit kurzen Stakkatobewegungen versuchen sie, ihn auf sich zu lenken. Zuweilen bleiben sie stehen, bis der Stier heran kommt, um im letzten Augenblick zuzustoßen und sich mit einer unbeswchreiblich schnellen Bewegung seitab zu drehen, so dass der Stier an ihnen vorbeibraust. Oder sie nähern sich dem stehenden Stier von vorn mit tänzelnden Schritten um dann die letzten zehn Meter auf ihn zu zulaufen und, die Banderillos in seinen Nacken stoßend und gleichzeitig als Stütze sie verwendend, eine halbe Flanke über sein Horn hinweg zu machen. Wenn der Stier drei Paare Banderillos im Nacken hat, gibt der Präsident das Zeichen zur Suerte de matar. Der blutende, auf äußerste gereizte Stier steht nunmehr allein dem Torero gegenüber, der nichts mehr als seine Kühnheit und seinen Degen hat. Der Stier ist schwer fälliger geworden. Die Vergeblichkeit seiner Angriffe hat ihn verwirrt. Mit dem scharlachroten Tuch lockt ihn der Torero heran. Der Stier zögert lange, aber nur, um dann um so fürchterlicher sich in Bewegung zu setzen. Der Torero schwingt sein Tuch zur Seite und das Horn des Tieres scheint seine Brust zu streifen.Dieses Spiel wiederholt sich viele Male mit unzähligen Abstufungen der Feinheit und der Kühnheit. Die Spannung wächst ins unermessliche. Zwischen der Kraft und der Fürchterlichkeit des wilden, blutenden Tieres und der Grazie und Kühnheit des Toreros spielt der Kampf sich ab. Schließlich wirft der Torero das Tuch weg. Er fasst den Degen. Er tritt vor den Stier hin und hebt den Degen mit ausgestrecktem Arm. Dann, mit einer letzten, leichten Bewegung, stößt er ihm die Klinge von oben ins Herz. Die Kraft des Stieres ist so gewaltig, dass es lange dauert, bis der Stoß seine Wirkung entfaltet. Fester stemmt der Stier sich in den Sand, tiefer senkt er seinen Kopf. Dann bricht er, wie von einem unsichtbaren Blitz getroffen, krachend zusammen, so gewaltig in seinem Tode, wie er gewaltig im Leben war.

Die Spannung löst sich in einem ausgelassenen Jubel. Hunderte Kissen und Hüte fliegen in die Arena. Der Matador geht den Kreis der Arena ab, grüßt und winkt, wirft die Kissen und Hüte zurück und genießt den Sieg und den Ruhm seiner Kühnheit.

Es ist grausam mit dem Tode zu spielen. Es ist kühn mit dem Leben zu spielen. Der Mensch hat solche Spiele seit den Zeiten der alten Götter immer geliebt. Während wir noch nachdenken über diese fremde, archaische Welt, über das Spiel und den Menschen und die Welt und den Tod, hat sich das dunkle Tor aufs neue geöffnet und in der grellen Sonne steht, schnaufend ein neuer Stier in der Arena. Ein neues Monument und das Spiel zwischen Leben und Tod beginnt von neuem.

Autor seit 2 Jahren
7 Seiten
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