Der Taucher 1 - Historie des Tauchsports in Thüringen

"Der Taucher" 

 
(Hebstreit rechts im Bild) 

1960 im Herbst finde ich mich wieder als Dreherlehrling im VEB Pressenwerk Bad Salzungen. Eigentlich hatte ich hier grosses Glück gehabt. Mit meinem absolut miesen Zeugnis der achten Klasse hätte ich normalerweise diese Lehrstelle nicht bekommen.Aber es war damals normalerweise keine normale Zeit. Die Grenze, besonders nach Westberlin war noch offen und es gab nicht wenige Salzunger Familien, die ohne Sack und Pack in den den englischen, amerikanischen oder französischen Sektor mit der S-Bahn fuhren und sich als Flüchtlinge bei den Berliner Behörden meldeten.Und so verduftete eben damals eine Salzunger Familie mit einem Sohn, der schon eine Lehrstelle als Dreher in der Tasche hatte ab nach Westberlin. Meine Eltern bekamen davon Wind und lieferten mich als Ersatzlehrling bei meinen zukünftigen skeptisch dreinblickenden Lehrmeister Lieber ab. 

Ohne es zu ahnen, war ich in einen Job gerutscht, der damals auf mich passte wie der Deckel auf einen Topf. Man musste gut kucken können. Ansonsten arbeitete man nicht körperlich sehr anstrengend wie in manchen anderen Lehrberufen als Bauarbeiter oder als Maler. Die Drehmaschine arbeitete und man musste nur flink neue Werkstücke in die Maschine einspannen. Das technische Verständnis hatte ich irgendwie und nur das Stehen den lieben langen Tag an der Maschine fiel mir ein wenig schwer.Ich behalf mich aber hier und bastelte mir zu der jeweiligen Maschine immer eine entsprechende Sitzgelegenheit. So hatte ich schnell bei meinen Lehrkameraden den Spitznamen "Der Sitzer" weg. Wo andere stundenlang vor ihrer Maschine standen, sass ich. Da half auch der Protest meines Meisters wenig. Kaum drehte er mir den Rücken, hockte ich wieder vor der Maschine, weil es mir absolut sinnlos erschien zu stehen, wo man doch auch sitzen kann. 

So körperlich einigermassen unausgelastet hatte ich Kraft und Muße, um nach Feierabend ein sportliches abenteuerliches Hobby zu frönen. Die Motivation für das Hobby Tauchsport holte ich mir aus dem Westfernsehen. Hier gab es die Filme von Hans Hass über seine weltweiten Tauchexkursionen. Wie konnte es auch anders sein, die Fische und die Natur interessierten mich hier weniger. Den Aspekt der Schatzsuche unter Wasser fand ich faszinös.Das Problem in Bad Salzungen nun Taucher zu werden war aber ein echtes Problem. Niemand beschäftigte sich damit. Literatur über das Tauchen gab es damals in der Stadtbibliothek noch wenig. Lediglich bei der paramilitärischen staatlichen Jugendorganisation Gesellschaft für Sport und Technik (GST) gab es die ersten Anfänge einer Taucherausbildung. Nur halt in Erfurt oder in Berlin oder an der Ostsee in Greifswald Wieck. In Bad Salzungen wurde ich mit offenen Armen mit meinem Anliegen empfangen, Taucher zu werden. 

Die GST war eine Organisation, welche wesentlich die vormilitärische Ausbildung und militärische Nachwuchsgewinnung in der damaligen DDR organisierte. Sie hatte »einen festen Platz im System der Wehrerziehung« und war - als »Schule des Soldaten von morgen« - »nach den Vorstellungen der Armeeführung unverzichtbar für die Vorbereitung der Jugendlichen auf den Militärdienst«. Als Sportschützen, Segelflieger, Fallschirmspringer oder Tauchsportler fanden Tausende DDR-Bürger aller Altersstufen in der GST so »paramilitärische« Hobbys wie Modellbau, Motorsport oder Amateurfunk. 

Da inzwischen auch weitere Jugendliche dort auf einen Beitrag in der Ortspresse "Freies Wort" über die GST-Taucher vorsprachen, wurde in Bad Salzungen die erste Tauchsportgruppe gegründet. Ein Ingenieur, Claus Gulba aus dem Kabelwerk Vacha wurde unser erster Tauchlehrer. Der hatte schon zwei bis drei Jahre vor uns privat angefangen zu tauchen. Erst mit Brille, Schnorchel und Flossen. Dann mit einem einstufigem Pressluftgerät, welches die Armee, die Feuerwehr und das Rote Kreuz schon benutzten. Sogar ein Sauerstoff-Kreislaufgerät, welches mit irgendwelchen Kalkpatronen und einer ein-Liter Sauerstoffflasche funktionierte, hatte er sich über ein Inserat besorgt. 

Die mordsgefährliche "Sauerstoff-Taucherei" hatte ihren Ursprung in Rettungsgeräten der ehemaligen Wehrmacht und in einem Forschungsthema "Atemkalk", das 1957 an den damaligen VEB Chemiewerk Greiz-Dölau vergeben wurde. Die Aufgabe bestand darin, einen Atemkalk aus einheimischen Rohstoffen zu entwickeln, der für Kreislauftauchgeräte der NVA und für Narkosezwecke in der Medizin eingesetzt werden konnte, um "störungsfrei von Westimporten" (Dräger-Kalk, Merk-Kalk) zu werden. Der Forschungsgruppe unter der Leitung des technischen- und Forschungsleiters Dr.Bach gehörten die Chemieingenieure Lore Stiehler und Wolfgang Weinreich an. 

Den fachlichen Arbeiten zur Auffindung geeigneten Kalkes in der DDR, der Glühung des Kalkes und der Verarbeitung zum typischen Atemkalk, wie er noch heute in der Medizintechnik verwendet wird, folgten sehr schnell praktische Versuche im Hallenbad Greiz und in den Gewässern um Greiz, so z.B. der Koberbachtalsperre, mit dem Tauchgerät MEDI-NIXE. Die Tauchgeräte dieses Typs ließen eine Tauchtiefe von bis zu 7m zu und beruhten auf dem Atemkreislaufprinzip, bei dem zur Bindung des ausgeatmeten Kohlendioxyds der Atemkalk des Chemiewerks Greiz-Dölau benötigt wurde. 

In wesentlich größerem Stil liefen parallel dazu Tauchversuche bei der NVA vor der Insel Hiddensee und im Hallenbad Stralsund. Ende 1960 bekamen wir die ersten Pressluftgeräte zu Gesicht und Anfang 1961 begann unsere Ausbildung in einem GST-Binnenausbildungszentrum für Seesport in der eiskalten Lütsche-Talsperre bei Oberhof. 

So einmal im Monat ging es am Wochenende nach Oberhof, wo uns an jedem Morgen eine Bootsmannspfeife zum maritimen Kutterrudern Rudern vor dem Frühstück weckte. Das ganze militärische Brimbamborium mit Marineuniformen, Antreten, Apell und sinnlosem Marschieren im Thüringer Wald steckten wir locker weg, mit der Aussicht richtige tolle Taucher zu werden. 

Nicht schlecht staunte mancher einsame Wanderer, wenn es auf einmal am Ufer der Lütsche-Talsperre gluckerte und materialische Gestalten in komischen Gummi-Anzügen und Bleigürteln aus dem finsteren Wasser auftauchten. Einer alarmierte sogar einmal die Polizei, welche selber verdutzt war, Taucher im tiefsten Thüringer Wald vorzufinden. Unsere Ausbilder, mit weissen Kapitänsmützen der "Volksmarine" und vielen Winkeln an den Ärmeln erläuterten dann geheimnisvoll den grün gekleideten Polizisten aus Suhl, was wir für eine wichtige Truppe sind. Quasi die zukünftigen Kampftaucher der Nationalen Volksarmee. 

Im Mai 1961 hatte ich meinen ersten "wichtigen" Taucheinsatz. Eine Wasserleiche war im Salzunger See aufgetaucht und wieder abgetaucht. Die Salzunger Feuerwehr besaß damals noch kein Tauchgerät und ich und ein Kamerad wurden ganz wichtig mit unserer Ausrüstung und Tatütata zum Salzunger Burgsee gekarrt. Wir sollten den leblosen Körper, der wahrscheinlich über den Winter im Wasser lag, bergen. 
Als wir ins Wasser stiegen, riefen Leute am Ufer aufgeregt, das die Leiche einige Meter neben unserer Einstiegsstelle wieder aufgetaucht war. Als wir dort hinschwammen wurde uns speiübel. Aufgedunsen und angeknabbert von den Fischen trieb da ein Mensch im Schwarz-dunkelgrünem Lodenmantel im Wasser. Als wir mit abgewendeten Gesicht tapfer die Leiche greifen wollten, lösten sich Teile. Gräßlich das alles und mich schaudert heute noch davon. Bei der Klinik Schnurrer wurde dann eine Gartentüre ausgehangen und die Männer von der Feuerwehr zogen die Leiche auf der Türe aus dem Wasser, weil sie sonst auseinander gefallen wäre. Ich sah da schon nicht mehr hin. 

Das war so die erste wirklich grausliche Begegnung mit der Salzunger Unterwelt unter Wasser. Ich bin dann nie gerne mit solchen Eindrücken gesegnet im Salzunger Burgsee getaucht. Zum einen war der See oft trübe wie eine matschige Herbstpfütze und am westlichem Burgseefelsen ging es senkrecht ca. 30 Meter in die Tiefe. Mit unserer miesen Ausrüstung sind wir dort damals kaum mehr als 10 Meter tief getaucht. Es war dort rattendunkel und unheimlich. Auf der Ostseite war es flacher aber schlammig. Und da damals auch die Abwässer der Schlachthofes in den See mündeten, schwamm auch mal ein Kuhauge und Gedärmefetzen im Wasser herum. Brrrrrrrrrrrrrrrrr! Auch aus dem Kurhaus plätscherte das Abwaschwasser samt Nudelresten der bekannten Spirellis mit Tomatensauce in den See und wenn die Fäkaliengrube randvoll war auch mal einige Hundert Kilo Kurgastscheiße. Die Begeisterung, den Salzunger Silberschatz im See zu suchen, lies somit schnell nach. 


Der Taucher 2 - Historie Tauchsport in Thüringen

Anders war es da schon mit dem Buchensee bei Wildprechtroda. Der war tief, klar und nicht ganz so unheimlich. Es gab da eine Sage, dass eine vollbepackte Postkutsche im Buchensee verschwand. Logisch, das wir nach Kutschenteilen tauchten, da ja an jeder Sage irgendwas wahres ist. Wir fanden dann auch was. Wagenräder, ein Wagengestell, nur das war nicht von einer Postkutsche, sondern von einem Jauchewagen, den böse Buben von einem nahegelegenen LPG-Feld in den Buchensee schoben. Als wir dann noch zwei verrostete Panzerfäuste fanden, die wir ordnungsgemäss der Polizei meldeten, wurde der See zeitweise für unsere Tauchgänge gesperrt. Künftig wurde dann nie wieder was gemeldet - denn Melden brachte Tauchsperre.

Aber die Fische guckten schon mal komisch. Sowas wie uns hatten die noch nicht gesehen. Und da ein Karpfen prinzipiell gut schmeckt, wanderte er unter Wasser in ein Nylon Einkaufsnetz und dieses so gefüllte Einkaufsnetz wurde natürlich nicht beim Auftauchen stolz präsentiert. Die immer anwesenden Zaungäste unserer Tauchgänge konnten ja da vermuten, das wir dem DAV, dem Anglerverband wichtige Beutefische vorenthielten. Fische, welche weniger flink waren, erwischten wir mit einer simplen Bratengabel, welche an einen Besenstil gebunden wurde. So gab es ab und oft nach dem Tauchgang Bratfsch oder "Karpfen blau". Des war weil verboten, besonders lecker!



So mancher aus meiner Tauchgruppe wurde ein richtiger Tauchfan. Zwei Brüder wurden regelrechte Tauchfanatiker. Das ging soweit, das einer der beiden eine Grippe hatte und zum Inhalieren in das Kreiskrankenhaus geschickt wurde. Dort wartete der Bruder ohne Grippe mit Moped und Tauchgerät und fuhr nach der medizinischen Behandlung schnurstracks im Januar 1963 zum Buchensee, klopften ein Loch in das Eis und badeten die Tauchgeräte und sich selber. Schon möglich, das diese rigorose Nachbehandlung die Grippe stoppte.

Meine Ambitionen waren weiter die versunkenen Schätze und dazu brauchte ich Licht, denn in den Thüringer Seen war es num mal ab 3 Meter Tiefe dunkel. Die einfachste Methode war eine Stabtaschenlampe, welche in einen Fahradschlauch gestopft wurde. Danach wurde als technische Steigerung ein Motorrad-Akku in eine verschraubbare Blechbüchse verbracht. In GUMPELSTADT gab es eine Auto-Lichtreflektoren Fabrik für die Wartburgs von Eisenach. Daraus haben wir feine Unterwasser Reflektoren gebaut. Mit den Erfahrungen dieser Unterwasser Beleuchtungstechnik dauerte es nicht lange und wir bauten unsere erste Torpille. Das war ein Rohr, in welche fast wasserdicht zwei Akkus plaziert wurden. Am Ende des Rohres steckte ein kleiner Anlasser-Elektromotor und ein riesiger Holzpropeller kurbelte hinter einem Stück Draht-Kartoffelkorb. Damit stiegen wir in´s Wasser und starteten unser Süßwasser Torpedo. An zwei Griffen festgehalten schnurrten wir mit dem Ding in die Tiefen der Bernshäuser Kutte und hatten staunende Zuschauer. Mit den Beinen mussten wir heftig dagegen strampeln, weil uns das Gerät versuchte um die eigene Längsachse zu drehen. Nur nach weniger als 10 Minuten war aber der Saft alle, weil der Elektromotor so viel Strom verbrauchte. Auch soffen die Torpillen ständig ab. Schließendlich wurden private Torpillen schlicht und einfach verboten, weil man ja damit durch die Grenzgewässer schneller als ohne Spitzentechnik nach dem Westen abhauen konnte. Das taten dann aber auch 2 Mitglieder der Salzunger Tauchsportgruppe Anfang der Siebziger Jahre. Die kletterten in Dorndorf in die Werra ohne Torpille und tauchten still und leise in Vacha unter dem Sperrgitter der Werra durch. In Phillipstal meldeten die sich bei den erstaunten westdeutschen Behörden.

Ich war inzwischen ab 1965 aber schon in Halle/Leuna und bin dort noch ein wenig in den trüben Gewässern Sachsen-Anhalts getaucht. Die Aussicht, mal in wärmere Gewässer an die Adria zu
kommen war so gut wie aussichtslos und hatte aus allen möglichen Zufällen auch keine Möglichkeit im schwarzen Meer, dem wärmeren möglichen Tauchparadies zu tauchen. Da es mir nicht möglich war, ein Neopren Anzug zu ergattern, mit dem man in den kalten mitteldeutschen Gewässern oder in der Ostsee weniger fror, ging die Tauchbegeisterung dem Ende entgegen. Auch wurden inzwischen die Tauchgeräte wie Waffen behandelt. Selbst eigene persönliche Geräte durften nicht mehr zu Hause privat deponiert werden, sondern wanderten nach dem Tauchgang unter Verschluß bei der GST. Es gab Bücher und Hefte, in denen man jeden Tauchgang mit dem Presslustgerät angeblich aus Sicherheitsgründen dokumentieren musste. Diesen Krampf habe ich nicht mehr mitgemacht und später nur noch im Urlaub das ABC Gerät benutzt, besonders wenn ich Appetit auf Fisch hatte. So Ende der 70er Jahre wurden dann die Seen rund um Bad Salzungen von allen möglichen inzwischen sehr verrosteten Waffen und Munition aus der Zeit des zweiten Weltkrieges geräumt. Die Taucher waren aus Erfurt und der NVA Marine. Alles wurde weiträumig abgesperrt und die Bürger bekamen kaum was mit, was aus den Seen entsorgt wurde. Ein wenig verplapperte sich bei einer Geburtstagsfeier der damalige Stabschef der Salzunger Polizei, Major Goschalla. Man hatte Kisten mit geheimnisvollen großen Gerätschaften aus der Schweiz geborgen. "Oerlikon" hätte auf den Kisten gestanden, ob ich die auch unter Wasser im See gesehen hätte. Hatte ich nicht gesehen. Ich habe dann als alter Schatzsucherspinner gesagt, es wären nur Kisten da gewesen, da hätte "Reichsbank" drauf gestanden.

"Spinner" meinte  Goschalla. Ich meinte dann, das ist so wie mit den Karpfen vom Burgsee. Wenn wir einen erwischt haben, den haben wir einfach am anderen Tag geholt und in die Pfanne gehauen. Die Typen, die die Reichsbankkisten im Hämbacher Teich gefunden haben, die sind mit der leeren Kiste hoch gekommen. Zu dieser Zeit brauchte man aber, um an ungesetzliches Zahngold heran zu kommen, nicht Taucher zu sein. Man brauchte nur eine Kneifzange und einen einsamen Frühschichtjob im Salzunger Krematorium!

Der Erfinder - Historie Tauchsport in THüringen

Ende 1958 fängt im Pressenwerk Bad Salzungen ein junger Maschinenbauingenieur  nach Absolvierung seines  Studiums im Konstruktionsbüro zu arbeiten an. Zu dieser Zeit wird im Pressenwerk Bad Salzungen eine seltsame Maschine entwickelt. Man stelle sich mal einen Automotor  vor, der auf dem Kopf steht und mit einer stabileren Kurbelwelle anstatt Kolben eine massive Platte bewegt. Auf dieser Platte wurden 10 einmarkstückstückgrosse Stanzmesser befestigt und wenn die Kurbelwelle anfing zu kurbeln, wurden mit jeder Umdrehung 10 einmarkstückstückgrosse Aluminiumstücke ausgestanzt. Im volkstümlichen Sprachgebrauch der damaligen DDR hiessen diese Teile Aluchips.

100 mal drehte sich diese Kurbelwelle in der Minute und 60 mal 1000 Aluchips-Markstücke, also 60 000 Mark der DDR Staatsbank kullerten in einer Stunde in kleine blaue  Blechkisten. Besser gesagt wären gekullert, wenn man das Blechband so schnell durch die Maschine jagen könnte. Seit Monaten tüftelte man nach einer Lösung und fand keine. Claus Gulba kam die technisch rettende Idee zu diesem Problem und fortan kullerten locker und präzise rund eine halbe Million Aluminium-DDR-Mark in einer Schicht in die Blechkisten. Damit fiel Claus Gulba in Bad Salzungen natürlich erst einmal positiv auf und man unterbreitete ihm den tollen Vorschlag in die SED und in die Kampfgruppe der Arbeiterklasse einzutreten. Kluge Leute konnte man in der SED gebrauchen. Claus Gulba lehnte dieses Ansinnen rigoros ab, weil er für Politik dieser Art und für Kampfgruppenübungen kein näheres Interesse hatte.  Da man in der SED Betriebsgruppe nicht einsah, dass einer, der so klug ist kein Einsehen hatte, wurde Claus Gulba verdächtig. Von da ab stand Claus Gulba  zuerst unter ständiger Beobachtung der SED in seinem Betrieb und kurz darauf zwangsläufig unter Beobachtung des Ministeriums für Staatssicherheit.

Claus Gulba begann sich in Bad Salzungen einzurichten. Er suchte sich seinen Freundeskreis in Bad Salzungen bei Bürgern, welche auch ein bisschen pfiffig waren. Zufälligerweise waren das auch unter anderem die Rundfunkmechaniker der Stadt, welche damals auf die praktische Idee kamen, die Fernsehgeräte, die vom staatlichem HO-Handel der DDR ohne Westkanal verkauft wurden, mit einer zusätzlichen klitzekleinen Pappzwirnspule mit sieben Kupferdrahtwindungen  nachträglich  auszustatten. Auch Claus nutzte diese nette nützliche Dienstleistung und stellte sich fortan mit einem Tastendruck  den Kanal 8 das Westfernsehen aus Hessen ein. Das war damals in der DDR zwar nicht gesetzlich verboten - es war aber dringendst unerwünscht. Die "Beobachter" gelangten irgendwann nach der Stellung der Gulbaschen Fernsehantenne auf dem Dach zu der Erkenntnis, wie er sein Fernsehgerät unstatthaft linienunteru verändert hatte und vermerkten, dass Claus Gulba somit unter perfidem imperialistischen Einfluss stände. Eine systemuntreue Auffälligkeit, die ebenfalls nach mehrfacher kaderleiterlicher  Aussprache in seiner Kaderakte vermerkt wurde: " Kollege Gulba bedarf in charakterlicher Hinsicht eine strenge Führung"

Claus Gulba ahnte davon Anfangs wenig, weil er seine Beurteilungen nie sah und  anderslautige nette Dubletten ausgehändigt bekam. Er begann neben seiner Erfindertätigkeit in seinem Betrieb auch noch für andere Betriebe in der Salzunger Region zu entwickeln und zu erfinden. Spezialisten für Plastespritzwerkzeuge waren damals ungemein knapp und so stapelten sich auf diesem Gebiet mit der Zeit die nutzvollen Ergebnisse und zwangsläufig nahm entsprechend nutzvoll sein Konto auf der Sparkasse andere Kontostände als allgemein bei einem normalem Ingenieur üblich an. Claus kaufte sich einen nigelnagelneuen Trabant Kombi mit seltenem Schiebedach und fiel dadurch wieder auf. Wegen dem Konto: " Er ist hinter dem Geld her" und wegen dem Schiebedach: "C. Gulba ist für den bürgerlichen Luxus aufgeschlossen". Sein damaliges Hobby - Tauchsport machte ihn weiter oberverdächtig. In seiner Freizeit fuhr Claus zum Buchensee und zur Bernshäuser Kutte und verschwand lautlos geheimnisvoll in den Fluten. Sein Tauchgerät gluckerte nicht wie normale damalige Tauchgeräte. Was die "Genossen" damals nicht gleich wussten, er hatte aus zweiter Hand ein Sauerstoffkreislaufgerät "Medinixe" erworben, welches es ganz normal in Leipzig in einem Medizinzubehörladen zu kaufen gab. Das gab es schon, das war schon erfunden. In der Provinz, in Thüringen in Bad Salzungen pubertierte seine Akte inhaltlich und umfänglich langsam zum regionalem Staatsfeind ersten Ranges an und der Zugriff auf den unermüdlich erfindenden, tauchendenden, westfernsehsehenden und Trabant fahrendem Claus wurde vorbereitet.

Der plötzliche Zugriff wurde sicher abgeblasen, als Claus Gulba sich 1961   offiziell bei der GST, der staatlichen paramilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik anmeldete um dort sein Hobby Tauchsport aktiver treiben zu können, weil die GST tolle Tauchgeräte und Pressluft hatte. Jemand, der nutzbar sein kann bei der vormilitärischen Ausbildung von Jugendlichen, den buchtet man halt nicht  wegen ein bisschen Westfernsehen und überproportionalem Erfinden ein, nur weil er nicht in der SED ist, schlußfolgerten  nun seine Beobachter.

Claus wurde vorerst in in Ruhe gelassen. Er wurde erst wieder verdächtig, als er an einem sonnigem Tag mit einem Fotoapparat erst über und dann unter Wasser herum hantierte. Das war deswegen seltenverdächtig, weil es in der DDR für Geld und gute Worte und beste Beziehungen keinen Fotoapparat für unter Wasser zu kaufen gab. Es gab soetwas einfach nicht! Die intensiven Recherchen der "Beobachter" ergaben, er hatte den überaus raffinierten Apparat heimtückisch selber erfunden, entwickelt und gebaut. Ein wasserdichtes Aluminiumgehäuse mit allem notwendigem technischem Pipapo nahm einen Fotoapparat  Marke Exa sicher und trocken für die Tauchgänge auf. Unerhört!

Da es in den paar stehenden Gewässern in Thüringen keine Staatsgeheimnisse zu fotografieren gab, nahmen die "Beobachter" an, das es zutiefst staatsgefährdend wäre, wenn es Staatsgeheimnisse unter Wasser gäbe - denn die könnte der einsteinhafte Gulba ja nun mit seiner Erfindung fotografieren. Gefährlich wäre ausserdem, er könnte ja auch fotografieren, dass es keine Staatsgeheimnisse unter Wasser gibt. Auch hätte Claus Gulba in einer Gaststätte öffentlich geäussert mit so einem Tauchgerät Medinixe könne man unbesehen in den Westen unter Wasser abhauen, da bei diesem Gerät keine Luftblasen an die Oberfläche sprudelten, weil das Ding mit Sauerstoff und einem bissel Kalk schon seit Adolfs Zeiten funktioniert. Und wieder wurden Vorbereitungen getroffen Gulba erst einmal prophylaktisch wegzusperren, zumal er nun auch noch ein verdächtiger Bürger mit "HWG" war. HWG ist aber nichts politisches HWG ist die Abkürzung für  häufig wechselnder Geschlechtsverkehr, so das damalige ostdeutsche Amtsdeutsch. Claus war eben damals schlicht und einfach unter den Töchtern der Stadt auf Brautschau und am "Probieren" der richtigen Partnerin.

Als die emsigen Häscher des Ministeriums für Staatssicherheit eines frühen Morgens in seine Wohnung eindrangen, um ihn vorsorglich abzuholen, war die Wohnung leer bis auf den kleinsten Krümel. Der technische Einstein-Gulba war spurlos bei Nacht und Nebel weg - wahrscheinlich in den Westen, so die zu späte Erkenntnis des Festnahmekommandos.

Erst Tage später kam heraus, wohin er eigentlich entwestet war. Claus hatte einfach in seinem Betrieb vor 14 Tagen ohne viel Trallalla fristgemäß gekündigt und war achtzehn Kilometer weiter westlich im Kreis Bad Salzungen mit seiner Freundin und zukünftigen Frau nach Vacha in das hermetisch abgesperrte Grenzgebiet gezogen. Er arbeitete und erfand 1 Km entfernt von der Staatsgrenze der DDR Kabelmaschinenteile  im Kabelwerk und hatte sich ganz üblich polizeilich in Bad Salzungen abgemeldet und in Vacha wieder angemeldet. Zur Polizei hatten ihn die "Beobachter" sicher nicht verfolgt, weil er zum Volkspolizeikreisamteingang für KFZ-Anmeldungen betrat und einfach über den Flur zur Personenmeldestelle ging.

Ratlos tagte eventuell tagelang das Ministerium für Staatssicherheit in der Kreisdienststelle Bad Salzungen was in diesem unerhörtem speziellem kompliziertem Falle nun zu tun sei. Ausserdem war Claus noch überflüssigerweise und hinterhältig ohne Wissen der Stasi im Kabelwerk in die SED Betriebsgruppe und in die Vereinigung für Deutsch Sowjetische Freundschaft eingetreten. Man tat ihm wegen der ganzen Blamage vorsichtshalber nichts. Fast nichts. Nur seinen Posten als Taucherausbilder  und Chef der Salzunger Tauchsportgruppe wurde ihm ohne viel Federlesens entzogen, weil er hätte ja in Tausend Meter Werra unter Wasser weg sein könnte. 20 Jahre später praktizierte das einer seiner Nachfolger. Weg  unter Wasser in den Westen. Zwei Jahre später verspürte Claus Gulba den gleichen Druck wie in Bad Salzungen und verschwand wieder plötzlich bei Nacht und Nebel aus dem Kreis Bad Salzungen, kurz bevor alle Rundfunkmechaniker aus Bad Salzungen auf viele Jahre wegen Spionage verurteilt wurden - Ihr einzigstes Verbrechen - sie hätten funken können.

Nun ist er wirklich weg, dachte wieder diese "sozialistischen" Staatssicherheitsexperten. Nur - Claus war nur fast weg. Claus war einfach wieder einmal  blitzschnell gut durchplant umgezogen. Diesmal in nordöstlicher Richtung nach Berlin während seine missliche Kaderakte von ihm in den Süden der DDR dirigiert wurde. Er baute sich in Berlin ein  Haus sicher wieder mit nicht wenigen Erfindungen und tauchte fast endgültig in der grossen Stadt unter. Aber nur fast. Bis zur Wende sind sie entsprechend seiner Stasiakte am Ball  also an Claus geblieben und protokollierten mit welchen unüblichen Raffinessen Claus seine Baumassnahmen gekonnt realisierte. Jahre vor der Wende gelang es ihm nach einem verordnetem Parteischulkurs die richtigen Argumente zu finden, um mit einem Hinweis auf seine objektiv vorhandene idealistische Weltanschauung schadlos aus der Partei der Arbeiter und Bauern auszusteigen.

Ich habe Claus über das Internet mit einer Nachricht gefunden, durch die er sich bei mir gemeldet hat. Claus war in Bad Salzungen mein erster Tauchlehrer und auch seine tollen Fähigkeiten als Ingenieur hatten mich damals beeindruckt und waren eines der Motive selber später Ingenieur zu werden. Auf mein damaliges Gejammer, dass es keine Gewichte für den Tauchergürtel zu kaufen gäbe, drückte mir  Claus Guba damals ein Bleigewicht in die Hand und balferte: "Giess dir welche, Blei gibt es in jedem lumpigem Akku, Gas und alten Topf hast Du in jeder Küche, Gips für die Form gibts genug!" -  "Gibts nicht - gilt nicht" - " Mach dir einen Kopf, wenn du hast!"

Stigmatisiert haben ihn aber doch ein wenig diese "alten" Ereignisse. Claus ist misstrauisch geblieben. Ich weis bis heute nicht,  wo er wohnt und kenne auch nicht seine neue Telefonnummer unsd akzeptiere das. Empfehlen möchte ich aber niemanden Claus unangemeldet im Dunkeln heimlich zu besuchen - es könnte ein wenig elektrisch gesehen gesundheitsschädlich sein. Vor 14 Tagen traf ich mich nach einem Anruf  von ihm auf ein Bier im Köpenick Center und habe  diese Aufnahmen für diese Geschichte geknipst.

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR wird oft als bisher bester Geheimdienst der Welt hingestellt. Ich glaube ich kann mit dieser Geschichte ein klein wenig diesem Nimbus den Zahn ziehen. So gut waren die schlichtweg nicht. Besonders perfide finde ich, das diese "tolle" Truppe viele viele Jahre Salzunger Bürger wegen angeblicher Spionage hinter Gittern brachte, weil sie nach dem Westen gefunkt hätten können. Die traurige Pointe hier ist "Sie hätten funken können!". Nochmal:  Die Betonung liegt auf hätten und können.

Könner waren sie nur in einem. Sie konnten Menschen in Angst  und Schrecken  versetzen....bis heute am 19. Mai 2001.....auch wenn sie  in diesem Sinn Claus Gulba schliessendlich nicht gefangen hatten.

Autor seit 5 Jahren
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