Der tabuisierte Tod

Wir wissen alle, dass wir eines Tages sterben müssen. Um es auf den Punkt zu bringen: In 100 Jahren (und natürlich schon früher..) sind alle, die das jetzt lesen, tot. Punkt. Ende. Aus. Schluss.

Trotzdem benehmen wir uns gerne so, als müssten wir uns mit diesem Thema nicht auseinandersetzen, so, als ob wir den Tod austricksen könnten, wenn wir ihn aus unserem Leben verbannen, nicht über ihn sprechen, nicht über ihn nachdenken - und vor allem: Nicht so zu leben, als ob wir bald sterben könnten. Und doch wissen wir alle, dass es jeden von uns jederzeit treffen kann. Niemand, egal ob jung oder alt, kann sagen, dass er/sie nächste Woche definitiv noch lebt.

Natürlich macht es nicht immer Sinn, sich mit dem Thema Tod zu beschäftigen, es kann sogar albern sein. So, als ob man sich den Aufgaben, die das Leben einem gerade aufgibt, nicht stellen will. Natürlich kann der Gedanke an den Tod auch befreiend und entspannend sein, wenn man gerade in einer schwierigen Situation steckt. Nicht umsonst gibt es viele Selbstmörder gerade in jungen Jahren, weil eine schlechte Lebensphase unüberwindlich zu sein schien und die Betroffenen das Gefühl hatten, die grauen Wolken am Horizont würden niemals wieder abziehen. Aber hier geht es nicht so sehr um den eigenen Tod und die Beschäftigung damit, sondern mehr darum, wie wir mit dem Tod anderer Menschen umgehen.

Tabu (Bild: pixabay)

Der Tod als das Gegenteil von Leben, Erfolg und Leistungsfähigkeit

Wie wenig die meisten in unserer Gesellschaft in der Lage sind, mit dem Tod umzugehen, erfährt man immer wieder bei Beerdigungen, Trauerfeiern und beim Lesen von Kondolenzschreiben. Wir haben den Umgang mit dem Tod regelrecht verlernt. Und das, obwohl wir kein bisschen weniger sterben, als zu früheren Zeiten. Aber wir sind weniger religiös und richten uns immer mehr auf das Leben, die Jugend, die Schnelligkeit, das Laute und Bunte aus. Die Stille, das In-sich-Gekehrtsein, das Nachdenkliche, das Innehalten, das Langsame und Bedächtige sind heute nicht mehr so gefragt. Leistungsfähig ist, wer voll im Leben und 'voll im Saft' steht. Wir wollen und sollen alle vital, kräftig, jugendlich, stark und vor allem leistungsfähig sein. Erfolg soll man haben, viel Geld verdienen und etwas darstellen. Darauf ist das Leben heute ausgerichtet, nicht mehr auf innere Werte, Tugenden und so etwas wie Moral, was zu einem spießigen Begriff verkommen ist. Kein Wunder also, dass die meisten Zeitgenossen auch mit dem Tod nichts mehr anzufangen wissen. Er scheint das Gegenteil vom Leben, von Leistung zu sein.

Wer früh stirbt, hat wohl nicht gesund gelebt, falsch gegessen, zu viel Alkohol getrunken, geraucht, keinen Sport gemacht. Es schwingt einfach immer der Gedanke mit: Wer ein langes Leben hat, der hat vieles richtig gemacht. Es ist vermessen, so zu denken. Denn niemand würde ernsthaft bei Kindern und jungen Menschen, die früh sterben mussten, die Schuld an einem ungesunden Lebensstil suchen. Wir wissen schlichtweg nicht, warum der eine früher gehen muss, als der andere.

Vielleicht haben wir alle schon mehrmals gelebt und das Maß ist in diesem Leben halt früher voll. Es wäre eine Erklärung, aber wissen tun wir es nicht.

Den Tod einfach verdrängen

Wird man selber trauernder Angehöriger, bekommt man den ungesunden Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft fast hautnah zu spüren. Eltern, die ein Kind verloren haben, berichten oft, dass sie später von Freunden und Bekannten gemieden werden. Die traurige Situation ist einfach nicht auszuhalten und man fühlt sich in der Gesellschaft der Betroffenen nicht wohl. Auch will man die eigenen Kinder nicht mit so viel Negativem belasten. Wie schlimm für die betroffenen Eltern, wenn zu der eigenen Tragödie noch so viel Unverständnis, Egoismus und Ignoranz hinzu kommen.

Viele Menschen benehmen sich heute so, als könnten sie den Tod aus dem eigenen Leben und ihrer Angehöriger verbannen, wenn sie ihn ignorieren und verdrängen. Daher werden trauernde Angehörige eines kürzlich Verstorbenen gerne gemieden. - Man weiß ja auch nicht, was man sagen soll und man will denjenigen ja auch nicht belästigen und ähnliche Vorwände schiebt man vor, nur damit man nicht ein wenig von den eigenen Zielen, Plänen, Wünschen, ehrgeizigen Interessen und Beschäftigungen Abstand nehmen muss und sich hin und wieder dem Ende des eigenen Daseins stellen muss.

Auf Trauerfeiern kann man häufig erleben, dass die Person, um die man eigentlich trauern, der man gedenken soll, ausgeblendet wird. Es wird gerne so getan, als wäre es im Sinne der Person sie zu ignorieren und nicht mehr über sie zu sprechen. Die Angehörigen werden tunlichst von der Person abgelenkt und man versucht dauernd um den heißen Brei herumzureden.

Engel (Bild: pixabay)

Was braucht der Trauernde?

Fakt ist: Jeder trauert anders. Aber jeder braucht eine gewisse Zeit, einen imaginären Raum um mit der neuen Situation, dem Tod eines anderen Menschen klar zu kommen, ihn erst einmal zu begreifen. Die organisatorischen Dinge, die erledigt werden müssen, wenn ein Angehöriger verstorben ist, lassen leider kaum Zeit für innere Einkehr und ein ruhiges Verarbeiten der Geschehnisse. Das alleine ist also schon anstrengend genug. Erschwerend hinzu kommt allerdings, wenn das Umfeld nicht trostspendend, sondern ungeschickt und unsensibel reagiert.

Viele erwachsene scheinbar reife Personen, die beruflich und privat mitten im Leben stehen und sonst alles im Griff haben, sind nicht in der Lage, angemessen auf Trauernde zu reagieren. Das, was den meisten am ehesten einfällt ist Ablenkung. Aus Panik, dass die Trauernden in Tränen ausbrechen könnten, wenn sie über das Geschehene reden oder über den Verstorbenen zu erzählen beginnen, fangen die Trauergäste gerne an, erst einmal von sich und ihren Zukunftsplänen, ihrer Arbeit, dem nächsten Urlaub zu reden. Ganz nach dem Motto: Am besten ich erzähle von irgendetwas Angenehmen, das heitert bestimmt auf..

Völlig falsch! Ist der Tod eines nahestehenden Menschen noch ganz frisch, brauchen die Trauernden keine Ablenkung, keine aufmunternden Worte und kein "Wird schon wieder". All dies wirkt höchst unpassend und geradezu verhöhnend. Man kann mit dem Tod eines Menschen nicht so umgehen, als wäre nichts geschehen. Diesen Weg wählen aber leider viele Menschen heutzutage, aus Unfähigkeit, das richtige Verhalten an den Tag zu legen.

Was wäre richtig? Abwarten, wie der Trauernde sich benimmt. Die Themen nicht einfach vorgeben. Zeit und Raum für traurige, ernste Momente lassen. Den Verstorbenen im Gespräch noch mal ehren, Positives hervorheben und ihn nicht auf seiner eigenen Trauerfeier verbal ausschließen.

Der digitale Tod

Ein anderes Thema, das Stoff für einen eigenen Artikel bieten würde, ist das Thema Sterben im Netz. Was passiert mit den Daten Verstorbener? Mit dem zahlreichen Profilen, die wir heutzutage im Laufe unseres Dasein im Internet angelegt haben und all den sensiblen Daten, die wir doch geheim und nur für uns selbst irgendwo versteckt haben? Stirbt man plötzlich, mitten im Leben und mitten im Beruf, haben die Angehörigen das Problem, dass die Profile weiter existieren. Unpassend, ironisch, schmerzhaft für die Betroffenen. Da es gar nicht so einfach ist, an die Passwörter und nötigen Daten der verstorbenen Personen heranzukommen, gibt es immer mehr Dienste und digitale Nachlassverwalter, die sich darum kümmern, dass der Verstorbene auch in der digitalen Welt seine Ruhe bekommt. Wir alle müssten uns eigentlich schon jetzt Gedanken darüber machen, dass eines Tages jemand anderes unsere digitalen Profile und Postings löschen muss. Am besten man wählt eine Person seines Vertrauens und sagt ihr Bescheid, wo man all seine Passwörter und Daten lagert.

 

Der Tod im Web

Sobald jemand selber betroffen ist vom Tod eines nahem Menschen, hört es mit der Oberflächlichkeit und dem Verdrängen des Themas sowieso auf. Denn nun trifft es einen selber mit voller Wucht und man sucht nach Wegen, mit den Geschehnissen fertig zu werden. Das Internet bietet inzwischen tolle Möglichkeiten, lieben Verstorbenen ein ehrenvolles Andenken zu widmen mit speziellen Gedenkseiten und Portalen, in denen jeder seiner Verstorbenen gedenken kann. Das Portal Gedenkseiten.de ermöglicht Betroffenen für Verstorbene einzelne Gedenkseiten anzulegen, Fotos und Videos der Person einzustellen, einen Nachruf zu schreiben und ein Kondolenzbuch zu führen - alles kostenlos! Ein sehr sinnvolles Projekt, das mittlerweile 300.000 Gedenkseiten für Verstorbene beherbergt. Sehr schön ist die Option eine virtuelle Gedenkkerze für die einzelnen Personen gestalten und 'anzünden' zu können inklusive einer Mitteilung. Es kann sehr tröstend sein, wenn man die Verstorbenen so noch virtuell am Leben erhalten kann und sich bedanken für das, was sie geleistet haben, was sie gewesen sind..

Wir sollten die Verstorbenen nicht ausschließen aus unserem Leben, sondern sie in Erinnerung behalten und ihrer öfters gedenken!

Verstorbene Menschen haben unser Leben aktiv beeinflusst, sie haben oft den Grundstein für unser weiteres Leben gelegt. Es macht einfach keinen Sinn, sie zu ignorieren und aus Angst und Panik vor dem eigenen Tod oder vor dem Tod an sich, so zu tun, als hätte es sie nie gegeben. Jeder Mensch, der gelebt hat, hinterlässt seine Spuren.

 

 

Fazit

Der Tod ist für uns alle kein angenehmes Thema - aber es hilft auch nichts ihn zu verdrängen. Im Gegenteil, wir kommen mit ihm besser zurecht, wenn wir ihn öfter mal thematisieren - und dies hilft uns auch besser und bewusster zu leben.

Autor seit 5 Jahren
40 Seiten
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