Ach gönn dir mal was. Dachte ich. Ein Sparpreis-Sonderangebot, die Hinfahrt in der ersten Klasse nur sechs Euro teurer als die reguläre Fahrt mit meiner Bahn-Card in der zweiten. Da kommst du dann ruhig und relaxt an, kannst gut schlafen, geht ja um sieben Uhr morgens los, da sind Raum und Stille der ersten Klasse besonders willkommen. Dachte ich. Böser Fehler. Offenbar gibt es eine Instanz, die elitäres Denken sofort bestraft.

Bahnhof (Bild: (Bild: Pixabay))

Die vielen Geschäftsreisenden alleine wären ja noch gegangen. Dadurch war der Waggon recht voll, also keine Ausweichmöglichkeiten, aber wenigstens waren es respektable Schlipsträger, die sich still in ihre Blackberrys und Laptops vertieften. Ganz im Gegensatz zu den sieben Jungs in identischen roten "Wir fahren nach Mallorca" T-Shirts. Offenbar war es der Tag, an dem die Bahn nicht nur mir, sondern auch allen möglichen anderen Leuten das Ticket der ersten Klasse zum Ramschpreis hinterhergeworfen hatte. Kaum rollte der Zug, war die erste Flasche Bier geöffnet (nein, ich korrigiere, höchstwahrscheinlich war das an diesem Morgen nicht der erste Alkohol), und der Service-Klingelknopf gedrückt. Ein etwas überforderter junger DB-Kellner musste daraufhin bei 230 km/h gleich sieben Gläser Weizen und "ein paar Sandwiches und Croissants" am Platz servieren. Immerhin (noch) kein Sangria aus Eimern, dachte ich so bei mir und gönnte es den fröhlich lärmenden Gesellen von Herzen, dass dieses Bier mehr als vier Euro pro Glas kostete und, wie dem gesamten Waggon mitgeteilt wurde, schmeckte wie "eigschlofene Füß". Hatte ich erwähnt, dass es morgens kurz nach sieben Uhr war? Ruhen und schlafen war also nicht, dafür gab es hochinteressante Debatten über die Qualität der Prostituierten auf Malle. Ach ja, die schönen Ohrhörer für meinen MP3-Player, die lagen friedlich zuhause auf dem Tischchen in der Diele. Egal, Übung in Gleichmut, heut Abend auf der Rückfahrt ist es besser, dacht ich. Einfältiger Tropf, der ich bin.

Mittlerweile ist es acht Uhr abends, diesmal die zweite Wagenklasse, ICE Großraumwaggon, und einer der als "Ruhebereich" ausgewiesen ist. Überall an den Wänden groß ein "Psst" Piktogramm und ein durchgestrichenes Handy. Perfekt nach einem anstrengenden Tag.

Die Handy-Nerver kennen wir ja. "Hallo Schatz, ich bins, heut bin ich um fünf daheim, wie jeden Tag, ja klar weißt du das, aber die netten Leute hier im Zug nicht!". Die Details von Schwiegermutters Krebsoperation oder Namen, Abteilung und Bezeichnung der Firma des inkompetenten Vorgesetzten, das hatte ich alles schon. Aber nicht heute, nicht hier im Ruhebereich. Das durchgestrichene Handy an der Wand. Herrlich. Wenn man Augen hat. Oder sowas wie ein Gewissen. Was der jungen Dame schräg gegenüber wohl fehlte. Die eine Transport-Box mit einem Baby Eichhörnchen, Frettchen, was weiß ich, dabei hatte. Es war Handteller klein, pelzig, machte aber Geräusche wie ein genervter Spitz. Und das Bäuchlein war hart. Jaaaa. Denn das musste der Empfängerin des Wesens haarklein mitgeteilt werden. Am Handy. Aha, also eine Art Babytierbotin, die der Person, der sie in ca. 90 Minuten eh live gegenüber steht, unbedingt schonmal berichten muss, dass "die Süße" unter der Sommerhitze heute ja schon sehr gelitten hat, welches Futter sie wie oft womit eingeflößt haben soll, und welche Farbe ihr Durchfall hat. Hallo! Es interessiert mich nicht, welche Farbe der Dünnpfiff von dem Viech hat! Kein bisschen. Na ja, die Schilder ignorierende Tranporteuse hat's rausgefunden. Das pelzige Etwas hat ihr aufs Shirt gekackt. Daraufhin musste das Handygespräch beendet und die Zugtoilette aufgesucht werden. Ich mochte das Tier.

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